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CityGuide
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Egal um welchen Preis

WYOG 2012. Die nächste Großveranstaltung, die nächsten schlechten Nachrichten. Völlig ungewisse Planungssituation und heftige Personalfragen offenbaren die gravierenden Auswirkungen des ewigen Wunsches nach sportlichen Großspektakeln.


Die Einwohner von Schilda hätten ihre wahre Freude mit solchen Konstellationen. Man finanziere subventionsbedürftige Sport-Großereignisse mit Millionenbeträgen, um den Bau, Erhalt und Betrieb von subventionsbedürftigen Sportstätten zu rechtfertigen, um in weiterer Folge in genau diesen Bauten weitere subventionsbedürftige sportliche Großereignisse durchführen zu können. Und – hier erblassen sogar die Bürger von Schilda vor Neid – hierzulande ist man auf diese Konstellation auch noch stolz: „Die Universiade 2005 war eine Veranstaltung, um sich für andere Großveranstaltungen ins Schaufenster zu stellen. Und wir haben unsere Sportanlagen für eben solche Großveranstaltungen wie die Universiade“, erklärt Tirols Landeshauptmann-Stellvertreter und Sportlandesrat Hannes Gschwentner (siehe Interview Seite 94) die Motivation, Anlagen wie die Bob- und Skeletonbahn in Innsbruck-Igls oder die Olympiahalle zu erneuern, denn: „Was wäre die zweite Variante gewesen? Diese Anlagen zu schleifen und in kleinerem Umfang zu bauen.“ 
Weil es sich für das „Sportland“ Tirol sowie die „Sportstadt“ Innsbruck als zweifacher Ausrichter olympischer Winterspiele eben scheinbar nicht schickt, die Dimension der Sportanlagen auf die vorhandenen, regionalen Bedürfnisse zu reduzieren, muss somit ein Subventions-Marathon ohne erkennbaren Zieleinlauf gegangen werden. Um die überdimensionierten und subventionsträchtigen olympischen Sportanlagen zu rechtfertigen, benötigt es Großveranstaltungen – um diese jedoch nach Innsbruck/Tirol zu holen beziehungsweise sie durchführen zu können, benötigt es jedes einzelne Mal öffentliche Finanzspritzen in Millionenhöhe.
2012 steht also mit den „Winter Youth Olympic Games“ (WYOG) die nächste Großveranstaltung auf dem Innsbrucker Veranstaltungsprogramm – und schlägt schon knapp zweieinhalb Jahre vor ihrem Beginn hohe Wellen. Nur leider kaum positive.

Personelle Probleme. Sowohl WYOG-Geschäftsführer Martin Schnitzer als auch WYOG-Präsident Christoph Platzgummer kämpfen aktuell mit den Nachwehen ihrer Tätigkeiten bei der bislang letzten Tiroler Großveranstaltung, der Fußball-Europameisterschaft 2008. „Die erneute Prüfung des Vereins Tirol/Innsbruck 08 durch das Kontrollamt hat nicht nur für Christoph Platzgummer mit seinem Rücktritt als Vize-Bürgermeister von Innsbruck Folgen gehabt, sondern hat auch Auswirkungen auf den Geschäftsführer Martin Schnitzer. Natürlich ist der Ausgang dieser Prüfung relevant für die Funktion dieser Personen in neuen Gesellschaften, die sich mit ähnlichen Themen, also Großveranstaltungen, beschäftigen“, erklärt Hannes Gschwentner das über den Köpfen von Platzgummer und Schnitzer schwebende Damoklesschwert. Welches doppelt zuschlagen könnte: Zum einen explodierte der öffentliche Finanzierungsbedarf von zuerst geplanten knapp zwei Millionen Euro für die Fanzonen in Innsbruck auf schlussendlich über fünf Millionen Euro. Zum anderen wirft das monatelang verschwiegene, zusätzliche Finanzierungsloch von knapp einer Million kein allzu gutes Licht auf die Tätigkeiten im Verein Innsbruck/Tirol 08. Dass somit Martin Schnitzer wie auch Christoph Platzgummer weiterhin bei der WYOG-Organisation federführend tätig sein werden, ist mehr als nur fraglich – auch wenn von einer klaren Entscheidung aktuell noch nichts zu vernehmen ist: „Die von der Stadt zu besetzenden Posten im WYOG-Präsidium sind noch nicht entschieden“, spielt Innsbrucks Bürgermeisterin Hilde Zach, angesprochen auf Platzgummers Zukunft als WYOG-Präsident, auf Zeit. Auch WYOG-Vizepräsident Hannes Gschwentner will sich – siehe die Zukunft von Geschäftsführer Martin Schnitzer – nicht vor der Veröffentlichung des Kontrollamts-Endberichtes klar äußern und sieht speziell Christoph Platzgummers Euro-Vergangenheit nicht als sein Problem: „Das ist eine Entscheidung der Stadt Innsbruck.“
Wobei die aktuellen personellen Diskussionen wie auch die durchaus zu ziehenden Lehren aus dem Euro-Finanzloch im Vergleich zum wirklichen Problem der WYOG Kinkerlitzchen sind. Vor allem finanziell. 

Inhaltliche Konfusion. Selbst zweieinhalb Jahre vor dem Startschuss zur ersten Auflage der „Winter Youth Olympic Games“ fehlt vor allem Eines: Planungssicherheit. Diese dafür in allen Bereichen. So wurde schon das 15-Millionen-Budget erstellt, ohne wirklich eine Vorstellung haben zu können, welche spezifischen Anforderungen 2012 vom Veranstalter erfüllt werden müssen. Anforderungen an die Host City, die vor allem von Seiten des IOC an Innsbruck herangetragen werden können. Immerhin zeigt das aktuelle Lieblingsprojekt von IOC-Präsident Jacques Rogge in seiner Konzeption bislang lediglich sehr viele, sehr schöne – aber auch sehr vage formulierte Ansätze: Sowohl im sportlichen Bereich (bei den vorhandenen Bewerben beziehungsweise den genauen Qualifikations- und Quotenregelungen) als auch im kulturellen Bereich sind bis heute noch keine klaren To-do-Listen zwischen dem IOC und dem Austragungsort Innsbruck fixiert. Bleibt somit natürlich genügend Spielraum für die Etablierung wunderschöner und beeindruckender Spiele in perfekt olympischer Optik. Bleibt somit natürlich ebenso genügend Spielraum für stets steigenden Finanzierungsbedarf. Ein für Großveranstaltungen nicht zu unterschätzendes Problem, aber allerhöchstens für die Ausrichter: Immerhin wird, neben den fixierten neun Millionen Euro, natürlich auch eine vollständige Absicherung eines weiteren, eventuell auftretenden Betriebsfehlbetrages von den WYOG-Gesellschaftern – Stadt Innsbruck, Land Tirol und dem Bund – garantiert. Eine Konstellation, die Innsbrucks Bürgermeisterin Hilde Zach immerhin schon die Anlage einer eigenen WYOG-Finanzrücklage schmackhaft machte.
Wobei im gleichem Atemzug natürlich auch die „immensen“ Chancen für Tirol und Innsbruck ins Feld geführt werden: „Wir sind die Ersten, die diese Spiele durchführen. Das macht es natürlich sehr spannend. Zwar bringt das auch ein Risiko mit sich, dass die Erwartungen, die manche in diese Spiele setzen, nicht 1:1 erfüllt werden. Es birgt aber auch große Chancen, diese Spiele mitzugestalten, die dann eine völlig neue Dimension mit weltweiter Aufmerksamkeit erreichen“, freut sich Hannes Gschwentner auf die Aufgabe WYOG-Entwicklung. Hinzu kommt die internationale Aufmerksamkeit für die Winterspiele der 14- bis 18-jährigen Teilnehmer: „Wir wollen bei der Darstellung und Präsentation der Spiele auch in jene Medien gehen, die für junge Menschen sehr interessant sind. Und da werden unter Umständen auch Gäste für die Zukunft herangezogen – das ist natürlich hypothetisch, aber das ist in der Werbung ja viel“, so Gschwentner. Nicht zu vergessen natürlich, dass vor allem die Tiroler Landeshauptstadt wieder den – ihr scheinbar zustehenden – Platz in der olympischen Familie bekommt: „Es gibt die Chance, das Branding ‚Olympische Spiele‘ wieder für eine Veranstaltung in Innsbruck zu nutzen.“

Akzeptiert. Genau diese Sehnsucht, Innsbruck beziehungsweise Tirol endlich wieder im Glanz der fünf Ringe erstrahlen zu lassen, begleitet die WYOG – genauso wie den Testlauf Universiade 2005 – seit Anbeginn. Natürlich lehnt sich noch niemand der handelnden Personen aus dem Fenster und nimmt das Wort „Olympiabewerbung“ in den Mund – im Gegenteil, der Realismus scheint aktuell sogar noch einigermaßen gegeben. Kein Wunder, sind doch moderne Winterspiele eine finanzielle, strukturelle und personelle Herausforderung, die eine Region wie Tirol nur schwer stemmen könnte. Und vielleicht ist es genau jener nach außen getragene Realismus, dass die olympische Zeit für Ausrichter dieser Dimension schon längst Vergangenheit ist, der auf der anderen Seite die rosa Brille aufsetzt. Denn im Zuge der WYOG müssen keine Milliarden gestemmt werden, es reichen schon ein paar Milliönchen an Fördermitteln, um die olympischen Ringe wieder stolz vor sich her tragen zu dürfen, um IOC-Präsident Jacques Rogge vor den Kameras dieser Welt die Hände schütteln zu dürfen. „Man“ ist wieder wer in der olympischen Familie – egal um welchen Preis. Michael Kogler

 


Bauchgefühl
Hannes Gschwentner. Der Vize-Präsident der WYOG 2012 sieht einen mehrfachen Nutzen der Spiele für Tirol.

ECHO: Das Land Tirol beteiligt sich – wie die Stadt und der Bund – mit drei Millionen Euro an den WYOG. Wo sehen Sie den Sinn des Engagements?
Hannes Gschwentner: Für das Land sind die WYOG insofern interessant, weil wir drei Millionen Förderung geben und damit eine Veranstaltung bekommen, die über ein Budget von 15 Millionen verfügt. Man rechnet mit einem entsprechenden Werbewert. Auch die Tiroler Sportfachverbände können von den Spielen 2012 profitieren.
ECHO: Kann man den Werbewert erfassen – in welcher Dimension wird sich dieser in der Aufmerksamkeit bewegen?
Gschwentner: : Ich denke, dieser wird mit der Winter-Universiade 2005 vergleichbar sein  – aber mit einem deutlich höheren Prädikat. Eben weil es olympische Spiele sind und somit die Chance gegeben ist, das Branding „Olympische Spiele“ erneut für eine Veranstaltung in Innsbruck zu nutzen. So können sich im Sog des olympischen Überdachs das Sportland Tirol und die Sportstadt Innsbruck weiterentwickeln, was wiederum ganz gut zur Zukunftsorientierung Tirols und Innsbrucks passt.
ECHO: Die Universiade hatte einen Förderungsbedarf von knapp sechs Millionen Euro – hat sich diese Investition  gelohnt?
Gschwentner: Aus dem Stand lässt sich das für das Land nicht genau beantworten. Welche Nachhaltigkeit die Universiade hatte, müsste man natürlich im studentischen Bereich abfragen. Nichtsdestotrotz haben wir unsere Sportanlagen für Großveranstaltungen wie die Universiade. Also Bob- und Skeletonbahn sowie die Olympiahalle waren am Ende – und man hat sich damals zum Ziel gesetzt, wieder Großveranstaltungen auszurichten, um diese Anlagen auch zu nutzen. Was wäre die zweite Variante gewesen? Diese Anlagen zu schleifen und in kleinerem Umfang zu bauen. Aus diesem Grund hat man beschlossen, man will große Veranstaltungen haben – und unter diesem Aspekt war die Universiade von Nutzen. Für uns hatte es den Vorteil, dass es – in nicht unerheblichen Ausmaß – Mitfinanziers für eine Veranstaltung gab, die bei uns durchgeführt wurde und im Zuge dessen man für zukünftige Veranstaltungen schon eine Grundlagenverbesserung herbeiführen konnte. Daher war die Universiade auch eine Veranstaltung, um sich für andere Großveranstaltungen ins Schaufenster zu stellen.
ECHO: Also Zielrichtung Olympische Winterspiele in Innsbruck?
Gschwentner: Aus meiner Sicht nicht. Nach den Zuschlägen der letzten Jahre zeigt sich immer mehr, dass dies viel erheblichere Aufwendungen für Stadt, Land und Bund erfordert. Sotschi 2014 hat immerhin ein Budget von drei Milliarden Euro!
ECHO: Also wird es die WYOG mit einem 15 Millionen Euro Budget recht schwer haben wird, die gewünschte und nötige internationale Aufmerksamkeit zu erlangen...
Gschwentner: Eher in einem abgestuften, niedrigerem Bereich. Aber in den europäischen Nachbarländern, die diese Veranstaltung auch beschicken, werden die WYOG durchaus Aufmerksamkeit erzielen. Wir wollen bei der Darstellung und Präsentation der Spiele auch in jene Medien gehen, die für junge Menschen interessant sind. Und da werden unter Umständen auch Gäste für die Zukunft herangezogen – das ist natürlich hypothetisch, aber das ist in der Werbung ja viel.

Donnerstag, den 02. Juli 2009 um 16:36 Uhr

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