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Ganz großes Kino

Weerbergrennen. Die üblichen Verdächtigen unken, dass ein Gleichmäßigkeitsrennen gar kein Rennen sei. Wenn sich aber knapp 200 legendäre Boliden auf traditionsträchtiger Strecke messen, sind solche Haarspaltereien Nebensache – so zeigte sich am Weerberg 2010 der Motorsport von seiner beeindruckendsten Seite.

Jeder, wirklich jeder, der überzeugt ist, dass ein Gleichmäßigkeitsrennen kein richtiges Autorennen ist, der sollte sich über Stunden im Zielgelände des legendären Weerbergs – wenn er es denn überhaupt erreicht – Folgendes auf der benzingetränkten Zunge zergehen lassen: „In Führung noch immer Team ECHO" – sorry, liebste Suderanten, Erster in einem offiziellen Klassement am Weerberg zu sein – wie viele von euch Nörglern haben dies schon einmal erleben dürfen? Besser gesagt, seid euch versichert, dass diese Worte genauso gut klingen und ebenso das motorisierte Ego streicheln wie ein Triumph in Monte Carlo, Spa oder Silverstone. Ja, es mag nur das für die Startaufstellung unwichtige Training zur ersten Auflage des Weerbergrennen Classic gewesen sein. Ja, es mögen beim Kampf gegen die Stoppuhr elf Kollegen besser, sogar in der eigenen Oldtimerklasse zwei Benzinköpfe mit souveränerem Gasfuß am Weg gewesen sein, aber all das interessiert nicht. Wir waren Erster am Weerberg! Punkt.

Eine Euphorie, getragen nicht von der grandiosen Leistung der ECHO-Crew – die sich heute noch immer fragt, was denn eigentlich passiert ist, damit der Einser aufschien – sondern vielmehr von dem Ort der Veranstaltung. Wie kein anderer Ort in Tirol, kaum ein anderer Ort in Österreich ist der Weerberg seit vier Jahrzehnten ein magischer Begriff in der internationalen Motorsportszene – hier schon allein am Start zu stehen, und noch dazu ein einziges Mal von der Spitze des bunt gemischten Teilnehmerfelds zu strahlen, war, ist und wird immer einzigartig bleiben.

Neues Kapitel. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass aus dem einstigen Bergrennen am Weerberg in seiner dritten Jugend ein Gleichmäßigkeitsrennen wurde – sprich nicht allein die schnellste Zeit für den Sieg zählte, sondern vielmehr die möglichst geringe Differenz zwischen Lauf eins und zwei. Ein von den üblichen Suderanten kritisierter Modus – natürlich unter völliger Ignoranz der Tatsache, dass genau dieser Modus der Trialbewerbe in den Geburtsjahren des Motorsports auf der britischen Insel bestimmend war. Und auch heute noch in der großen Familie des Motorsports ebensolche Daseinsberechtigung hat wie die Formel-1-Weltmeisterschaft, Langstreckenrennen oder Spritsparchallenges: Wahren Benzinköpfen geht es nicht nur um schneller, schneller, schneller – sondern um alle Möglichkeiten, die mit einem Motor und (in diesem Falle vier) Reifen gegeben sind.

Nicht zu vergessen ist der besondere Charme eines Gleichmäßigkeitsrennens: Hier geht es nicht um die Zahl der angetriebenen Räder. Hier geht es nicht um die Größe der Pferdeherde unter der Haube – hier geht es einzig und allein um das Können hinter dem Volant. Besser gesagt um das Gefühl. Vor allem, wenn sich der Weerberg, wie in diesem Jahr, von seiner eher witterungsunfreundlichen Seite zeigt und das eine oder andere Mal seine Asphalt-Schlüsselstellen mit sanftem Regenguss überzieht. Eine Herausforderung für die startende Meute – aber auch für die Besucher der Wiederauflage der Weerberger Motorsportveranstaltung. Die, hier sei ein großes Lob ausgesprochen, trotz des alles andere als einladenden Wetters wieder in großer Zahl zum Rennen an den Weerberg kamen – dafür (auch dank der etwas feuchten Witterung) nicht nur mit der einen oder anderen Quereinlage der Teilnehmer belohnt wurden, sondern auch mit einem wahren Sammelsurium an legendären Fahrzeugen.

Einzigartig. Im Gegensatz zu so manch' anderen Oldtimerveranstaltungen, zeigte sich am heurigen Weerberg jedoch nicht dieser schier unendliche Aufmarsch an meist gleichen, höchstens in Farbgebung unterschiedlichen SL-Flügeltürern oder Jag E-Types – die zumeist nur für den Aufmarsch von B-, C- und auch D-Promis vergenusswurzelt werden. Nein, hier am Weerberg waren und sind einzig die mechanischen Unikate historischer Rennwagen die Stars. Und diese waren 2010 am Weerberg erstklassig. Auch wenn es jetzt unfair ist, unter den knapp 200 Rennunikaten einen einzigen als Highlight herauszuheben – für uns war es natürlich der grandiose Puch 650 TR aus der „racing-and-more.com"-Schmiede, der Team ECHO den Platz an der Sonne ermöglichte. Der eine oder andere begeisterte Zuseher wird dann wohl auch noch bei Lancia Delta S4, Porsche 906 oder Renault Alpine A110 mehr als nur einmal mit der motorisierten Zunge geschnalzt haben. Zugegeben, wir auch.

Ein Umstand, der das gesamte Weerberg-Wochenende Mitte Oktober 2010 prägte: Nicht der beinharte Kampf um jedes Hundertstel prägte das Fahrerlager, nicht der interne Konkurrenzkampf – nein, vielmehr wurde gemeinsam die Ausfahrt der historischen, alpinen Rennwagen in ihrem angestammten Umfeld – der Bergstraße – in vollen Zügen genossen. Ein etwas anderer Ansatz, der jedoch schon vor Wiedergeburt des legendären Weerbergrennens 2008 im Fokus der Veranstalter lag: „Wir wollten im passenden Rahmen eine Möglichkeit schaffen, einerseits am Weerberg wieder Motorsport zu zeigen – und andererseits dem Publikum zugleich wieder den haut­nahen Kontakt zu den legendären Rennwagen vergangener Zeiten ermöglichen", umreißt das Weerberg-Organisationsquartett Hannes Angerer, Bernhard Erlacher, Thomas Kleiner und Wolfgang Pointner die noch immer gültige Grundidee für Motorsport am Weerberg. Eine Idee, die heuer noch deutlicher am Weerberg umgesetzt werden konnte: „Nichts ist passiert, das Feedback von Teilnehmern und Zusehern war phänomenal. Der Weerberg ist wieder lebendig", freut sich das Quartett und lässt somit natürlich zugleich Spekulationen über die Zukunft der Veranstaltung zu.

War der Zulauf zum Weerbergrennen Classic doch trotz sehr, sehr herbstlichen Wetters immens; ist somit der Stellenwert der Motorsportveranstaltung in der Region ein weiteres Mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt worden; wächst somit der Wunsch auf eine regelmäßige Wiederholung von selbst. Ein Umstand, dem auch Weerbergs Bürgermeister Ferdinand Angerer in leicht vorsichtiger Poltitikersprache Rechnung trägt: „Fix ist natürlich noch nichts – aber auch wir würden uns eine Wiederholung wünschen." Eines ist klar, eine solche würde nicht nur die Weerbergrennen-Liebhaber der Region, sondern die nationale und internationale Motorsportgemeinde unendlich begeistern. Michael Kogler

Montag, den 01. November 2010 um 13:51 Uhr

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