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IfM 0110
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„Kindesmissbrauch ist Teufelswerk“

Missbrauch. Die katholische Kirche wird derzeit von einer Welle an Meldungen über Missbrauchsfälle in nahezu allen ihren Einrichtungen überschwemmt. Es scheint ganz so, als hätten der sexuelle Missbrauch und die körperliche Misshandlung von Kindern und Jugendlichen durch kirchliche Würdenträger jahrelang System gehabt.
Bubenburg im Zillertal, die Stifte Stams und Fiecht, das Schwazer Paulinum, St. Bartlmä in Innsbruck – eine unvollständige Aufzählung all jener kirchlichen Einrichtungen, in denen es über Jahrzehnte zu körperlichen und sexuellen Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen gekommen ist. Die Betonung liegt auf „gekommen ist“. Auch in der katholischen Kirche würde heute niemand mehr das verharmlosende „angeblich gekommen sein soll“ verwenden. Dazu ist die Beweislast zu erdrückend. Nun scheint aufzubrechen, was jahrzehntelang systematisch von den Kirchenoberen konsequent geleugnet wurde, immer wider besseres Wissen und im vollen Bewusstsein, die Opfer damit ein zweites Mal zu missbrauchen. Aussitzen und maximal versetzen – das war die vom Vatikan ausgegebene Strategie und das bevorzugte Krisenmanagement der katholischen Kirche. Und wenn es hochgekommen ist, dann wurde einer der Täter schon mal exkommuniziert – eine „Strafe“, die sehr weit von den Konsequenzen eines weltlichen Strafrechts entfernt ist. Prinzipiell vertraut der Vatikan beim Umgang mit Sexualstraftätern im Ornat auf den eigenen Apparat, auf eigene Ermittler und auf die eigene Gerichtsbarkeit. Derartige Verfahren werden als würdevolle Prozeduren inszeniert, getragen vom Geist der Nächstenliebe und Vergebung. Den Tätern gegenüber wohlgemerkt, was auch erklärt, dass diese „Verfahren“ stets unter strengem Ausschluss der Öffentlichkeit geführt werden. Auch die Urteile solcher Verfahren bleiben geheim und verschwinden als „secretum pontificium“ im geschlossenen Archiv. Jetzt aber ist plötzlich alles irgendwie anders. So wie ein Tsunami ganze Landstriche zerstören kann, so hat die aktuelle Welle an angezeigten Missbrauchsfällen die katholische Kirche umgepflügt und zu einem Handeln veranlasst, welches noch vor ein paar Monaten geradezu denkunmöglich gewesen wäre. Die katholische Kirche schweigt nicht mehr zu den Missbrauchsvorwürfen – sie spricht offen darüber.

Nur eine weitere Strategie? Es gibt nur wenige, die der katholischen Kirche dieser Tage ein sichtliches Bemühen um Aufklärung der Missbrauchsvorwürfe absprechen. Der Geist der Transparenz und Offenlegung weht plötzlich durch die Pforten von Klöstern, katholisch geführten Schulen und anderen kirchlichen Einrichtungen. Noch nie war Recherche über Missstände innerhalb des Klerus derartig leicht – verdächtig leicht. So verdächtig leicht, dass etwa der deutsche Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann in einem Interview mit dem Standard meinte: „Bislang hat die Kirche sich zu schützen versucht, indem sie ihre Kleriker geschützt hat. Jetzt versucht sich die Kirche neuerdings zu schützen, indem sie die schuldig gewordenen Kleriker ausliefert. Man wäscht sich wieder die Hände in Unschuld.“ Diese aktuelle These Drewermanns bestätigt sich zur Zeit täglich aufs Neue. Verblüffend offen etwa spricht Abt German Erd vom Stift Stams über Vorkommnisse im stiftseigenen Bubeninternat. „Ja, es hat Mitte der Siebzigerjahre körperliche Misshandlungen von Internatszöglingen durch Pater gegeben. Und es stimmt, wir haben damals einen Hilfspräfekten fristlos entlassen müssen, weil er sich unseren Buben unsittlich genähert hat. Auch ein weltlicher Erzieher hat gehen müssen, weil wir seine brutalen Erziehungsmethoden nicht mehr akzeptieren konnten.“ Und Abt German nennt ohne Aufforderung die Namen der Patres, des Hilfspräfekten und des weltlichen Erziehers. Jeweils Vor- und Zuname, die Aufenthaltsdauer im Stift und die detaillierten Entlassungsgründe. Entschuldigen mag sich von den Patres übrigens heute keiner für die damaligen körperlichen Züchtigungen, sexuelle Handlungen bestreiten sie unisono. Damalige Zöglinge sehen das ganz anders – das in Stams Erlebte schmerzt die Internatszöglinge noch heute: „Das Schlimmste daran war eigentlich, dass es uns daheim niemand geglaubt hat.“ „Wenn mich Pater J. oder Pater H. verprügelten, habe ich mir als Erstes immer die Frage gestellt, was ich denn falsch gemacht habe. Dass die Patres etwas falsch machen, auf diese Idee bin ich gar nicht erst gekommen.“ „Ich wusste damals gar nicht, was wichsen bedeutet. Ich habe das mit körperlicher Züchtigung gleichgesetzt. So war ich dann irgendwie sogar erleichtert, als mir der Hilfspräfekt gezeigt hat, was er unter Wichsen versteht ...“
Diesen Hilfspräfekten mehr als 35 Jahre später zu finden, war ein Kinderspiel. Schließlich hat Günther Peer über seine sexuellen Erfahrungen hinter Klostermauern im Jahr 2006 ein Buch veröffentlicht, in welchem er kein noch so kleines erotisches Detail ausspart. (Siehe Interview ab Seite 58) Onanierspiele mit seinen damaligen Zöglingen bestreitet er vehement. „Ich bin homosexuell, das ja. Aber ich gehe doch nicht in ein Kloster, um Sex zu haben. Noch dazu mit minderjährigen Buben. Ich bin ja nicht verrückt!“ Apropos – tatsächlich einigermaßen verrückt klingen die Theorien, die Günther Peer in seinem immerhin 4000 Mal verkauften Buch aufstellt. Demnach seien Jesus und sein Apostel Johannes ein homosexuell lebendes Paar gewesen. Peer belegt das mit Bibelzitaten. Wissend fügt er an: „Aber es war eine rein platonische, seelische Liebe – mit genitaler Liebe hatte das nichts zu tun.“ Im Interview lenkt er plötzlich von sich aus das Thema darauf, dass er als Religionslehrer in Innsbruck Sex mit einem 15-jährigen Schutzbefohlenen gehabt hat. Natürlich in beiderseitigem Einvernehmen. Natürlich. Detailgenau schildert Peer in seinem Buch die sexuelle Begegnung mit dem Minderjährigen und es ist nicht die einzige Sexszene im Buch. Alle diese Szenen haben eines gemeinsam: Die Sexpartner von Günther Peer sind immer maximal 15-jährige Teenager, himmeln ihn stets an und er kann sich nicht gegen ihre Verführungskünste wehren. In seinem Buch lässt er sich auch ungeniert mit einem seiner massiv jüngeren Lebenspartner (wie er es nennt) ablichten. Günther Peer ist sowohl als Mönchsanwärter als auch als Religionslehrer an seiner sexuellen Orientierung gescheitert – er ist stets aus allen ihm anvertrauten Ämtern fristlos entlassen worden. Weitere Konsequenzen gab es jedoch nie, und das obwohl zumindest die Käufer seines Buches über seine verbotenen Beziehungen zu Schutzbefohlenen Bescheid gewusst haben müssen und es bei sexuellen Handlungen mit Minderjährigen unerheblich ist, ob sie, wie Peer wissen lassen möchte, einvernehmlich vorgenommen werden. Der Strafbestand bleibt. Ehemalige Lehrerkollegen von Peer erinnern sich zwar an den „kauzigen Typen, der stets behauptet hat, ein Adeliger zu sein“ und sie hätten alle „irgendwie gewusst, dass der Günther schwul sein muss“. Er wird als schmuddelig beschrieben, mit einem Hang zum Erzählen von Witzen, die oft weit unter der Gürtellinie waren. Erst als Peer offensichtlich „den Glanz des Begehrens in den Augen des Jungen“ missgedeutet hat, folgten Konsequenzen. Denn der damals 16-Jährige hat auf der Couch in Peers Wohnung nicht Sex mit seinem Lehrer im Kopf gehabt, sondern flüchtete nach unzweideutigen Annäherungen und erstattete an der Schule Meldung. Der Leiter des katholischen Schulamts, Josef Stock, empört sich noch heute über Peer: „Sie glauben nicht, was da alles in seinem Akt drinnensteht.“ Nach der Meldung des Beinahe-Opfers wurde Peer unverzüglich aus dem Schulamt entfernt – Josef Stock nennt als Datum den 27. Juni 1984. Für den Psychologen und Leiter der Innsbrucker Männerberatungsstelle „Mannsbilder“, Martin Christandl, ist die fristlose Entlassung Peers ein Glücksfall: „Pädosexuelle Täter hören mit ihren Taten erst dann auf, wenn sie gestoppt werden. Solche Typen sind immens gefährlich.“ Auch die Rechtfertigung Peers, er sei ja eigentlich der Verführte, ist für Christandl die klassische Strategie pädophiler Sextäter: „Es ist immer dasselbe Muster: An erster Stelle steht die Fantasie, dann kommt die Überwindung der Hemmung, danach die Rechtfertigung, gefolgt von der Planung. Nach erfolgtem Missbrauch wird an der Verschwiegenheit gearbeitet und mit der nächsten Fantasie beginnt dieser Kreislauf erneut.“ Besonders gefährlich sind pädosexuelle Täter, wenn sie als Bezugspersonen für Kinder und Jugendliche tätig sind. „Es ist ganz normal, dass die meisten Kinder ihren Lehrer anhimmeln. Und so mancher Jugendliche wird im Zuge dieser Verliebtheit auch an Grenzen gehen. Aber Kinder und Jugendliche dürfen das und gerade deshalb brauchen sie unseren Schutz.“ Besonders perfide ist für Christandl der Missbrauch durch kirchliche Würdenträger. „Wenn Priester das Vertrauen von Kindern für das Ausleben der eigenen sexuellen Perversion ausnützen, zerstören sie ihren Opfern oft lebenslänglich den Zugang zur Spiritualität. Diese Täter leugnen ganz einfach, dass Kinder das Schützenwerteste unserer Kultur sind. Sexueller Kindesmissbrauch ist auch kulturelle Barbarei.“

Was tun mit den Tätern? In der Ombudsstelle bei Missbrauch und Gewalt durch kirchlich Verantwortliche der Diözese Innsbruck steht das Telefon nicht mehr still. Aus allen Landesteilen Tirols werden täglich neue Missbrauchsfälle gemeldet. Der Leiter dieser Ombudsstelle, Hans Tauscher, gibt auf die Frage nach der Anzahl der gemeldeten Fälle erst einmal die bezeichnende Antwort: „Tut mir leid, aber ich habe den Überblick verloren.“ Es sind bereits an die achtzig Fälle gemeldet, nächste Woche werden es wohl einhundert sein, die Tendenz ist weiterhin steigend, ein Ende ist nicht absehbar. Die Details der Schilderungen ehemaliger Internatsschüler, Heimzöglinge und Ministranten, welchen Torturen durch kirchliche Amtsträger sie ausgesetzt waren, macht Hans Tauscher zunehmend fassungsloser: „In der psychotherapeutischen Ausbildung haben wir gelernt, man solle sich durch nichts überraschen lassen. Aber dieses Ausmaß und diese Wucht, mit der das jetzt alles daherkommt, damit hat niemand gerechnet. Wir sind darauf nicht wirklich vorbereitet, auf so etwas kann man sich gar nicht vorbereiten.“ Die Täter müssen momentan noch keine Angst haben, dass sie weltlicher Gerichtsbarkeit ausgeliefert werden, abgesehen von jenen Fällen, in denen sich kirchliche Würdenträger bereits selber den Behörden gestellt haben. In allen diesen Fällen ist aber bereits Verjährung eingetreten, außer dem Verlust des guten Rufs haben diese Täter keinerlei Konsequenzen zu befürchten. Radikale Entfernung aus dem Dienst der Kirche und/oder Exkommunikation ist derzeit noch nicht einmal angedacht. Auch Hans Tauscher hat in jenen Fällen, in denen es noch zu keiner Verjährung der ihm jetzt gemeldeten Straftaten gekommen ist, lediglich seine Kirchenoberen, nicht aber Polizei oder Staatsanwalt informiert. Das (un)heilige Gebot der Omertà scheint nach wie vor perfekt zu funktionieren, die angebliche Transparenz und der so auffällig offen gezeigte Wille zur Aufklärung bleiben leere Worthülsen und letztlich nichts als durchsichtige Strategie. Denn die Opfer müssen sich de facto bei den Tätern melden, zumindest aber bei jenen, die ihre Peiniger seit Jahren bewusst gedeckt haben.

Kirche für Pädophile attraktiv? Josef Christian Aigner, Professor am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Universität Innsbruck, beschäftigt sich unter anderem mit sexualwissenschaftlichen Themen. Auf die Frage, warum es Pädophile oder Homosexuelle so in den Bann der katholischen Kirche zieht, meint Aigner: „Das kann nicht so einfach beantwortet werden. Kirchlich-priesterliche Sozialisation bedeutet das Aufgeben der eigenen sexuellen Entwicklung zu einem Zeitpunkt, in dem diese hochproblematisch ist – meistens in der Pubertät, etwa durch ein Ministrantendasein oder als Novizitatschüler in einem Kloster. Ab dort wird Sex als gegen Gott gerichtet und damit schuldhaft erlebt. Das ergibt eine ‚verbogene‘ sexuelle Entwicklung, nicht bei allen, aber bei vielen. Daneben mag es aber auch Männer geben, die unbewusst oder gezielt in solche Berufe gehen, um sich Kindern zu nähern.“ Den Zölibat sieht Aigner lediglich als Spitze des Eisbergs verquerer sexueller Entwicklung. Als Endpunkt sozusagen. Deshalb würde auch die Abschaffung des Zölibats nur sehr langsam und nur zum Teil das Problem lindern. „Aber dass evangelische Einrichtungen von Fällen von sexuellem Missbrauch weit weniger betroffen sind als die katholischen, das sagt schon auch etwas aus.“ Die bekannt gewordenen Prügel­exzesse in einigen katholischen Einrichtungen erklärt der Wissenschaftler so: „Diese völlig unakzeptierbare Gewalt kommt aus derselben Quelle wie der sexuelle Übergriff auf Kleinere und Schwächere: Ein letztlich unglaublich schwaches, kindliches Ich, das sich an Wehrlosen sexuell oder wutentbrannt schadlos hält, war einst selbst schwach und wehrlos. Die Patres, die heute zur Diskussion stehen, sind oft aus ärmlichen, bäuerlichen Verhältnissen gekommen und konnten meist nur dann gratis Schulen besuchen, wenn sie sich für das Priesteramt entschieden haben. Und dann bekommen diese Patres plötzlich die Macht über 30, 40 oder 50 Buben und das ohne jede pädagogische Ausbildung.“

weltliche übergriffe. In der aktuellen Diskussion über sexuelle und gewalttätige Übergriffe durch katholische Amtsträger hat sich dieser Tage auch die weltliche Landespolitik zu Wort gemeldet. Landeshauptmann Günther Platter persönlich mahnte Aufklärung ein und riet der Kirche unmissverständlich, nicht zu „mauern“. Darüber hinaus forderte Platter die katholische Kirche auf, „sich mit den Opfern auseinanderzusetzen und über Formen der Entschädigung nachzudenken“. Worte, die den Opfern wohltun, und Worte, die die politisch Verantwortlichen gleich in Taten umsetzen mussten. Denn im Zuge der kirchlichen Missbrauchs-Affäre zeigt sich, dass sich auch in weltlichen Einrichtungen – unter ihnen auch den vom Land Tirol geführten Heimen – Unfassbares abgespielt hat. Schon die ersten Meldungen über Misshandlungen zeigen, dass es in St. Martin/Schwaz, in Kleinvolderberg und in Westendorf noch weit brutaler zugegangen ist als in kirchlichen Einrichtungen. So haben sich etwa die „Erzieher“ des Heims in Kleinvolderberg den im Volksmund geläufigen Namen „Kleinfolterberg“ hart erprügelt. Viele von ihnen hatten diesbezüglich während des Naziregimes ihre Erfahrungen gesammelt, denn die erste Nachkriegsgeneration an Erziehern (etwa von 1945 bis 1975) bestand hauptsächlich aus ehemaligen Wehrmachtsangehörigen. Unter ihnen Männer, die beispielsweise während des Russlandfeldzugs Juden, Frauen und Kinder ermordet hatten oder die in Tirol noch unmittelbar vor Kriegsende Dutzende 15-jährige Burschen der Hitlerjugend bei Scharnitz in den Tod getrieben haben. Wie Hermann Pepeunig, Bann-Führer der Hitlerjugend. Keine acht Jahre später durfte Pepeunig das „Aufbauwerk der Jugend“ gründen, das sich besonders für „sozial gefährdete Jugendliche“ eingesetzt hat. Wirkungsstätten des nie zur Verantwortung gezogenen Nazis Pepeunig waren Kleinvolderberg, der Lachhof und das Schwedenhaus am Innsbrucker Rennweg. Überall dort hat Pepeunig seine Spuren hinterlassen. Spuren, an denen die von ihm „betreuten“ Kinder und Jugendlichen auch heute noch – Jahrzehnte später – leiden. Es stimmt optimistisch, dass diesen Opfern nun vom Landeshauptmann persönlich Aufklärung und Entschädigung zugesagt worden ist. Die von Sozial-Landesrat Gerhard Reheis eilig eingerichtete Anlaufstelle für Opfer von Gewalt in Landesheimen verzeichnete jedenfalls bereits in der ersten Woche einige Meldungen.
Doch zurück zur katholischen Kirche. Wie verhält sich der oberste Kirchenhirt im Vatikan, was sagt der Pontifex Maximus?

bedenkliches zuwarten. Das Schweigen und Zaudern des Papstes wird weder innerhalb noch außerhalb der katholischen Kirche verstanden. Wer für eine klare Stellungnahme zu den ungeheuerlichen Anschuldigungen Wochen benötigt, dem dürfte wohl mehr als nur die richtigen Worte fehlen. Dass es dem Papst angesichts der tausendfachen Täterschaft seines Klerus die Sprache verschlagen hat, ist unwahrscheinlich. Denn als Kardinal Josef Ratzinger hat er von zahlreichen sexuellen Missbrauchsfällen in seinem eigenen Wirkungskreis Kenntnis erlangt und die beschuldigten Personen nach alter Sitte lediglich strafversetzt und setzte damit den teuflischen Kreislauf fort. Und mit dem Teufel ist ohnehin bereits der Alleinschuldige an den weltweiten Missbrauchsaffären festgemacht: „Kindesmissbrauch ist Teufelswerk“, so lautet die Erklärung des Vatikan und es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, dass die katholische Kirche in den letzten Jahren zehntausende Exorzismen durchgeführt hat. Allein, was nützt es den Opfern, wenn die Kirche sich anmaßt, bar jeder wissenschaftlichen Erkenntnis ganze Teile der menschlichen Psyche der Einfachheit halber zu dämonisieren? Wird deshalb auch nur ein pädosexuell oder sadistisch geprägter kirchlicher Würdenträger weniger zum Täter? Die Kirche weiß keine Antwort darauf oder sie will sie ihren Anhängern nicht geben. Und ihre Anhänger werden immer weniger, täglich werden neue Rekorde bei den Kirchenaustritten gemeldet, mittlerweile überlegt eine Million österreichischer Katholiken den Austritt. Denn dass der Vatikan die Opfer sexuellen Missbrauchs lediglich als bedauerliche Einzelschicksale und nicht als Ergebnis einer furchtbar verfehlten Kirchenpolitik sieht, ist offenkundig. Der katholischen Kirche, nicht nur in Irland oder den USA, sondern auch in Deutschland und Österreich, droht ein schwerer finanzieller Aderlass, auch durch die zu erwartenden Schadenersatzprozesse. Vielleicht ist aber gerade der schmerzvolle Verlust von Geld und Gläubigen die einzige Chance, dass es innerhalb der Kirche zu einem radikalen Umdenken kommt.
Gernot Zimmermann

„Ich bin schockiert!“
Systematisch. Hans Tauscher ist Leiter der Ombudsstelle bei Missbrauch und Gewalt durch kirchlich Verantwortliche. Er spricht im Interview von systematischem Missbrauch.
ECHO: Herr Tauscher, Bubenburg, Stift Stams, Stift Wilten, Paulinum, Norbertinum, St. Batlmä, überall dort sollen Kinder und Jugendliche von kirchlichen Würdenträgern missbraucht worden sein. Finden Sie überhaupt noch irgendwelche weiße Flecken?
Hans Tauscher: Ich tue mich sehr schwer, diese Frage zu beantworten. Aber ich muss Ihnen leider sagen, ich sehe derzeit nirgendwo einen weißen Fleck. Ich bin auch schockiert vom Ausmaß der Misshandlungen. Auch im Lichte einer Pädagogik, für die vor einigen Jahrzehnten die Prügelstrafe noch kein Tabu dargestellt hat, muss man von wahren Exzessen sprechen, die sich da abgespielt haben. Teilweise kann man Gewalttätigkeit und sexuelle Handlungen gar nicht mehr auseinanderhalten. Wenn einem Buben aus nichtigem Anlass mit einem Teppichklopfer der nackte Hintern blutig geprügelt wir, da verschwimmen diese Grenzen. Das Ganze macht mich sehr betroffen.
ECHO: Was antworten Sie Kritikern, die Ihnen vorwerfen, der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen hätte innerhalb der katholischen Kirche System gehabt?
Tauscher: So schwer es mir fällt, ich muss diesen Kritikern recht geben. Das hat System gehabt, das sehen wir heute ganz deutlich. Die Meldungen kommen von überall her, keine Institution bleibt letztlich ausgespart, es geht leider längst nicht mehr nur um Einzelfälle.
ECHO: Jahrelanger systematischer Missbrauch durch kirchlich Verantwortliche und niemand hat etwas gewusst?
Tauscher: Natürlich hat es Ahnungen gegeben, man geht ja nicht blind durchs Leben. In der psychotherapeutischen Ausbildung haben wir gelernt, man solle sich durch nichts überraschen lassen. Aber dieses Ausmaß und diese Wucht, mit der das jetzt alles daherkommt – damit hat niemand gerechnet. Mitte März hatten wir bereits achtzig Fälle und täglich werden es mehr.
ECHO: Wie gehen Sie vor, wenn Sie über einen Missbrauchsfall informiert werden?
Tauscher: Ich informiere als Erstes die Leitung der betreffenden Einrichtung und diese setzt dann die notwendigen Schritte.
ECHO: Sind Ihren Erkenntnissen nach alle angezeigten Vorfälle bereits verjährt?
Tauscher: Es gibt tatsächlich einige Meldungen, wo die strafrechtliche Relevanz überprüft werden muss. Auch da geht sofort eine Meldung an die Leitung der betreffenden Einrichtung.
ECHO: Wer hindert Sie eigentlich daran, die Polizei einzuschalten?
Tauscher: Niemand. Ich bin nicht weisungsgebunden. Aber ich sehe unsere Ombudsstelle auch als Einrichtung, bei der sich Täter melden sollen. Und wenn die erfahren, dass Sie von mir bei der Polizei angezeigt werden, dann meldet sich ja niemand mehr. Aber natürlich stehen die Opfer im Vordergrund unseres Interesses und wir werden den Opfern selbstverständlich auch helfen. Wie und in welchem Ausmaß, wissen wir noch nicht, aber da wird noch einiges auf uns zukommen.


Missbrauchsfälle Tirol
› Stift Fiecht   
Jahrzehntelang sind Zöglinge des Stiftsinternats von Erziehern körperlich teilweise schwer misshandelt worden. Auch von sexuellen Übergriffen durch Patres ist die Rede. Abt Anselm Zeller entschuldigte sich bereits bei den Opfern und hat weitere Untersuchungen angekündigt.

› Stift Stams   
Auch im Zisterzienserstift Stams ist es bis in die 1980er Jahre hinein zu regelmäßigen körperlichen Züchtigungen von Internatszöglingen gekommen. Abt German Erd bestätigt die Misshandlungsvorwürfe, sexuelle Übergriffe werden aber von den damals eingesetzten Patres bestritten. Einen des sexuellen Übergriffs beschuldigten Hilfspräfekten habe man seinerzeit fristlos entlassen.   

› Stift Wilten   
Auch Abt Raimund Schreier vom Stift Wilten musste sich dieser Tage für sexuellen Missbrauch von Jugendlichen in seinem dem Kloster angeschlossenen Lehrlingsheim St. Bartlmä entschuldigen. Allerdings liege der Vorfall bereits mehr als 50 Jahre zurück, so Abt Schreier, und der betreffende Pater sei mittlerweile verstorben. Körperliche Züchtigungen standen im Heim St. Bartlmä bis zu dessen Schließung in den 1970er Jahren aber ebenfalls auf der Tagesordnung.

› Bubenburg   
Erschütternde Erlebnisberichte treten aus der Bubenburg in Fügen ans Tageslicht. Hier hat es ebenfalls systematisch schwere körperliche Misshandlungen durch kirchliche Würdenträger und Würdenträgerinnen (Nonnen) gegeben.

› Paulinum    
Im bischöflichen Internat Paulinum in Schwaz ist es noch bis in die 1980er Jahre zu sexuellen Übergriffen auf Internatsschüler gekommen.

In allen genannten Fällen hat Generalvikar Jakob Bürgler restlose Aufklärung zugesagt.


„Wir sind erschüttert und beschämt“
Generalvikar Jakob Bürgler im Interview über institutionellen Missbrauch, Verantwortung und die weitere Vorgehensweise.
ECHO: Kein Tag vergeht zur Zeit, ohne dass neue Vorwürfe über sexuelle und/oder gewalttätige Übergriffe von kirchlichen Würdenträgern auf Jugendliche bekannt werden. Was bedeutet das für die Institution Kirche?
Jakob Bürgler: Als Kirche sind wir erschüttert und beschämt, dass so viele uns anvertraute Menschen eine Verletzung ihrer Seele erlebt haben, deren Wunden ein ganzes Leben durchziehen. Wir erleben derzeit einen erschreckenden Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit, dem wir nur mit Ehrlichkeit, Offenheit und der Bereitschaft zur ungeschönten Aufklärung antworten können. Wir hoffen, dass durch diese Zeit der Reinigung und Klärung das Zeugnis der Kirche wieder klarer wird.
ECHO: Deutschland verzeichnet Meldungen über sexuellen Missbrauch durch kirchliche Würdenträger aus 22 von 27 Bistümern. In Österreich und auch Tirol verhält es sich ähnlich. Was entgegnen Sie Kritikern, die von „institutionellem Missbrauch“ sprechen?
Bürgler: Da nicht nur kirchliche Einrichtungen von Vorwürfen im Zusammenhang mit Missbrauch und Gewalt betroffen sind, ist eine Engführung auf die Institution Kirche einseitig und nicht korrekt. Das schmälert jedoch keinesfalls die Schuld und Verantwortung der Kirche. Wir sind gut beraten, den Blick demütig auf die eigene Dunkelheit zu richten. Zu bedenken ist sicher, dass die Frage des Umgangs mit Gewalt in der Erziehung in früheren Zeiten anders gesehen wurde, als sie heute gesehen wird, und dass über sexuellen Missbrauch bis heute ein Mantel der Scham und des Schweigens gebreitet wurde. Auch das trifft die Kirche, aber nicht nur sie.
ECHO: Nicht nur sexuelle Übergriffe werden gemeldet, vor allem bis in die 1980er Jahre hinein ist in kirchlich geführten Internaten offenbar systematisch die Prügelstrafe angewendet worden. Wie lässt sich körperliche Züchtigung von Kindern und Jugendlichen mit christlichen Wertvorstellungen vereinbaren?
Bürgler: Die brutale Gewalt und erniedrigende Bedrohung von Kindern und Jugendlichen durch Gewalt lässt sich nie und nimmer mit christlichen Wertvorstellungen vereinbaren. Davon deutlich und unmissverständlich zu unterscheiden sind Grenzziehungen, die jedes Kind zu einem gesunden Aufwachsen braucht. In diesem Bereich scheint mir in unseren Tagen ein Problem zu liegen.
ECHO: Warum, glauben Sie, bricht das alles heute erst auf? Die meisten Fälle liegen Jahrzehnte zurück.
Bürgler: Wir wissen aus der einschlägigen Fachliteratur, aber auch aus unseren Erfahrungen in Beichte und Seelsorge, dass die Demütigung durch Missbrauch und Gewalt ein Leben so tief prägen und verletzen, dass ein offenes Ansprechen erst langsam und nach vielen Jahren bzw. Jahrzehnten möglich ist. Oft genug gibt es belastende Schweigegebote, Abhängigkeitssituationen, Scheu vor der Belastung und Überführung von Tätern, Angst vor der Konfrontation mit der Wahrheit und den Folgen, Sorge um ein neues Aufbrechen der Wunden, wenn alles an die Öffentlichkeit kommt. Umso mehr ist über eine Verlängerung der Verjährungsfristen nachzudenken.
ECHO: Was muss sich Ihrer Meinung nach innerhalb der Kirche am dringendsten ändern? Sehen Sie einen Zusammenhang der zahlreichen gemeldeten Übergriffe mit dem Pflichtzölibat?
Bürgler: Ein Gespräch über die Verbindungslinien zwischen Sexualmoral, Missbrauch und Zölibat ist zu führen. Genauso ist es wichtig, über Strukturen der Macht und der Autorität in der Kirche nachzudenken. Wer Missbrauch und Gewalt verhindern will, muss sich für die Ermöglichung einer integrierten und positiv erfahrenen Sexualität einsetzen. Und hierbei gibt es sicher Klärungsbedarf und Diskussionsbedarf. Es gibt fachlichen Studien zufolge keinen direkten kausalen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und dem sexuellen Missbrauch. Aufgabe der Kirche war es und wird es vermehrt sein, mit allen Kräften sicherzustellen, dass jene, die den Zölibat als Lebensform wählen, eine positive und gesunde Einstellung zur Sexualität mitbringen und einüben.
ECHO: Fühlen Sie sich in Ihrem Bemühen um Aufklärung des Geschehenen kirchenintern, sprich von Seiten des Vatikan, ausreichend unterstützt?
Bürgler: Auf der Ebene der österreichischen Bischofskonferenz wirkt ein gemeinsames, ehrliches Vorgehen sehr entlastend und unterstützend. Ich nehme wahr, dass Papst Benedikt XVI. der Welle an Missbrauchsvorwürfen mit Abscheu und klarer Verurteilung gegenübersteht. Neben einer tiefen Einfühlung für die Opfer hat der Papst in seinem Schreiben Klartext gesprochen im Blick auf die Täter und so manches Versagen in der Verantwortung der Leitung. Gewünscht hätte ich mir einen Ausdruck des Bedauerns und der Betroffenheit über die Situation im deutschsprachigen Europa. Die Gedanken des Papstes sind aber derart, dass sie gut auch in unsere Situation passen. Wir werden sie sehr wachsam aufnehmen. n
Donnerstag, den 01. April 2010 um 15:10 Uhr

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