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Spielwiese Aufklärung

Josephinismus. Der österreichische Kaiser Joseph II. gilt als der verhinderte Reformer. Mit aufklärerischen Ideen versuchte er Österreich zu verändern und stieß auf heftigen Widerstand - vor allem in Tirol. Mit seinem Tod 1790 wurde auch die Aufklärung in Österreich zu Grabe getragen - doch nicht für immer.

Joseph II., Erzherzog von Österreich und von 1780 bis 1790 Alleinregent über das Habsburgerreich, hatte es nicht leicht. Als Mitregent seiner Mutter Maria Theresia hatte er sich nicht so durchsetzen können, wie er wollte. Seine Mutter versuchte ihn und seine Ideen zu bremsen - was ihr nicht immer gelungen war. Auch ihr Vertrauter und Berater, Wenzel Anton Kaunitz, seines Zeichens selbst ein Freund des französischen Aufklärers Voltaire, war nicht mit der Politik Josephs und seinen aufgeklärten Ideen einverstanden. „Maria Theresia hatte Kaunitz immer bearbeitet den Sohn einzubremsen. In Joseph II. muss das ein Trauma hervorgerufen haben", erklärt Helmut Reinalter, Historiker und Experte für Aufklärung an der Universität Innsbruck. Joseph erkannte, dass er als Mitregent nichts entscheiden konnte und seine Mutter, die Kaiserin, machte ihm Schwierigkeiten. Die aufklärerischen Ideen, die in seinem Kopf immer mehr Gestalt angenommen hatten, mussten zurückgehalten werden, in Joseph herrschte eine Art Reformstau - noch.
„Das erklärt vielleicht auch die Ungeschicklichkeit von Joseph als Alleinherrscher und das rasche Tempo der Reformen", meint Reinalter. Joseph II. war fasziniert von den Ideen der Aufklärung. Bereits im Unterricht wurde er als Jugendlicher mit dem aufklärerischen Gedankengut konfrontiert - was sich Jahre später auf Österreich auswirken sollte. „Seine Hauptmotivation waren zweifelsohne die notwendigen Reformen. Er sah, dass die Gegenreformation und der Einfluss der katholischen Kirche auf das Habsburgerreich sehr stark nachwirkte. Er war der Meinung, dass - wenn Österreich den Anschluss an die Entwicklung anderer europäischer Staaten finden wollte - Reformen unausweichlich und schnell durchzuführen wären", erklärt Reinalter die Motivation Joseph II., der 1780 mit 39 Jahren zum König gekrönt worden war. Joseph hatte es sehr eilig, die begonnen Reformen seiner Mutter, die unter anderem die Schulpflicht vorsahen, auszuweiten, zu radikalisieren und umzusetzen. Zu eilig, wie viele Historiker meinen. Zu radikal, wie andere sagen. Joseph sah sich plötzlich wie ein Kind, das alleine und ohne Kontrolle eine Spielwiese vorfand. Nach dem Tod seiner Mutter hatte er als absoluter Herrscher alle Möglichkeiten, seine Ideen umzusetzen und mit dem Gedankengut der Aufklärung zu spielen. Sein Ziel formulierte er so: „In meinen Ländern soll Fanatismus in Zukunft nur noch daran zu erkennen sein, dass ich ihn verachte. Niemand darf mehr wegen seines Glaubens verfolgt werden oder gezwungen werden, sich zur Staatsreligion zu bekennen, wenn das gegen seine Überzeugung ist und er eine andere Vorstellung über den rechten Weg zur ewigen Seligkeit hat. Mein Reich soll von nun an nicht mehr Schauplatz von Intoleranz sein."
Die Reformen Josephs II. standen unter dem Leitsatz: „Alles für das Volk; nichts durch das Volk." Dieser sogenannte Aufgeklärte Absolutismus hatte für die österreichische Staatsstruktur weitreichende Folgen. Um seinen aufklärerischen Ideen, die vor allem Folgen für die katholische Kirche und die Gesellschaftsordnung hatten, die nötige Stärke zu geben, verstärkte er die Kontrollmöglichkeiten und Bürokratie. Mit Edikten und Patenten versuchte Joseph Österreich in das Zeitalter der Aufklärung zu katapultieren. Das Toleranzpatent von 1781 bewilligte etwa freie Religionsausübung für Griechisch-Orthodoxe sowie Protestanten und gestattete dem Judentum neue Entfaltungsmöglichkeiten. Obwohl die katholische nach wie vor als Staatskirche galt, schränkte er ihre Privilegien ein. Das Robotpatent, auch Untertanenpatent genannt, sollte das Ende der Leibeigenschaft einleiten - Joseph wurde so in der späteren Legende zu „Joseph, der Bauernbefreier". Am Beginn des Jahres 1789 erließ der Kaiser ein Steuerdekret - vielleicht das revolutionärste Gesetz vor der französischen Revolution -, welches das Fundament der Feudalherrschaft bis ins Mark erschütterte. Ein Bauer durfte fortan 70 Prozent seines Bruttoeinkommens für sich behalten, 12,5 Prozent musste er als Grundsteuer an den Staat abführen und 17,5 Prozent gingen an den Gutsherrn und die Gemeinde.
Gleichzeitig aber - um die Reformen effektiv in Gang zu bringen - schränkte er die regionale Macht der Länder ein, indem er zentralstaatlich agierte. Während die Reformen von vielen Bevölkerungsschichten noch mit Widerwillen aufgenommen wurden, wuchs nun ein handfester Protest. Vor allem sahen sich Kirche und Adel in ihren Machtinteressen eingeschränkt. Tirol nimmt dabei eine besondere Rolle ein. Vor allem die kirchlichen Reformen Josephs II. stießen im Alpenland auf heftigsten Widerstand. „Das hängt mit der politischen und kirchlichen Struktur Tirols zusammen", meint Historiker Reinalter (siehe Interview auf Seite 62). Es gab zwar an der theologischen Universität in Innsbruck eine kleine katholische Aufklärungsbewegung, die auf einige wenige Theologen beschränkt war und auf das Heftigste bekämpft wurde, doch sonst war in Tirol sehr wenig Raum für aufklärerische Ideen. Ganz im Gegenteil. Es ging so weit, dass etwa das Toleranzpatent Josephs II. von den kirchlichen Kanzeln aus verteufelt wurde - die Tiroler wurden aufgefordert, das liberale Gedankengut zu verwerfen - und aufklärerische Bücher wurden öffentlich verbrannt. Vor allem Voltaire, einer der wichtigsten Väter aufklärerischer Ideen, war zentraler Angriffspunkt: „Voltaire hat für alles, was sich gegen die Aufklärung gerichtet hat, herhalten müssen. Er war der Obersündenbock. In katholischen Schriften in Tirol gab es erstaunliche Polemiken gegen Voltaire - noch bis tief in das 19. Jahrhundert. Es war eine Strategie, ein Instrumentarium zur Bekämpfung der Ideen der Aufklärung, Feindbilder zu entwickeln", erklärt Reinalter. Aber nicht nur in Tirol gab es Tendenzen gegen die Aufklärung und die Ideen Josephs II. Obwohl in Tirol am stärksten ausgeprägt, wurden die Reformen in ganz Österreich mit Argwohn aufgenommen.

widerspruch. Doch auch Joseph selber hatte mit seinem Gedankengut zu kämpfen. Obwohl er einerseits ein Anhänger der Aufklärung war, kam ihm seine Position als absoluter Herrscher in die Quere. „Joseph war einer, der an dem Anspruch des absoluten Herrschers festgehalten hatte. Er hatte Probleme bekommen, die Ansprüche der Aufklärung mit seiner absoluten Herrschaftsausübung zu verknüpfen", meint Historiker Reinalter. Zudem geriet er immer mehr unter Druck von Außen. Seine Berater, die anfänglich seine Reformen unterstützten, stellten sich nun gegen ihn. Sie meinten, dass ein absoluter Regierungsstil und der Absolutismus als Staatskonzeption besser geeignet wären als aufgeklärte Ideen, die unweigerlich in letzter Konsequenz zur Abschaffung des Absolutismus geführt hätten. „Das ist tatsächlich der Grund, wieso Joseph II. seine Reformen nicht erst nach Ausbruch der französischen Revolution rückgängig gemacht hatte", meint Reinalter. Der „Reformkaiser" stieß allerorts auf Widerstand und Ablehnung. Er musste viele seiner Neuerungen widerrufen, die vor allem in Ungarn und in den Österreichischen Niederlanden zu blutigen Auseinandersetzungen geführt hatten und das Verhältnis zwischen Wien und Rom schwer belasteten. Bereits ab 1785 wurde Edikte zurückgenommen und der Reformabsolutismus systematisch abgebaut. Der starke öffentliche Druck zwang den Kaiser kurz vor seinem Tod alle eingeführten Reformmaßnahmen in Ungarn zu widerrufen und auch in den österreichischen Ländern Reformen abzubauen. Der Kaiser erklärte dazu: „Nur aus Sorge um das gemeine Wohl und in der Hoffnung, dass ihr, durch Erfahrung belehrt, die Reformen als Annehmlichkeit empfinden werdet, haben Wir sie vorgenommen. Jetzt aber haben Wir Uns davon überzeugt, dass ihr die alte Verwaltung vorzieht. Es ist aber Unser Wille, dass Unser Toleranzedikt, die Regelung zur Schaffung neuer Pfarrgemeinden und Erlässe über die Behandlung der Leibeigenen und ihre Beziehung zum Grundherrn, in Kraft bleiben." Der enttäuschte Kaiser meinte noch: „Im Innersten überzeugt von der Integrität meiner Absichten, habe ich die Kraft zu hoffen, dass nach meinem Tode die Nachwelt günstiger, unparteiischer und folglich gerechter als meine Zeitgenossen über meine Taten denken und meine Ziele prüfen wird, ehe sie mich verurteilt." Statt Trauer zeigte die Bevölkerung Erleichterung über den Tod des Monarchen am 20. Februar 1790.
Spätestens mit dem Tod Josephs II. und mit dem Einsetzen Leopolds II. als Kaiser war das Experiment „Aufklärung in Österreich" zu Ende gegangen. Leopold zog zur Durchsetzung seiner politischen Ziele Adel und Geistlichkeit wieder vermehrt in Entscheidungen mit ein und stärkte das ständische Prinzip. Doch das Gedankengut Josephs keimte. „Realpolitisch gesehen waren die Reformen Josephs II. zu früh. Die Reformen waren nicht umsetzbar. Aber zweifelsohne wurde der Keim für die Revolutionen im 19. Jahrhundert gelegt. Der Begriff des Josephinismus kam ja erst im Vormärz auf - dem Zeitabschnitt zwischen dem Ende des Wiener Kongresses 1815 und der Julirevolution in Frankreich 1830." Es war die Zeit, als man auch in Österreich wieder an die aufklärerischen Errungenschaften Josephs II. dachte. David Bullock

Unmut in Tirol
Der Josephinismus beinhaltete erste Anzeichen einer aufklärerischen Gesellschaft in Österreich. Vor allem in Tirol wurde diese Art der Staatsführung bekämpft - aus Machtinteressen vor allem der Geistlichkeit und des Adels.

ECHO: Die josephinischen Reformen stießen vor allem in Tirol auf Unmut und Widerstand. Wieso?
Helmut Reinalter: Der große Unmut hing mit der politischen und kirchlichen Struktur des Landes Tirol zusammen - mit dem übermächtigen Einfluss der katholischen Kirche. Es gab sehr wenig Raum für Aufklärungsideen. Die Problematik war, dass diese Ideen immer mit dem Atheismus verknüpft worden sind. Das stieß in Tirol auf heftigsten Widerstand - schlussendlich auch bei Andreas Hofer. Diese Fehlinterpretation wurde von Teilen der katholischen Geistlichkeit beeinflusst.
ECHO: Waren solche Fehlinterpretationen zur Aufklärung bewusst gesteuert worden?
Reinalter: Ja. Das kann man an vielen Beispielen aufzeigen. In Tirol gab es eine Art Gegenaufklärung, die sich in vielen Schriften manifestierte und in zwei Strömungen aufteilen lässt: Es gab Verschwörungstheorien gegen aufklärerische Philosophen wie Voltaire - in diesem Zusammenhang kam es in Tirol auch zu öffentlichen Bücherverbrennungen - und man differenzierte nicht das Religiöse in der Aufklärung. Es wurden die Tiroler von den Kanzeln aus aufgerufen, das Toleranzedikt und die religiösen Toleranzideen von Joseph II. zu verwerfen.
ECHO: Welche Interessen wurde in einer solchen Gegenaufklärung verfolgt?
Reinalter: Vor allem Machtinteressen. Es ging um die Bewahrung von Privilegien der Geistlichkeit und des Adels. In Tirol sprach man sogar von einer „Tirolischen Nation". Diese wollte man verteidigen und sich nicht der wienerischen Zentralregierung unterwerfen.
ECHO: Der Bauernstand wäre durch die Reformen und aufklärerischen Ideen gestärkt worden ...
Reinalter: Die prinzipielle Einstellung zum Bauernstand hat sich durch die Ideen der Aufklärung sehr stark verändert. Die Bauern galten als der produktivste Stand - insofern wurde dadurch der Bauernstand aufgewertet. Joseph II. wollte den Bauern entgegenkommen, indem er wichtige argrarische Reformen durchführen wollte. Doch trotz des Robotpatents von 1781, indem die Leibeigenschaft abgeschafft werden sollte, gab es noch immer Grundherrschaften und es dauerte bis 1848, bis die Leibeigenschaft wirklich abgeschafft wurde. Der Josephinismus war der erste Ansatz, dem Bauernstand Erleichterung zu schaffen, indem man erkannt hatte, dass dieser ein wichtiger - beinahe der wichtigste - Bestandteil der Gesellschaft ist.Interview: David Bullock

Donnerstag, den 16. April 2009 um 15:42 Uhr

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