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Terroristen jenseits der Grenze

Zeitgeschichte. Ab 1933 flüchteten tausende österreichische ­Nationalsozialisten ins Deutsche Reich und bildeten dort die ­Österreichische Legion. Eine paramilitärische Einheit, die Österreich bedrohte, aber auch in Hitler-Deutschland für Unruhe sorgte.

Ein österreichischer Legionär, der nach oberösterreichischem Volksbrauche von einem bayrischen Tänzer dessen Mädchen ablösen wollte, erhielt von diesem deshalb eine Ohrfeige, weil dieser Brauch in Vilshofen unbekannt ist und als Herausforderung angesehen wurde. Als der Legionär diesen Schlag gleichfalls mit einer Ohrfeige quittierte, entwickelte sich eine regelrechte Saalschlacht. In großer Anzahl wurden Biergläser und Sessel geschleudert und nahmen die Ortsansässigen Stellung gegen die Österreicher. Die vom Gastwirte herbeigerufene SS- und SA-Wache beförderten die 16 anwesenden Legionäre aus dem Gasthause, worauf diese sich in das Lager flüchteten", berichtete am 30. April 1934 der oberösterreichische Sicherheitsdirektor an das staatspolizeiliche Büro im Bundeskanzleramt. Doch der Zwischenfall im bayrischen Vilshofen bei Passau wenige Tage zuvor war noch nicht vorbei. Die 16 Österreicher holten Verstärkung, an die 60 Mann hatten in der Folge die Absicht, das Gasthaus und die Polizeiwache zu stürmen. „Es kam hierauf beim Gasthause zu einem neuerlichen Raufhandel, in dessen Verlaufe einem Legionär durch einen Wachmann der Schädel gespalten wurde, was den sofortigen Tod zur Folge hatte. Ein zweiter Legionär trug derart schwere Verletzungen davon, dass er am 23.4. starb", heißt es weiter in dem Bericht.

Strafrechtliche Folgen für die randalierenden Österreicher gab es keine. Der Vorfall wurde vertuscht, denn die Österreicher waren im Deutschen Reich „Freunde", sie waren Mitglieder der Österreichischen Legion, einer paramilitärischen Vereinigung von nach Deutschland geflüchteten Nationalsozialisten. Nach dem Verbot der österreichischen NSDAP im Juni 1933 und dem gescheiterten Nazi-Putsch im Juli 1934 setzten sich rund 15.000 Österreicher nach Deutschland ab. Untergebracht wurden sie in sogenannten Hilfswerklagern in Bayern, wo sie auch militärisch gedrillt wurden. Doch die Männer sorgten nicht nur in Bayern für Wirbel. Mit Propaganda­aktivitäten, Terroranschlägen und Morden versetzten sie vor allem die grenznahen Regionen Tirol, Vorarlberg, Salzburg und Oberösterreich in einen ständigen Unruhezustand und bildeten einerseits ein Bedrohungsszenario für das ständestaatliche Österreich, schrieben andererseits ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des österreichischen Ständestaats. Ein Kapitel, das bislang nahezu unerforscht war.

Mit „Söldner für den Anschluss" schließt nun der Wiener Historiker Hans Schafranek diese Lücke. Mit seiner Mitarbeiterin Andrea Hurton hat er in jahrelanger Recherchearbeit an die 150.000 Daten zu den 15.000 Legionären zusammengetragen, hat für die vom Zukunftsfonds der Republik Österreich geförderte Studie in zwölf deutschen und österreichischen Archiven unbekannte Dokumente gesichtet. Das Ergebnis ist nicht nur die wohl größte Datensammlung zur Geschichte der österreichischen Nationalsozialisten, es gibt auch Einblicke in lokale Besonderheiten innerhalb des NS-Systems – so zum Beispiel den hohen Anteil von Tirolern innerhalb der Österreichischen Legion.

Mord am Inn. 1341 Legionsangehörige mit einem Tiroler Wohnort vor der Flucht nach Deutschland zählt Schafranek. In Relation zur damaligen Gesamtbevölkerung kam auf 264 Tiroler ein Legionär. Ein Wert, der nur in Kärnten und Salzburg übertroffen wurde. Besonders stark waren die Legionäre in den Bezirken Kitzbühel und Kufstein vertreten. Zwei Ebbser waren es auch, die 1934 an einem Mord beteiligt waren.

Am 30. Jänner 1934 kehrte der Zollwachkontrollor Franz Winkler von seiner Patrouille zwischen Niederndorf und Ebbs nicht mehr zurück. Winkler war auf Skiern unterwegs gewesen. Am Inndamm fand man schließlich die endende Spur, der Schnee war voller Blut, zwei Patronenhülsen lagen am Boden. Schließlich fand man auch noch Winklers Gewehr und nationalsozialistisches Propagandamaterial. Schon am nächsten Tag war sich die Gendarmerie sicher, dass für den vermeintlichen Mord drei Legionäre verantwortlich waren: Andreas Sausgruber und Georg Achorner aus Ebbs sowie Karl Blecha. Vor allem Sausgruber war der Polizei kein Unbekannter. Er war mehrfach vorbestraft. Unter anderem hatte er 1924 im Streit eine Bäuerin erwürgt und anschließend aufgehängt, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Wegen Totschlags wurde er deswegen zu sieben Jahren Kerker verurteilt. Auch Propagandamaterial hatte er schon öfters über die Grenze geschmuggelt. So auch am 30. Jänner im Auftrag von Ludwig Regiert, einem SA-Sturmbannführer aus Pinswang, der von Kiefersfelden aus die Kufsteiner SA-Standarte leitete. Winkler ertappte die drei Legionäre beim Schmuggel und wurde von Sausgruber erschossen (Winklers Leiche wurde zwei Monate später aus dem Inn geborgen). Die Täter flüchteten mit dem Taxi nach Kiefersfelden, was die Gendarmerie auf ihre Spur brachte. Im Deutschen Reich wurden Sausgruber, Achorner und Blecha von den Behörden gedeckt und erhielten falsche Namen – Sausgruber erhielt den Namen Winkler. Vor Gericht konnten sie allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg gestellt werden. Blecha gestand zwar seine Beteiligung am Mord, wurde aber im Oktober 1948 in Innsbruck – so wie Achorner – nur wegen seiner Mitgliedschaft bei der Legion zu 18 Monaten verurteilt. Sausgruber war noch bis 1951 ein freier Mann, ehe er in Deutschland wegen Totschlags zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.

Gewaltbereit. Doch Andreas Sausgruber war mit seiner kriminellen Vergangenheit keine Ausnahme. Selbst der zuständige Flüchtlingskommissar Hans Röhrich, der sich ständig beschwerte, dass sich in der Legion sehr viele kriminelle Elemente herumtummelten, schätzte diesen Anteil auf zehn bis 25 Prozent, eine Zahl, die Hans Schafranek zufolge auch stimmen dürfte. Vor allem bis Ende 1933 flohen nicht nur politisch Verfolgte über die Grenze, es setzten sich auch Kleinkriminelle und wirtschaftliche Flüchtlinge ins Deutsche Reich ab. Hauptsächlich waren es junge Männer der Jahrgänge 1910 bis 1914, von Beruf Handwerker und Hilfsarbeiter. Gemeinsam war ihnen auch ein radikaler Antisemitismus sowie eine hohe Gewaltbereitschaft, wie ein Aktionsplan der österreichischen Nationalsozialisten aus dem Jahr 1932 zeigt. Neben dem gezielten Straßenterror, der Störung von Versammlungen und der Sprengung von Gütertransporten enthielt er auch eine Aufforderung an potenzielle Selbstmörder, „sie sollen sich doch, wenn sie abfahren wollen, einen Heldentod suchen und immer ein paar Schuldige ihrer Not mitnehmen. Bei geschickter Aufmachung dieser Propaganda kann man die Personen, die drankommen sollen, schon richtig in den Vordergrund stellen."

Doch ihr hohes Aggressionspotenzial konnten die Legionäre nicht für ihr erklärtes Ziel nutzen – den Sturz des verhassten Ständestaats. Zwar wurden sie in den Lagern militärisch ausgebildet, ihr Einsatz beschränkte sich aber auf einen mit hilfspolizeilichen Befugnissen ausgestatteten „Grenzüberwachungsdienst", den sie dazu nutzten, um einerseits aus Österreich fliehende Nazis zu unterstützen, andererseits gezielte Aktionen in Österreich zu setzen – was das ohnehin gespannte Verhältnis zwischen Hitler-Deutschland und dem austro-faschistischen Staat noch mehr verschlechterte. Die militärische Untätigkeit führte zu Konflikten mit der bayrischen Bevölkerung und zu Meutereien in den Lagern. Und auch während des Juli-Putsches konnten die Legionäre nur untätig zuschauen. Zwar wurden sie in den Abendstunden des 25. Juli 1934 mobilisiert, doch schon um drei Uhr Früh des 26. Juli wieder zurückgepfiffen – ein Einsatz der Legion erschien der deutschen Führung aus außenpolitischen Gründen als zu riskant. Einzig beim oberösterreichischen Kollerschlag überschritt ein Trupp von Legionären unter der Führung des SA-Standartenführers Hans Geister (Schafranek: „ein paranoider Alkoholiker") die Grenze, beteiligt waren auch Jörg Haiders Vater Robert und Anton Burger, der spätere Lagerkommandant im Ghetto Theresienstadt. Die Aktion kostete Todesopfer auf beiden Seiten und endete in einer panikartigen Flucht der Legionäre zurück nach Deutschland.

Das Ende. Doch nicht nur beim Juli-Putsch musste die Legion untätig bleiben, auch ihr großes Ziel, den „Anschluss" am 13. März 1938, erlebte sie – inzwischen auf Lager in Westfalen, Hessen und Norddeutschland aufgeteilt – nur in einer Zuschauerrolle. Unter anderem wurde befürchtet, dass die Legionäre „all das, was sie in Jahren in sich hinein haben fressen müssen, jetzt abreagieren" – einen „freundlichen Anschluss" hätte das wohl nicht abgegeben. Zumindest einen kleinen Teilerfolg konnte Legionskommandant Hermann Reschny doch noch erreichen. Nach einer Intervention bei Hitler durfte die Legion am 30. März geschlossen und bewaffnet in Österreich einmarschieren – vor allem als Propagandaaktion für die „Volksabstimmung" am 30. April. Zwei Monate später wurde die Legion aufgelöst, viele Legionäre waren danach hauptsächlich daran interessiert, bei den anstehenden „Arisierungen" ihren „Schnitt" zu machen. Andreas Hauser

Buchtipp

Hans Schafranek: „Söldner für den Anschluss. Die Österreichische Legion 1933–1938". Czernin Verlag, 496 Seiten mit zahlreichen Abbildungen; € 29,90.

 

Die Legion in Lechfeld

Im bayrischen Lechfeld wurde im Juni 1933 das erste und zentrale Lager der Österreichischen Legion errichtet und als „Sportschule Fischer" getarnt. Schon im August war das Lager mit über 3500 Legionären überfüllt, es herrschte eine angespannte Atmosphäre, es kam auch zu Schießereien. In der Folge wurden weitere Lager eröffnet, unter anderem in Wöllershof, Bad Aibling, Reichersbeuern, Graßlfing, Egmating, Burgrieden, Mönchroden, Freilassing, Gerlenhofen und Redwitz.

 

Franz Ammerer

Der 1907 in Schwanenstadt geborene Franz Ammerer lebte seit seiner Jugend in Tirol und trat 1932 der SA bei. 1933 flüchtete er nach Deutschland und wurde im Lager Lechfeld für den Straßenkampf und Sprengstoffanschläge ausgebildet. Im Februar 1934 sprengte er den Bahnübergang zwischen Kirchberg und Kitzbühel. Bei einem anschließenden Feuergefecht mit einer Heimwehrpatrouille wurde er am Arm schwer verletzt, verhaftet und zu fünf Jahren verurteilt. Im Juli 1936 wurde er amnestiert und ging wieder nach Deutschland.

 

Hans Glück

1898 in Innsbruck geboren, machte Hans Glück ab 1920 eine steile Karriere. Über den NSDAP-Beitritt 1920 und SA-Beitritt 1928 bis zum Brigadeführer 1938. 1933 musste er nach Deutschland fliehen, da er unter anderem wegen Terror- und Sprenganschlägen gesucht wurde. Mit Gauleiter Franz Hofer leitete er von München aus die Propaganda und hatte eine führende Rolle in der österreichischen Legion inne. 1945 wurde er in Innsbruck zu 15 Jahren schwerem Kerker verurteilt. Hans Glück starb im Jahr 1957.

 

„Interessantes Phänomen"

Interview. Der Historiker Hans Schafranek über den Machtfaktor, den die Österreichische Legion darstellte.

ECHO: Die Österreichische Legion kann durchaus als zentraler Aspekt, fast schon Mythos des österreichischen Nationalsozialismus bezeichnet werden. Warum wurde sie erst jetzt genau erforscht?

Hans Schafranek: Das hängt nicht so sehr am thematischen Aspekt, es gibt noch viele Aspekte des österreichischen Nationalsozialismus vor 1938, bei denen ein eklatantes Forschungsdefizit auszumachen ist. Eher geht es um eine gewisse Mentalität. Vorsichtig formuliert: Ein Großteil der österreichischen Zeitgeschichteforscher hat eine gewisse Scheu, die ohnehin nicht mehr vorhandenen Grenzschlagbäume zu überwinden. Konkret: Ich habe allein bei 15 Berlin­aufenthalten im Bundesarchiv ein einziges Mal einen österreichischen Kollegen getroffen. Das ist aber in anderen Ländern ähnlich. Ein französischer Historiker bevorzugt zu einem französisch-deutschen Thema auch eher die französischen Archive. Bei dem Thema des illegalen Nationalsozialismus ist das aber eher verwunderlich, da alle maßgeblichen Quellen zur internen Geschichte der Österreichischen Legion, zu Auseinandersetzungen innerhalb der Legion, aber auch biografisches Material in Deutschland liegen.

ECHO: Sie haben die Legion sehr genau analysiert, auch nach der regionalen Herkunft der Mitglieder. Auffallend dabei ist der hohe Anteil an Tirolern, Salzburgern und Kärntnern. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Schafranek: Eine definitive nicht, es gibt aber verschiedene Wurzeln. In Tirol und Salzburg ist es durch die Grenznähe bedingt. Einige der Salzburger Führungsmitglieder waren aber auch direkt bzw. indirekt in den Hitler-Putsch 1923 in München involviert. In Kärnten ist es durch die deutschnational ausgerichtete Grenzlandideologie begründet. Das sind sicher die wichtigsten Komponenten.

ECHO: Viele der Legionäre, deren Biografien Sie erforscht haben, hatten auch abseits der politischen Tätigkeit Konflikte mit dem Gesetz.

Schafranek: Es gab in den Milieus, aus denen die späteren Legionäre hervorgegangen sind, auch viele halb-, un-, vor- oder nichtpolitische Elemente. Es gibt etwa einen Bericht aus dem Juli 1934 vom Flüchtlingskommissar Hans Röhrich, der sich ständig beschwert, dass sich in der Legion sehr viele kriminelle Elemente herumtummeln, die den Umstand ausgenutzt haben, dass es zwischen Juni und November 1933 keine zentralisierte Flüchtlingsüberprüfung gab. In dieser Phase waren die Aufnahmestellen auf das angewiesen, was die Flüchtlinge selbst erzählt haben. Da tendierte jeder dazu, seine Verdienste für die SA oder die Partei besonders hervorzuheben. Bei vielen vermengen sich auch ökonomische Motive mit politischen. Man kann es nicht scharf trennen.

ECHO: War die Legion eigentlich ein Machtfaktor?

Schafranek: Ja und nein. Wenn man die Geschichte von rückwärts interpretiert, war sie es nicht. Sie kam nie zu einem größeren militärischen Einsatz, was ja ihr Sinn und Zweck war. Der einzige tatsächliche Einsatz während des Juliputsches rund um die Gruppe von Hauptmann Hans Geister wurde nachträglich desavouiert. In der Geschichte spielen aber auch Bedrohungsszenarien eine Rolle. Insofern war sie ständig präsent. Indirekt hat es auch dazu geführt, dass während des Juliputsches mehrere ita­lienische Divisionen aufmarschiert sind. Ein indirekter Machtfaktor war sie auch in Deutschland innerhalb der einzelnen NS-Fraktionen. Allein dass sie bis zum Herbst 1935 in Bayern existieren konnte. Zu einem Zeitpunkt, als die oberste SA-Führung unter Ernst Röhm längst ausgeschaltet war, hat die Legion als SA-Einheit bayrische Dörfer terrorisiert. Das wäre ohne Deckung der Zentralbehörden unvorstellbar gewesen. Insgesamt war die österreichische Legion ein interessantes Phänomen. Man sieht deutlich, wie eine Bewegung, die eine politische Bedeutung hatte und für Österreich ein Bedrohungsfaktor war, sich nach fünf Jahren quasi widerstandslos auflösen lässt und jeder nur noch daran interessiert ist, einen Posten zu bekommen. Nach 1938 gibt es keine gruppenspezifischen Strukturen mehr – das zeigt auch die Überschätzung des Bedrohungsszenarios.

Interview: Andreas Hauser

Mittwoch, den 02. Februar 2011 um 16:18 Uhr

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