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„Breakdance ist nichts für Lullis“

Onur_BakisPorträt. In der Szene kennt man ihn als B-Boy Onur, mit dem DOYOBE!-Festival – einem Jugendaustausch im Breakdance – setzt Onur Bakis integrative Maßstäbe und erhielt 2009 dafür den Förderpreis für Kunst und Kultur der Stadt Salzburg.

Ein Kulturschock sei es für Onur Bakis gewesen, als er 1991 nach Österreich kam, um zu bleiben. Ausgewandert aus Adana in der Türkei mit der Familie, weil sie in Europa bessere Chancen sah. Die Oma sei schon länger da gewesen. In Eggelsberg (Oberösterreich) aber wurde es dem jungen Türken bald zu fad. Später zog die Familie nach Salzburg. „Eigentlich wollte ich immer was mit Computer zu tun haben, Informatik lernen oder so“, sagt Bakis. Geworden ist es eine Kochlehre, aber auch eine Lehre fürs Leben, denn dort wurde Bakis von den Kollegen ständig schikaniert, ausgegrenzt und zum Salatputzen verdonnert. Da blieb der türkische Freundeskreis lieber unter sich und hing am Bahnhof rum, mit coolen Sprüchen und aufpolierten Autos wollte man zeigen, dass man auch etwas hat. Da habe es schon die eine oder andere Schlägerei gegeben. „Nach zwei Jahren hab ich aber gedacht, das kann’s nicht sein, warum soll ich ungebildet am Bahnhof rumhängen?“, erzählt der 27-Jährige, der es nun allen zeigen wollte.

Der Beste im Posen. Onur Bakis ist der lebende Beweis dafür, dass man alles schaffen kann, wenn man die nötige Ausdauer hat. In Videoclips hat der Salzburger die Hip-Hop-Kultur in sich hineingesaugt wie kein anderer: Die Rapper, die vom Elend der Straße singen, die Sprayer mit ihren Graffiti-Künsten an den Wänden, allen voran aber die B-Boys und B-Girls im Breakdance, die sich ihren Frust aus der Seele tanzen. „Ich hab sofort gewusst, ich will der Beste sein und mein Leben mit Breakdance schmücken.“ Anfangs hatte Bakis noch keine Ahnung von der Szene. „Da habe ich gedacht, die Jugendlichen in den Salzburger Discos sind sicher weltberühmte Tänzer.“ Doch Onur Bakis hatte bald alle Tanztricks drauf, und spätestens nach seinen fünf österreichischen Staatsmeistertiteln im Breakdance wusste B-Boy Onur, dass Österreich in der Hip-Hop-Szene noch viel zu lernen hat, weil „die Titel waren so leicht zu gewinnen.“ Mehr und mehr begeisterte ihn diese neue Welt und die damit verbundene Interkulturalität, in der es keine Gewalt, keinen Rassismus und keine Drogen gibt.

Friede und Respekt. Die Besten der Welt seien momentan in Korea und Frankreich zu finden, und natürlich auch in den USA, dort wo der Hip-Hop in den afro­amerikanischen Ghettos von New York seinen Ursprung fand. „Das sind die Coolen mit den weiten Jeans und dem Slang, so wie man sie aus MTV kennt, die sind real wirklich so“, sagt Onur. Mitsamt ihrer Gangsta-Mentalität. Für Onur Bakis ist Breakdance aber Hochkultur, da gehe es viel mehr um Peace und Respect. Bakis ist unter anderem auch der Gründer des Streetdance Centers Salzburg sowie der Breakdance-Gruppe „Moving Shadows“, die er 1999 mit dem Salzburger Alexander Wengler und Josef Neuböck leitete. Heute haben sich die drei Jungs in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt. Wengler ist mit der Gruppe Nobulus höchst erfolgreich im Tanztheatergenre unterwegs, Neuböck führt ein Hip-Hop-Geschäft in Salzburg und Bakis spezialisierte sich als Jugendleiter von Kursen und Workshops, mit denen er in Schulen geht und Choreografien einstudiert. In seinen Kursen bringt Bakis die angehenden B-Boys und Girls hingegen zum Zittern: „Ich habe keine Zeit für Lullis“, sagt er und lacht. Breakdance sei eben der härteste Tanz der Welt, er selbst trainiert fünfmal die Woche, als Workshopleiter ist er ohnehin ständig in Bewegung. Einen Handstand auf der Linken beherrscht Bakis selbst nach zwei Schulteroperationen aus dem Stegreif. „Das Geheimnis besteht im Gesetz der Anziehung“, steht auf seiner Homepage zu lesen. Die Besten aber nimmt Bakis mit zu den Workshops und Battles nach München, nach Paris, oft auch rund um den Globus. „Battles sind eine wichtige Schule, hier entscheidet eine kompetente Jury über die coolsten Stile und Bewegungen.“ Wer aber sind die Besten der Szene? „Die, die nie aufhören zu tanzen und zu reisen“, meint Bakis und nennt Namen wie Lilou und Hong10, die die Szene beherrschen. Und nicht die, die man aus dem Fernsehen kenne, das sei überflashiger Kommerz.

Förderpreis. Obwohl Onur Bakis eigentlich nichts gegen Kommerz hat, weil es den Breakdance populärer macht. In Salzburg etablierte Bakis 2008 den Verein DOYOBE! (übersetzt: Do your best) und setzte damit kulturpolitische Zeichen. Bereits zum zweiten Mal findet heuer im Juni das Doyobe Urban Culture Festival statt – ein interkulturelles Zusammentreffen von jungen Tänzern aus Ländern wie Marokko, Israel, den USA und Korea, die ihre kreative Art der Bewegungskunst präsentieren und sich gegenseitig austauschen. Ganz nach dem Motto „Don’t hate, but respect“. Da habe Religionspropaganda keinen Platz. „Die jungen Leute werden immer sagen, hey, ich war schon dort, das ist ganz anders, als ihr sagt“, so Bakis. Gefördert wird das Projekt auch von der EU und 2009 bekam Bakis, der auch von Land und Bund unterstützt wird, von der Stadt Salzburg den Förderpreis für Kunst und Kultur. Die Sprache sei das Um und Auf einer Migrationsgesellschaft, meint Bakis, doch viele Menschen hätten Angst davor. Nur so können Parallelgesellschaften wie etwa in Hallein entstehen. „An Städten wie zum Beispiel München lässt sich beobachten, wie sich die südliche Kultur mit der westlichen langsam vermischt und was daraus entsteht. Das bringt Farbe in die Gesellschaft.“ Nun wünscht Bakis sich für die Zukunft eine Kulturakademie für sich und seine Hip-Hop-Freunde. Er selbst hat sich in Salzburg völlig integriert. Die türkische Gruppe vom Bahnhof ist längst Vergangenheit, sein Freundeskreis besteht heute überwiegend aus Salzburgern und Leuten aus der ganzen Welt. „Heiraten möchte ich aber eine türkische Frau, da halte ich an meinen Wurzeln fest“, meint Bakis und lacht wieder. So hat der junge Türke aus Adana es letztlich doch noch allen gezeigt.
Gerti Krawanja 

 

Onur Bakis

Onur Bakis wurde 1982 in Adana in der Türkei geboren. Vor knapp 20 Jahren kam er mit seinen Eltern und zwei Geschwistern nach Salzburg, absolvierte nach der Hauptschule eine Lehre als Koch im Café Glockenspiel (jetzt Demel) und wechselte nach erfolgreichem Abschluss als Kundenberater in die Salzburg AG. Daneben absolvierte er Ausbildungen und Seminare in der Jugendarbeit, machte eine Ausbildung zum Tanztrainer und wurde zertifizierter Projektleiter im „Youth in Action“- Progamm. Im Herbst 2002 hat Onur Bakis, selbst mehrfacher österreichischer Breakdance-Meister, das Streetdance Center Salzburg gegründet, wo seither regelmäßig Workshops veranstaltet werden. 2008 hat Bakis den Verein Doyobe initiiert, mit dem er internationale Breakdance-Events und mit Förderung der EU auch Jugendaustauschprojekte organisiert.

Donnerstag, den 11. Februar 2010 um 15:02 Uhr

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