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IfM 0110
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Kampfpolka im Bienenhaus

Gericht. Er soll die Nachbarin mit Bienen attackiert und schwer verletzt haben. Doch das unwiderstehliche Häppchen für Gerichtskiebitze entpuppte sich als schwer verdauliche Kost aus Widersprüchlichkeiten.

Der Moment bevor die Verhandlung beginnt. Dieser Moment im Gerichtssaal ist immer ein wenig eigenartig. Fast wie im normalen Leben und sogar nicht respekteinflößend. Der Richter plaudert nonchalant mit den Fotografen und Kameraleuten. Die Staatsanwältin plaudert mit, zieht sich ohne Eile den Staatsanwaltsmantel über und richtet mit den Fingern die Haare zurecht, die sich unter dem weiten schwarz-roten Kragen verfangen haben. Jung wirkt sie, blass und sehr blond. Die vorderen Strähnen hat sie zu einem kleinen Zöpfchen gedreht. Nett. Auch der Richter – Josef Geisler verhandelt die Sache – legt offensichtlich größten Wert auf sein Aussehen. Der Geheimratsscheitel sitzt perfekt, die blonden Strähnen scheinen nicht natürlichen Ursprungs zu sein. Geisler hat als „Drogenrichter" manch schweren oder halbschweren Jungen hinter Gitter gebracht und sich durch Direktheit und Härte einen Namen gemacht. Doch, nicht wegen ihm sind die Journalisten zahlreich gekommen. Nein, der Verhandlungsgegenstand war so verlockend. Im Wochenplan über die Verhandlungen am Landesgericht stand: „vorsätzliche Körperverletzung, indem der Angeklagte Bienen auf einen Strohbesen aufnahm und zum Kopf des Opfers führte, wodurch das Opfer im Kopfbereich von zumindest 12 Bienen gestochen wurde (Strafdrohung bis zu 3 J.)." Das klingt schon außergewöhnlicher, als der gewerbsmäßig schwere Betrug, der am nächsten Tag verhandelt wird und weniger abstoßend, als der Besitz von kinderpornografischen Bilddateien, welcher übermorgen am Plan steht. Vorsätzliche Körperverletzung mit Bienen? Wie soll das denn gehen? Und, wer tut so was?

Endlich enden die Plaudereien. Richter Geisler bittet den Angeklagten zu holen und stellt die gerichtliche Ordnung her, rückt die Hierarchie zurecht und setzt sich auf seinen Stuhl am erhabenen Richterpodium. Es kann los gehen. Der Privatbeteiligtenvertreter setzt sich neben die Staatsanwältin und begleitet von seinem Anwalt, der vom Richter aus gesehen links Platz nimmt, kommt der Angeklagte herein. Den Typ kennt man irgendwie. Klein, ein wenig stämmig, glänzende Glatze und die grauen Haare sind dort, wo sie noch wachsen, in Millimeterlänge geschnitten. Schnelle Augen, schneller Schritt.

Verwirrendes Stakkato. Der Angeklagte ist ein 63-jähriger Pensionist aus Volders, hatte eine kleine Tischlerei betrieben, bezieht eine kleine Pension, hat weder Vorstrafen noch nennenswerte Schulden und auch keine erhaltungspflichtigen Kinder. Er wirkt gepflegt, trägt eine beige Jacke, dunkelgrüne Hosen und schwarze Halbschuhe. Beim Sitzen bildet sich zwischen Kragen und Haaransatz eine kleine, feiste Hautfalte. Die Stimme, mit der er auf die einleitenden Fragen des Richters antwortet, ist schwer zu beschreiben. Nicht tief ist sie, nicht ruhig, ein wenig gehetzt wirkt sie – fast so, als würde er das Ganze schnell hinter sich bringen wollen oder als hätte er noch was vor. Na ja, alles scheint besser zu sein, als hier angeklagt zu sitzen. Nachdem die relevanten Personalien abgeklärt sind, beginnt Richter Geisler – mit einer Feststellung, die irgendwie eine Ohrfeige für die Staatsanwältin ist. „Das Verfahren war beim Bezirksgericht Hall anhängig und es wurde ein Unzuständigkeitsurteil gefällt", sagt er, „am 24. August 2010 wurde von der Staatsanwaltschaft ein neuer Strafantrag eingebracht und da habe ich schon das erste Problem." Im Verfahren am Bezirksgericht hatte ein Gutachter zwar festgestellt, dass der Angriff der Bienen aufgrund allergischer Reaktionen mit Lebensgefahr verbunden war, doch war der Sachverständige zum Schluss gekommen, dass es sich noch um eine „an sich leichte Körperverletzung" handle. „Ich kann keine schwere Körperverletzung sehen", so Geisler, „ich werde einen anderen Sachverständigen beauftragen. Ich will da auf Nummer sicher gehen." Ein peinlicher Moment für die Anklage. Leicht irritiert und mit leicht errötetem Gesicht blickt die Staatsanwältin zum Richter auf wie eine Schülerin zum Lehrer, der ihr den Unterschied zwischen Addition und Multiplikation erklärt oder eben zwischen leichter und schwerer Körperverletzung.

Für den Angeklagten, der nun von Richter Geisler zu den Vorfällen vom 24. Juni 2009 befragt wird, macht es einen großen Unterschied. Wie Salven aus einem Maschinengewehr feuert der Befragte, als hätte der Richter auf einen Knopf gedrückt. So rasch, wie seine Schuhe unter dem Tisch klappern, erzählt er vom so genannten „Tathergang". Im Telegrammstil-Stakkato: „Die Frau hat eingebrochen; ich habe sie auf frischer Tat ertappt; sie hat die Bienenvölker rausgeworfen; ich habe gesehen, wie sie wütet; sie hat die Augen rausgestellt und gezittert; ich fragte mich, was ist denn los mit diesem Weibatz; die hatte einen Anfall; ich habe mein Leben lang niemandem etwas getan."

Der linke Schuh des Angeklagten wirkt wie ein Metronom, das den Takt zu einer atemraubenden Kampfpolka im Volderer Bienenhaus angibt. Von einer Tür ist die Rede, die aus den Angeln fiel, ihn oder die Frau verletzte und – das scheint sicher – von ihm aus dem Fenster geworfen wurde. Von 40.000 bis 70.000 Bienen spricht er, die sich im Haus befunden hätten. Sanfte Bienen seien das, sehr sanfte sogar. Er fragt, wie jemand, der allergisch ist, überhaupt und ohne Schutzkleidung in ein Bienenhaus einbrechen könne und berichtet, dass die Frau ihm jenen Besen aus der Hand gerissen habe, mit dem er versucht hatte, die Bienen zurück ins Haus zu bringen. Damit, meint er, sei das Märchen mit dem Besen aufgetaucht. Auf Richter Geislers Frage, ob er den Besen gegen den Kopf der Frau geführt habe, sagt er: „Nein, das hab i nita."

Noch ein Weilchen geht es im gleichen Takt dahin, ohne dass die Zuhörer eine echte Chance bekommen, sich ein Bild zu machen über das, was da passiert ist im Juni 2009. Und als der Privatbeteiligtenvertreter, also der Anwalt des Opfers, mitten in einem Satz des Angeklagten aufsteht und feststellt, dass die Frau, über die hier gesprochen wird, das mutmaßliche Opfer des Bienenangriffs, im Juni an Krebs gestorben sei, ist es Richter Geisler, der keine Zeit lässt, diese Information zu verdauen. Scharf richtet er sich an den Anwalt: „Wer führt jetzt die Verhandlung. Sie oder ich? Sollen wir tauschen? Sie können alles sagen, wenn sie dran sind." Punkt.

Der Zwist. Dass niemand die offensichtlich turbulente Auseinandersetzung gesehen hat und das Opfer, das die Aussagen des Angeklagten möglicherweise widerlegen hätte können, verstorben ist, macht die Wahrheitsfindung schwieriger. Erst, als der Ehemann der Verstorbenen in den Zeugenstand gerufen wird, klären sich zumindest die groben Umrisse der Geschichte. Der Angeklagte hatte das Bienenhaus von seinen Nachbarn sieben Jahre lang gepachtet. 2008 habe er klar gemacht, dass er das Haus nicht mehr benötige, doch habe er es nicht geräumt. „Ich hab ihn x-mal gebeten, doch er hatte immer eine andere Ausrede", erklärt der Nachbar. Wahrscheinlich war das der Grund für den Streit, der darin gipfelte, dass es seiner Gattin irgendwann reichte. „Sie wollte das Haus geräumt haben und sie ist rauf gegangen", sagt der Witwer, „sie erzählte mir, dass er (der Angeklagte – Anm.) sie mit den Bienen bedroht habe. Sie sagte, er habe ihr den Besen absichtlich zum Kopf geführt. Die Tür ist aus den Angeln geflogen, dabei ist sie verletzt worden. Dann hat er die Tür beim Fenster rausgeschmissen." Davon, dass seine Frau eine Allergie gegen Bienenstiche gehabt hatte, wusste er allerdings nichts.

In der ersten Reihe des Zuschauerraums beobachtet der Angeklagte seinen Nachbarn bei dessen Aussage. Mit verschränkten Armen, körperlich angespannt und mit angestrengtem Blick. Manchmal schüttelt er leicht den Kopf. Widersprechend, ungläubig, echauffiert. Angebracht ist das Kopfschütteln, als Richter Geisler feststellt, dass im Strafantrag der falsche Name angeführt ist. Als Opfer wird darin die Tochter genannt. Noch eine Peinlichkeit für die Staatsanwältin, die daraufhin kleinlaut sagt: „Das modifizieren wir."

Nachdem Richter Geisler den Beschluss fasst, dass ein weiteres Gutachten Klarheit über Art und Dauer der Verletzungen durch den Bienenangriff bringen soll und er die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt, ist diese Sitzung beendet. Die Journalisten verlassen rasch den Saal, um mit ihren Redaktionen zu telefonieren. Ein Fotograf fotografiert noch rasch die Fotos des Bienenhäuschens, mit denen der Verteidiger irgendetwas beweisen wollte. Die Staatsanwältin bleibt sitzen und schreibt konzentriert auf einem Blatt Papier. Für sie war es kein guter Tag. Für die Wahrheitsfindung ebenso wenig und für die Rechtsfindung auch nicht. Was übrig bleibt, ist die Erkenntnis, dass in einem kleinen Bienenhäuschen im Juni zwischen 40.000 und 70.000 Bienen Platz haben. Was übrig bleibt, ist aber auch das Erstaunen darüber, was alles möglich ist zwischen Nachbarn und die neuerliche Bestätigung des Satzes, den Friedrich Schiller seinem Helden Wilhelm Tell vor gut 200 Jahren in den Mund legte: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt." Wer auch immer in der Bienencausa der Fromme war und wer der Böse – es ist schon blöd, dass manche Dinge ewig gültig bleiben. Alexandra Keller

Dienstag, den 02. November 2010 um 14:02 Uhr

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