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Wenn‘s im Bauch grummelt

Laktoseintoleranz. Fast jeder vierte Europäer kann Laktose nicht verdauen. Interessant aber ist, wieso es umgekehrt so viele können – denn die, die Milchzucker verdauen, sind eigentlich Mutanten.
Pech, wenn Sie eine Laktoseintoleranz haben. Sie gehören etwa zu 25 Prozent der Bevölkerung. Und Sie können das, was Ihnen Beschwerden verursacht, kaum meiden, denn das Zeug ist fast überall enthalten: In Puddings, in Fertiggerichten, in Wurst und Packerlsuppen, auch in Schokolade, Brot oder Eiscreme – sogar in Antibabypillen. Am meisten enthalten aber in Milch. Auf einen Liter kommen 50 Gramm Laktose, auch Milchzucker genannt. Sie ist dafür verantwortlich, dass vielen Menschen oft übel ist, sie über Blähungen oder Durchfall klagen – oder sogar erbrechen und Darmkoliken bekommen. Doch: „Symptome können nicht nur den Bauch betreffen. Es können auch unspezifische Beschwerden wie Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen durch Intoleranzen verursacht werden", weiß Roland Fuschelberger, Facharzt für Innere Medizin und Spezialist für Testung auf versteckte/verzögerte Nahrungsmittelintoleranzen. Und je mehr Laktose zu sich genommen wird, desto schlimmer die Symptome.
Fuschelberger führt weiter aus: „Nahrungsmittelunverträglichkeiten können völlig unterschiedliche Beschwerden hervorrufen. Da die Symptomatik oft mit einer zeitlichen Verzögerung auftritt, wird eine Dia­gnose meist erst nach Jahren oder Jahrzehnten gestellt." So wissen oft viele nicht, dass sie an einer Intoleranz leiden. Und es sind viele, die Milchzucker nicht gut vertragen: Nach neuesten Schätzungen etwa zehn bis 25 Prozent der Gesamtbevölkerung – zumindest in unseren Breiten- und Längengraden.
Während in Mitteleuropa und der europäischstämmigen Bevölkerung Nord­amerikas und Australiens über 80 Prozent der Bevölkerung Laktose vertragen, sollte schon in Spanien oder Griechenland jeder Zweite Milchprodukte verwehren. Am Geruhsamsten aber können die Nordeuropäer Milch trinken oder Schokolade genießen. Nur zwei Prozent der Schweden, fünf Prozent der Dänen oder fünf bis zehn Prozent der Briten etwa sind von Laktoseintoleranz betroffen. In Ostasien, im südlichen Afrika und Amerika sind Milchtrinker schon Exoten (siehe Grafik). „Es gibt ein Nord-Süd-Gefälle der Verträglichkeit. Über Jahrtausende hat sich hier eine Selektion durchgesetzt", weiß Fuschelberger, denn ursprünglich haben die Menschen überhaupt keinen Milchzucker vertragen.

Evolution. Die Ursachen für das Leiden ist ein völlig normaler Enzymmangel. Ab dem fünften Lebensjahr versiegt im Dünndarm die Produktion von Lactase, einem Eiweiß, das bei Säuglingen den Milchzucker der Muttermilch in seine Bestandteile Glukose und Galaktose spaltet. Laktose selbst kann vom Darm nicht aufgenommen werden. Fehlt das Enzym, wandert der Milchzucker weiter in den Dickdarm und wird dort zur Nahrungsquelle für Darmbakterien. In deren Stoffwechsel entstehen aus Laktose eine Reihe von für den Darm unfeinen Stoffen: Milch- und Essigsäure, Kohlendioxid, Wasserstoff und Methan. Unnötig zu erwähnen, welche unangenehme Wirkung das zur Folge hat. Bei dieser sogenannten Milchzuckerunverträglichkeit ist der Mangel des Enzyms Lactase die Ursache, dass Milchzucker nicht gespalten werden kann.
Also wäre eine Laktoseunverträglichkeit ganz natürlich, jeder Mensch müsste beim Milchtrinken Folgewirkungen befürchten, es sollte also ganz normal sein, Milchzucker nicht zu vertragen. Wieso können dann aber so viele Menschen unbedenklich Milch trinken? Eine Frage, die Evolutionstheoretiker schon sehr lange beschäftigt, denn sicher scheint inzwischen, dass Laktoseunverträglichkeit der ursprüngliche Zustand des Menschen ist und Milchliebhaber also Mutanten, Endprodukte einer Mutation sind. Und genau so verhält es sich.
Als sich Ackerbau und Viehzucht in Europa vor etwa 7000 bis 8000 Jahren, in der Jungsteinzeit, ausbreiteten, kam eine neue wertvolle Nahrungsquelle hinzu, die sonst nur Babys zu schätzen wussten: Milch, ein Saft vollgestopft mit Eiweiß, Fett, Vitaminen – und eben Zucker. Doch die ersten Versuche, Milch zu trinken, mussten unsere steinzeitliche Ahnen sicherlich so bezahlen, wie es moderne Menschen mit Laktoseintoleranz tun – so lassen es genetischen Untersuchungen jungsteinzeitlicher Skelettfunde aus Europa erahnen. Im Laufe der Zeit veränderte sich ein einziges Gen, das es ermöglicht, die Herstellung des milchzuckerspaltenden Enzyms zu erzeugen – es schaltet nach der Stillphase nicht mehr ab. So können die Träger der Mutation auch als Erwachsene genug Laktase produzieren, um Milchzucker zu verwerten. Eine Genvariante, die nur in Europa vorkommt und sich schnell ausgebreitet haben muss. Ein deutsches Paläogenetikteam rund um Joachim Burger stieß im Erbmaterial von acht jungsteinzeitlichen Skeletten aus dem sechsten Jahrtausend vor Christus und in einem rund 4000 Jahre alten Knochenfund – allesamt aus Nord- und Zentraleuropa – immer nur auf die ursprüngliche Genvariante. Trotz der geringen Probengröße, versichert Burger, ließen statistische Berechnungen den Schluss zu, dass die Europäer zu jener Zeit noch praktisch vollzählig unter Milchzuckerunverträglichkeit litten.
In Afrika verhält es sich ein wenig anders. Genuntersuchungen zeigen, dass die europäische Genvariante auf dem schwarzen Kontinent praktisch nicht vorkommt – jedoch es in großen Teilen des Kontinents trotzdem viele Milchtrinker gibt. Doch auch dort liegt die Lösung des Rätsels in den Genen. Untersuchungen der University of Maryland zeigen, dass die Mutation hin zu einer Verträglichkeit von Laktose ebenfalls in einem Gen ihren Ursprung hat – allerdings in einem anderen als in Europa. Diese genetischen Mutationen waren eine Meisterleistung der Evolution und erleichterte das Überleben der frühen Menschen.

Behandlung. Diejenigen, die heute an einer Laktoseintoleranz leiden, müssen zwar nicht um das Überleben kämpfen, doch sind die Auswirkungen zumindest unangenehm. Andauernde schwere Durchfälle bedeuten eine Reizung der Darmschleimhaut, können außerdem zu einer Störung der Aufnahme von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen führen und gegebenenfalls sogar zu vermehrten Infektionen. Dazu der Aldranser Arzt Fuschelberger: „Durch die chronische Reizung der Darmschleimhaut und die Gärungsprodukte können Spätfolgen nicht ausgeschlossen werden. Außerdem führen die Symptome zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität. Da sich im Bereich des Darmes ein Großteil der Immunzellen befindet, ist auch in diesem Bereich eine gesundheitliche Beeinträchtigung mit Spätfolgen möglich." Denn ein gesunder Darm bedeutet ein gesundes Immunsystem.
Heilbar ist eine Laktoseintoleranz nicht. Doch die Auswirkungen können etwa durch Umstellung der Ernährung auf milchzuckerarme bzw. -freie Kost reduziert werden. „Bei sekundären Formen aufgrund von Schädigungen des Verdauungstraktes – wie etwa Gastroenteritis – kann durch Regeneration der Darmschleimhaut eine Ausheilung erfolgen", weiß Roland Fuschelberger. Mittlerweile gibt es laktosereduzierte Milchprodukte wie Milch, Käse, Joghurt, Sahne, Topfen usw. Aber man sollte aufpassen: Laktose wird vielen Nahrungsprodukten beigefügt. Die meisten Betroffenen vertragen allerdings nahezu beschwerdefrei kleinere Mengen an Laktose, sodass eine völlige Meidung gar nicht notwendig ist. Zudem gibt es noch die Lactasezufuhr durch Lactasekapseln. Aber hierbei ist die Dosierung schwer abzuschätzen und mit dem Arzt auszumachen. 
David Bullock

 

Beschwerdebilder bei Nahrungsmittelintoleranz

•Magen-Darm-Beschwerden: Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfallneigung, Verstopfung
•Hautsymptome: Ekzeme, periorale Hautrötungen, generalisierter Juckreiz, Nesselsucht (Urtikaria), Neurodermitis
•Atemwegsbeschwerden: Asthma bronchiale, chronischer Schnupfen oder Nebenhöhlenentzündungen
•Chronische Müdigkeit
•ADS-Syndrom
•Kopfschmerzen (oft migräneartig)
•Infektanfälligkeit
•Depressionen, Schlafstörungen
•Gelenk- oder Gliederschmerzen
•Übergewicht
•Bluthochdruck u.v.m.

Dr. Roland Fuschelberger: „Mit unserem diagnostischen Konzept werden häufige Ursachen von Unverträglichkeiten sicher erfasst. Nicht vertragene Nahrungsmittel werden so erkannt und können gezielt aus der Nahrung eliminiert werden. Das Konzept folgt dem Prinzip einer Stufendiagnostik. In jedem Fall erhält der Patient einen ausführlichen Befund mit vielen Hintergrundinformationen zu Art und Ursache seine Beschwerden. Auf Wunsch kann auf Basis der ermittelten Unverträglichkeiten und Angaben aus einem mitgelieferten Fragebogen ein individueller Rotationsplan erstellt werden, aus dem der Patient entnehmen kann, an welchen Tagen er was essen darf."

 

Ursachen und Testung

Dr. Roland Fuschelberger: „Nahrungsmittelunverträglichkeiten können auf vielen Ursachen beruhen. Neben klassischen Nahrungsmittelallergien durch IgE-Antikörper (Sofortreaktion), Pseudoallergien oder Zuckerintoleranzen (Milchzucker, Furchtzucker) kommt vor allem von IgG4-Antikörpern vermittelten Unverträglichkeiten eine wachsende Bedeutung zu. Hierbei handelt es sich nicht um Allergien im klassischen Sinne, obwohl IgG4-Antikörper durch Freisetzung von Histamin allergieähnliche Symptome hervorrufen kann. Sehr viel häufiger äußern sich Unverträglichkeitsreaktionen durch IgG4-Antikörper in Form unspezifischer Symptome, die in der Regel erst Stunden oder Tage nach dem Verzehr der verantwortlichen Nahrungsmittel auftreten. Nahrungsmittelunverträglichkeiten können völlig unterschiedliche Beschwerden hervorrufen. Da die Symptomatik oft mit einer zeitlichen Verzögerung auftritt, wird eine Diagnose meist erst nach Jahren oder Jahrzehnten gestellt."

•Diättest: Eine mehrtägige konsequente Diät ohne Laktose. Treten in dieser Zeit keine Symptome mehr auf, ist eine Laktoseintoleranz wahrscheinlich.
•Expositionstest: Nach einigen Tagen Laktose-Verzicht wird ein Glas Wasser mit 50 bis 100 Gramm gelöstem Milchzucker (gibt es in Drogerien, Reformhäusern und Apotheken) getrunken. Treten danach innerhalb von einigen Stunden die typischen Symptome auf, besteht eine Laktoseintoleranz.
•H2-Atem-Test: Dieses Verfahren basiert auf dem Nachweis von Wasserstoff (H2) in der Ausatemluft. Es ist ein indirekter Nachweis des Lactasemangels. Bei der bakteriellen Aufarbeitung der Laktose im Dickdarm entsteht neben Milchsäure, Essigsäure und Kohlendioxid auch gasförmiger Wasserstoff.
•Blutzucker-Test: Dieses Verfahren basiert auf der Messung des Glukose-Gehalts im Blut (venöses Blut oder Kapillarblut), die Lactaseaktivität wird also über einen Anstieg der Konzentration an Glukose im Blut festgestellt.
(Quelle: Wikipedia)

Dienstag, den 02. März 2010 um 14:33 Uhr

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