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Der (Ge-)Wissenspolizist

Plagiatsjäger. Wenn Stefan Weber in Zitaten schnüffelt, geht so mancher Herr Doktor auf ­Titelverteidigung. Für den Medien­wissenschafter aus ­Salzburg, der einst eine aufgebrachte Lehrer­schaft zurückließ, wurde das Schnüffeln zur Profession.

Und wieder hat es jemanden erwischt. Diesmal steht der honorige Prinz Mario-Max zu Schaumburg-Lippe unter Verdacht, seine Doktorarbeit – eine päpstliche Enzyklika – großteils gefälscht zu haben. Der Prinz schäumt und droht mit Klagen, weil Zitieren mit Quellen in der Wissenschaft ja üblich sei. Wäre da nur nicht das Problem mit den Anführungszeichen, welche die Studienabgänger in ihrer Eile gern vergessen. Der Aufdecker dieser vergessenen Anführungszeichen sieht sich eher im Hintergrund: „Ich bringe nur die Fälle ins Rollen, den Rest schnapsen sich die Leute mit den Universitäten und Anwälten aus“, sagt Stefan Weber. Das gehe dann schon mal bis zum höheren Gericht. Auch bei Schaumburg-Lippe dürfte der Fall noch lange nicht abgeschlossen sein.  
„Nennen Sie es Plagiatsjäger, oder -detektiv oder Wissenspolizist“, sagt Stefan Weber. Mit Berufsbezeichnungen hat der gebürtige Salzburger kein Problem. Seit Weber im Jahr 2005 mit der Aufdeckung von Plagiatsfällen die Professoren der Kommunikationswissenschaft Salzburg reihum erzürnte, weil er ihnen mangelhafte Überprüfungskompetenz oder gar Desinteresse und Altersmilde vorwarf, wurde ihm der Name „Plagiatsjäger“ von der Presse ins Stammbuch geschrieben. So habe ihm einmal ein alternder Professor erklärt, er, der Weber, werde ihn sicher nicht dazu zwingen, im Internet zu googeln. „Dabei“, sagt der 40-Jährige, „bin ich zuvor in höchsten Tönen von ebendiesen Professoren gelobt worden, habe Briefe bekommen, wie brillant meine Seminararbeit sei“. Aber dass er wegen der Unstimmigkeiten Salzburg vor Jahren verließ, will Weber nicht gelten lassen. Vielmehr ist der Salzburger der Liebe wegen nach Deutschland ausgewandert, wo er mit seiner Lebensgefährtin und seinen beiden Kindern nun vorwiegend in Dresden lebt.

Lukratives Geschäftsmodell. Wissenschaftsbetrug­ könne man über die Jahrhunderte zurückverfolgen, meint Weber. Schon Literaten wie Bert Brecht bedienten sich fremder Zitate um sie sich zu Eigen zu machen. Aber die Möglichkeit, über das Internet Texte zu kopieren, habe dazu geführt, dass die Hemmschwelle deut­lich gesunken sei, meint Weber. „Heute schaut die Masse, dass sie mit geringstem Aufwand fertig wird, und somit die geringsten geistigen Anstrengungen vornimmt.“ Und damit hat Stefan Weber ein Problem. An der Abteilung Medientheorie der Universität für Angewandte Kunst in Wien, wo Weber seit 2007 als Lektor arbeitet, würden aber eher die „Braven“ sitzen – jene, die an Inhalten und nicht an Betrug arbeiten. Allerdings, und das will Weber betont wissen, habe sich auch an Massenuniversitäten schon vieles zum Besseren gewendet. Irgendwann wurden auch an der Universität Salzburg Ombudsstellen zur Sicherung der guten wissenschaftlichen Praxis eingerichtet. Und gleichzeitig eine Verbesserung der Überprüfungskriterien und Verfahrenseinleitung im Falle von Plagiastverdacht geschaffen. Dass er selbst einen Beitrag dazu geleistet habe, will Weber nicht für sich beanspruchen. Sein Titel „Plagiatsjäger“ trieb allerdings weite Zweige. So kam Anfang 2008 erstmals eine Ethikkommission von der Medi­zinischen Universität Wien mit Plagiatsverdacht in zwei Fällen auf ihn zu, mit dem Auftrag, auf Stundenbasis Gutachten zu entwickeln, sodass sich daraus das Geschäftsmodell „Plagiatsgutachter“ mit eigener Home­page entwickelte.
Auch wenn Weber mit seinem Beruf nicht ganz allein dasteht – in Deutschland ­beschäftigt sich die Medienprofessorin Debora Weber-Wulff mit dem Thema Plagiarismus, und in den USA gibt es sogar eigene Forschungs­institute – kann er über mangelnde Aufträge nicht klagen. Seine Auftraggeber sind Dekane aus Universitäten, Vorsitzende von Promotionsausschüssen sowie Fachhochschul-Verantwortliche und Anwaltskanzleien, zudem arbeitet der Plagiatsforscher streng vertraulich und mit Garantie der völlig freien Beurteilung.

Copy/Paste-System. Die „Detektivarbeit” des Stefan Weber ist höchst akribisch und passiert mittels einer Kombination aus Online- und Offline-Recherchen. „Die Leute fragen immer, wie es das gibt, dass ich ein Plagiat aus den 70er Jahren finde.“ Hier müsse man um zwei Ecken denken, sagt Weber. Zum Beispiel, wenn die Stelle aus dem Originalbuch, aus dem ab­geschrieben wurde, in einem anderen Buch korrekt zitiert wurde. So findet Weber die Originalstelle im Internet. Oder indem sich die Plagiatoren selber verraten, weil sie zuerst zitieren und dann die Anführungszeichen weglassen und den Text als Eigenbau verkaufen. Was dieser aber nicht ist. Wenn es aber um Übersetzungs­plagiate geht, dann ist selbst der Herr Weber oft chancenlos. Denn dann fliegen die Leute eben ins Ausland, schauen dort in die Bibliothekskataloge und lassen verschwiegen übersetzen.
Mittlerweile hat „Detektiv Weber“ bereits über 300 Arbeiten – vorwiegend akademische Qualifikationsschriften – überprüft. Mehr als 70 Arbeiten stellten sich als Plagiate heraus. In elf Fällen wurden in der Folge rechtskräftig akademische Grade aberkannt. Ihm gehe es dabei keineswegs um persönliche Rachegelüste, be­tont der Medienwissenschafter und Autor mehrerer Publikationen immer wieder. Genau­genommen ist es die eigene Erfahrung gewesen, weil Weber im Jahr 2005 selber total-plagiiert wurde. Das war ein Schock für die prinzipientreue Seele des Salzburgers. „Es geht mir um die Qualitätssicherung von Text und Sprache“, sagt Weber. Hier lässt er selbst das Freundschafts­prinzip nicht gelten, wenn es um unrechtmäßiges Abschrei­ben geht. „Das ist ja gerade das Problem“, erläutert Weber. Dann nämlich, wenn Plagiate aufgrund von Seilschaften nicht aufgedeckt würden und damit die „hirnlose Textkultur“ – wie Weber sie nennt – gesellschaftsfähig wird.  

Unbequemer Schüler. Mit seiner wissenschaftlichen Redlichkeit trieb Stefan Weber schon als junger Student die Professoren zur Weißglut. Weil er vieles in Frage stellte und einfach keine Ruhe gab. „Ich neige eben dazu, über die Welt philosophisch nachzudenken“, bekennt Weber. So hat sich der Medienwissenschafter schon früh der Philo­sophie angenähert und Werke von Hawkins bis Nagel in sich aufgesaugt, weil „ich will nicht mit 60 draufkommen, dass ich über Grundlagenfragen hätte nachdenken sollen“.
Dabei landete Sefan Weber schließlich bei der These des „Non-Dualismus“ von Josef Mitterer. Hierüber hat der Salz­burger auch seine Dissertation geschrieben. Die Lehre, welche auf Wikipedia so schwer­ zu fassen klingt, erklärt sich im Grunde mit dem einfachen Begriff der Beliebigkeit. Weil noch nie jemand in der Philo­sophie versucht habe, die Welt auf Beschreibungsprozesse zu­rückzuführen, meint Weber. Also kein Unterschied mehr zwischen wahrgenommener Materie und Aussage über Materie, keine Trennung mehr zwischen dem Apfel selbst und der Aussage über den Apfel. Und nur wenige würden laut Weber hier einen Bezug zum Plagiarismus sehen. „Es geht aber um die Fragen nach Origi­nal und Zitat, weil der Zusammenhang in der Erkenntnistheorie zwischen Objektsprache und Metasprache nichts anderes ist als der Zusammenhang zwischen Original und Zitat. Wenn das Anführungszeichen fehlt, stimmt etwas nicht.“ Und dann hat Stefan Weber ein Problem. Und wie sieht es mit der eigenen Textkultur aus? „Ich habe früher brav gelesen und viel zitiert“, meint der Medienfachmann. Aber mit zunehmender Entwicklung steige der Eigentextanteil und die eigene Auseinandersetzung beginnt. „Und überhaupt“, meint Weber, „wäre die perfekte Arbeit jene, die so gut wie mit keinem Zitat auskommt“.
Gerti Krawanja 

 


Zur Person
Priv. Doz. Dr. Stefan Weber hat sich 2005 an der Universität Wien in Medien- und Kommunikationswissenschaft habilitiert und ist Autor der Sachbücher „Das Google-Copy-Paste-Syndrom“ (Heise, 2. Auflage, 2008) und „Die Medialisierungsfalle“ (Edition Va Bene, 2008). Er ist Lehrbeauftragter für Medientheorie an der Universität für Angewandte Kunst Wien, Abteilung Prof. Peter Weibel. Im Jahr 2007 arbeitete er unter der Leitung von Prof. Hermann Maurer, TU Graz, an einer Google-kritischen Studie mit, die mit ihren Warnungen vor Netzplagiarismus eine internationale Debatte auslöste. Bereits seit 2002 beschäftigt sich Stefan Weber wissenschaftlich mit der Plagiatsthematik. Über 300 Arbeiten – vorwiegend akademische Qualifikationsschriften – hat er seitdem überprüft. Mehr als 70 Arbeiten stellten sich als Plagiate heraus. In elf Fällen wurden in der Folge rechtskräftig akademische Grade aberkannt. Stefan Weber, geboren 1970 in Salzburg, lebt mit seiner Lebensgefährtin und seinen beiden Kindern in Dresden und Salzburg. Neben Plagiarismus und netzbasierter Wissenskultur gilt sein Forschungs­interesse der Entwicklung einer non-dualistischen Medientheorie.

Mittwoch, den 06. Oktober 2010 um 11:25 Uhr

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