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„Wie ein Gipfelsturm nach unten...“

10.000 Stunden unter Wasser. Der deutsche Meeresbiologe Hans Fricke begab sich
zusammen mit  U-Boot-Kapitän Jürgen Schauer erneut auf  Tauchstation im Toplitzsee.
Ihre „biologische Schatzsuche“ diente diesmal der Erforschung und Sammlung von Bakterien.

Dunkel und geheimnisvoll liegt der See an der Südseite des Toten Gebirges. Die Wasseroberfläche ist so glatt, dass sich die bewaldeten Bergrücken darin spiegeln. Die Stille im Tal ist beinahe zum Greifen. Plötzlich sind Luftblasen zu sehen und kurze Zeit danach taucht ein gelbes U-Boot aus den Fluten auf. Es ist die „Jago“, das berühmte Forschungsschiff des deutschen Meeresbiologen Hans Fricke. Der Forscher ist wieder einmal auf Tauchfahrt im sagenumwobenen Toplitzsee. Frickes fünfter und wahrscheinlich letzter Tauchgang in diesem Gewässer, wie er später im ECHO-Interview in der Fischerhütte direkt am Ufer des Sees erzählt. Bereits 1983 tauchte der bekannte Filmemacher und Biologe das erste Mal mit einem U-Boot – damals war es noch die „Geo“ – in die dunklen Tiefen des Toplitzsees hinab. Damals hatte er eine Tauchgenehmigung für den See vom Österreichischen Innenministerium erhalten, die erste nach 20 Jahren. „Ich habe von der Zeitschrift GEO den Auftrag erhalten, einen Führer über Alpenseen zu machen, die über 100 Meter tief sind. Unter anderem tauchten wir im Königsee, Traunsee, Wolfgangsee und im Toplitzsee.“ Neben dem bayerischen Königsee, der durch seine ausgelösten Versteinerungen ein interessantes Tauchterrain ist, war der deutsche Forscher von dem kleinen Salzkammergutsee am meisten beeindruckt. „Hier gibt es eine Art Chemismus, der in keinem anderen See der Alpen vorkommt. Ab 14, 15 Metern gibt es keinen Sauerstoff mehr. Alles ab dieser Tiefe wird konserviert.“  Bei seinen Tauchgängen entdeckte er Lebensformen, die in der Frühzeit der Erde ähnlich ausgesehen haben. Fricke entdeckte aber auch Bomben, Sprengsätze, abgeschossene Raketen, Minen, Messinstrumente und aufgebrochene Kisten, zugedeckt mit feinem Sediment. Seine biologische Entdeckungsreise wurde auch zu einer Abenteuerfahrt in die dunkle Vergangenheit der Nazizeit. Fricke wirbelte mehr „braunen Schlamm“ auf, als ihm lieb war. Und bis heute kann er nicht verstehen, warum die Bergungsaktion der Falschgeldkisten schlussendlich von der Österreichischen Nationalbank verboten wurde. „Es gab damals das O.K. von Minister Frischenschlager. Wir wollten die Kisten für das Museum heben, unter Wasser waren außerdem viele Dinge, die für das Heeresgeschichtliche Museum interessant gewesen wären. Geo hat extra ein Gutachten erstellen lassen, ob das Heben laut Genfer Falschgeldkonvention erlaubt ist.“ Es fand ein regelrechtes Gefecht mit der ÖNB statt, so Fricke. Die englische Bank und die ÖNB bestanden darauf, dass alles vernichtet wird. „Das hat mit sehr leid getan, denn hier handelte es sich um ein Stück Naziarchäologie. Man hat dann einzelne gefälschte Pfundnoten aufgehoben. Denn so wurde mir mitgeteilt: Wenn ein österreichisches Museum einen Wurm deponiert, dann reicht es auch, einen Schein aufzubewahren.“  

Der Toplitzsee-Wurm. Für eine biologische Weltsensation sorgte Frickes Entdeckung eines 23 cm langen Wurmes. Lumbricus cf. Polyphemus, oder „Willi“, wie ihn die Forscher tauften, konnte wie durch ein Wunder in den sauerstofflosen Tiefen überleben. Dort, wo höchstens noch Bakterien zu finden sind, die in der giftigen „Schwefelwasserstoff-Suppe“  des Toplitzsees gedeihen. Begleitet wurde der deutsche Meeresbiologe in den achtziger Jahren auch von dem weltbekannten Experten Karl Stetter. Gemeinsam mit Stetter begab er sich auf die Suche nach dem „klaten Geegnstück“ der so genannten Archebakterien. „Das sind ganz primitive Bakterien, die normalerweise nur in warmen Gewässern vorkommen. Es sprach alles dafür, dass es auch kalte Typen gibt.“ Und er fand sie tatsächlich. Ausgerechnet auf dem Falschgeld der Nazis hatten sich die Bakterien als brauner Schleim breitgemacht. Stettner nannte das Bakterium „Methanobacterium pecunivorans“, also den Geldfresser. „Die gehen nur auf Papier, weil sie ein ganz spezielles Substrat brauchen“, so Fricke. „Es gibt überall ganz spezialisierte Bakterien, schließlich leben wir in einem Bakterienzeitalter.“ Bereits das fünfte Mal ist Hans Fricke nun am Toplitzsee, um seine Forschungen zu machen. „Wir haben uns überlegt, welche Organismen gehen wir diesmal an, da dies hier wahrscheinlich mein letzter Tauchgang im Toplitzsee ist. Ziel unserer Arbeit ist die Erforschung und Sammlung von Chloroflexusbakterien.“ Unterstützt wird er dabei von mehreren Wissenschaftlern aus Deutschland und den Niederlanden. Der frühe Wintereinbruch schaffte geradezu ideale Bedingungen für die mikrobiologischen Untersuchungen. Die Kälte und der Schnee hatten große Mengen Wasser gebunden, die sonst in den See geflossen wären und für eine Trübung der Sicht gesorgt hätten.  

Faszination Toplitzsee. Über 20 Jahre beschäftigt sich der Forscher schon mit dem legendären Alpensee. Und noch immer sorgt das Gewässer für Begeisterung bei Fricke. „Von der Landschaft her ist es einer der schönsten Alpenseen. Der Toplitzsee beeindruckt mich immer wieder.“ Auch Frickes U-Boot-Kapitän Jürgen Schauer kommt immer wieder gerne an den geheimnisvollen See im Salzkammergut. Er ist der Mann, der für den Entwurf und den Bau der „Jago“ verantwortlich ist und seit vielen Jahren an Frickes Seite arbeitet. Das U-Boot ist für zwei Mann gebaut und hat insgesamt zwei Millionen Euro gekostet. „80 bis 85 Kilo, mehr sollte man nicht wiegen. Und klaustrophobisch darf man auch nicht sein, den so viele Stunden auf engsten Raum, das ist nicht jedermanns Sache“, erzählt der Tauchboot-Pilot. Über die Gerüchte, dass im Toplitzsee Nazischätze zu finden sein sollen, kann er nur lachen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass da etwas drin ist.“ Oft genug hat er die gespenstische Unterwasserkulisse mit eigenen Augen sehen dürfen. Bis zu einer Tiefe von etwa 15 Metern gedeiht eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt. Blasige Kolonien von Wimperntierchen sind Indikatoren für besonders gutes Wasser. Doch mit jedem weiteren Meter nimmt der Sauerstoffgehalt ab, hier wächst nur noch, was ohne Sauerstoff in den schwefeligen Tiefen überleben kann. Wie eben die besagten Urzeit-Bakterien oder Archaebakterien, die Fricke und sein Team bei der aktuellen Forschungsreise einsammelten. Deren Anblick erinnert an einen Märchenwald –  ein Unterwasser-Märchenwald aus Bakterienzapfen. Exklusiv für ECHO hat Hans Fricke eine Kamera mitgenommen und in über 80 Meter Tiefe atemberaubend schöne Bilder vom Grund des Sees gemacht. Sie zeigen Blätter, die von einer Bakterienschicht überzogen sind. Man sieht Hans Fricke und Jürgen Schauer bei der Arbeit. Und man kann verstehen, wenn Schauer sagt: „Ich bin ein privilegierter Mensch, denn ich komme in Zonen, die sonst kein Mensch betritt.“ Die Sicht unter Wasser beträgt sechs bis acht Meter mit den Scheinwerfern. Bis zu 400 Meter tief kann man mit der „Jago“ tauchen. „Ich bin aber schon einmal 420 Meter tief getaucht damit“, erzählt Fricke. Seine Tauchfahrten bezeichnet er als „Gipfelsturm nach unten“. Ob die Stille unter Wasser nicht beeindruckend ist, wollen wir von dem 66-Jährigen wissen. Schmunzelnd meint Fricke: „Die Motoren sind ziemlich laut, das tut manchmal richtig weh. Wir haben einmal einen Versuch im Toplitzsee gemacht und alles unter Wasser abgedreht. In der Nacht, da hört und sieht man nichts, das hat man hier total. Im Toplitzsee ist ein beeindruckendes Nichts in der Tiefe.“


Meer und Mehr. „Nicht so im Meer, da blitzt es einmal da und einmal dort“, erläutert der Wissenschaftler. Seinen längsten Tauchgang hatte er im Roten Meer.
22 Stunden blieb Fricke damals unter Wasser. Im Durchschnitt dauert ein Tauchgang etwa vier bis fünf Stunden. Insgesamt hat er sicher schon 10.000 Stunden unter Wasser verbracht. „Aber“, sagt er, „wenn man einige hundert Tauchfahrten gemacht hat, ist das nur mehr Routine.“ Natürlich sei das Meer faszinierender als die Süßwasserseen. Und er erinnert sich genau wie es war, als er zum ersten Mal ein Korallenriff gesehen hat. Auch an seine erste, abenteuerliche Reise, die er auf sich nahm, weil es schon als Kind sein Traum war, in tropischen Meeren zu tauchen. Da radelte er mit dem Fahrrad von Alexandria entlang des Roten Meeres bis fast zur Grenze des Sudan. Seine letzte große Tauchfahrt führte den Forscher in die Arktis, wo er wieder einmal für GEO im Einsatz war. „Ich habe über 20 Geschichten für GEO selbst geschrieben und fotografiert. Früher hatte ich da bis zu 50.000 DM für eine Geschichte zur Verfügung. Für die Arktis-Geschichte gab es jetzt 3000 Euro für den Fotografen und 1000 Euro für den Text.“ Da wundert es nicht, dass sich Fricke vermehrt anderen Projekten zuwendet. Generell sei die Forschungsarbeit relativ teuer, wenn man sie privat betreibt. „Die großen Projekte werden durch die deutsche Forschung finanziert. Bei kleinen Projekten zahlt sich das für die Forschung aber nicht aus.“ Nach seinen Erkundungen im Toplitzsee wird er sich wieder der Untersuchung kognitiver Leistungen von Fischen widmen. „Es ist beeindruckend, wozu Fische fähig sind. Zum einen leben sie in Beziehungen. Bei Experimenten im Roten Meer konnte ich auch beobachten, dass Fische richtig wütend werden können.“ Der Verhaltensforscher machte seine Versuche mit Drückerfischen. Unter anderem zeigt er, wie dieser Fisch an seine Leibspeise, einen Seeigel rankommt. „Ich hab dem Fisch einen Seeigel gezeigt und diesen dann in einer Dose versteckt. Der Drückerfisch kreiste um diesen Topf, weil er genau wusste, dass da der Seeigel drin ist. Nach einer Weile öffnete er den Deckel und kam so an den Seeigel ran.“ Eine Reihe von Experimenten zeigte, dass der Fisch sogar mit zwei Dosen zurecht kam. „Bei der dritten Dose war er aber mit seiner Kunst am Ende“, so Fricke. „Aber, ich konnte belegen, dass dieser Fisch ein unglaubliches Gedächtnis hat. Er verfügte über so genannte Objektpermanenz (so nennt man die kognitive Leistung, zu begreifen, dass ein Gegenstand weiter existiert, auch wenn man ihn nicht sieht). Genau diese Versuchsreihe will Hans Fricke jetzt weiterführen. Mittlerweile ist er so weit, dass er zeigen kann, dass dieser Fisch durchaus über die Leistungen eines zweijährigen menschlichen Babys verfügt. Eines ist gewiss: Langweilig wird dem Meeresbiologen, Verhaltensforscher und Filmemacher nicht so schnell werden. 

Regina Zeppelzauer
Andreas Zeppelzauer

Samstag, den 01. Dezember 2007 um 01:00 Uhr

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