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King Köll wackelt

Andreas Köll. Aus großer VP-Sicht ist er ein Kleiner, in Osttirol ist er ein Großer. Noch. Es mehren sich die Anzeichen, dass der Thron, den sich Andreas Köll so geschickt gezimmert hat, auf wackeligen Beinen steht. Im TVB rumort es, seine VP-Bürgermeister-Kollegen meutern und die Finanzen seiner Gemeinde Matrei sind sagenhaft schlecht. Hinter den brechenden Dämmen wird auch das Netzwerk des Umstrittenen sichtbar.

Es sollte wohl Fragen aus dem Weg räumen. Doch warf es weit mehr Fragen auf. Und erlaubte einen Blick in das System. Am 19. Mai 2011, knapp vor Redaktionsschluss, meldete sich ein Herr Michael Rainer bei ECHO. Rainer ist Finanzverwalter der Marktgemeinde Matrei in Osttirol, klang sehr fröhlich und stellte eingangs fest, dass er sich im Namen des Bürgermeisters melde. Der habe nämlich Signale empfangen. Nicht aus dem All oder dem Himmel über Osttirol, sondern aus dem Amt der Tiroler Landesregierung und aus der Bezirkshauptmannschaft Lienz. „Signale, dass Anfang bis Mitte nächster Woche die Genehmigungen der Darlehen aus dem Land und der BH kommen werden“, so Rainer. Diese Genehmigungen seien ein Segen für Andreas Köll in seiner Funktion als Bürgermeister der Gemeinde Matrei. Und auch sonst. Denn mit diesen Genehmigungen der Aufsichtsbehörden habe er es wieder einmal geschafft, aus höchst heiklen Fragwürdigkeiten zum Budget seiner Gemeinde unantastbare Geschäftsvorgänge zu machen. Anfang April 2011 wurde der Schuldenberg der Gemeinde Matrei tirolweit bekannt. 38 Millionen Euro Miese wurden dabei genannt, rund 8000 Euro minus pro Matreier Kopf. Ein Desaster, weil es unmöglich scheint, dass die Gemeinde aus eigener Kraft die Zahlungsunfähigkeit abwenden und die Verbindlichkeiten begleichen kann. Ein Dilemma, in dessen Zusammenhang längst ein Einschreiten der Aufsichtsbehörden in harscher Form gefordert wurde. Sollten sich aber die Signale bewahrheiten, die nun vernommen wurden, dann hat die Gemeinde vorerst nichts zu befürchten. Köll und seine Gemeinderäte haben durch die Genehmigung der Darlehen ein weiteres Jahr gewonnen sowie die Gewissheit, dass das System ÖVP noch funktioniert und die Welt noch in Ordnung ist. Kölls Welt. Noch steht sie.
Die großen, grünen Innenhöfe von alten Wohnanlagen in Amsterdam sind für Wissenschaftler höchst spannend. Diese Höfe haben keine direkte Verbindung nach außen und so lässt sich beispielsweise das Leben der dort beheimateten Katzen herrlich studieren. Wie in einem, von der Außenwelt abgeschirmten Großlabor. Osttirol ist diesen Bedingungen nicht ganz unähnlich. Von Nordtirol aus gibt es keine direkte Verbindung in den entlegenen Bezirk, die Einflüsse halten sich gleichsam an natürliche Grenzen. Darum lässt sich dort, am Fuße des Nationalparks, im Schatten der Hohen Tauern und der Karnischen Alpen, das Leben der Tiroler ÖVP herrlich studieren. Osttirol ist traditionell der schwärzeste Bezirk des Landes. Den Osttirolern wird ein kleiner Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Rest Tirols nachgesagt. Immer ein bisschen zu weit weg, immer ein bisschen ärmer, immer auf der Suche nach einem starken Vertreter „im Land“, einem der Identität stiftet und Stolz. Eine Handvoll Menschen bestimmen Wohl und Wehe der knapp 50.000 Osttiroler. Andreas Köll gehört dazu. Er ist – um den Vergleich zu beenden – ein Alpha-Kater im Bezirk. Genauso agiert er auch. Doch mehren sich Anzeichen der Unruhe in seinem Revier.

Die Karriere. Kölls Biografie ist ein Klassiker im diesbezüglich mit wenigen Überraschungen aufwartenden Buch der Tiroler Volkspartei. 1960 wurde er in Matrei geboren, besuchte das Neusprachliche Bundesgymnasium in Lienz, ging freiwillig zum Heer und sammelte Nahkampferfahrung, studierte Jus und kehrte dann zurück in die Heimat. Das tun gemeinhin nicht viele seiner Bezirks-Kollegen und in dem Zusammenhang gibt es zahlreiche, teils wenig korrekte Witze, doch Andreas Köll hatte gute Gründe für seine Rückkehr. Papa Florian war – als Sohn Andreas gerade in die Pubertät kam – Bürgermeister der Gemeinde Matrei geworden, lebte dieses Amt so mächtig wie geschickt und ebnete dem Sohn den Weg in die Politik. „Eigentlich wollte Andreas Köll nach seiner Gerichtspraxis in Innsbruck den Beruf eines Rechtsanwalts ergreifen, doch musste er bereits im Jahre 1988 für seinen erkrankten Vater als Geschäftsführer der Matreier Goldried Bergbahnen einspringen“, heißt es in einer VP-Hommage anlässlich von Kölls 20-jährigem Bürgermeisterjubiläum im Jahr 2009: „Ein halbes Jahr später wurde er dann auch vom Matreier Gemeinderat zu dessen Nachfolger als Bürgermeister gewählt.“ Nicht erwähnt wird, dass ein anderer Gemeinderat dem Sohn des Bürgermeisters im Jahr 1986 freiwillig seinen Sitz überlassen musste. Sonst hätte die Hofübergabe nicht funktioniert. Und sein weiterer Aufstieg vielleicht auch nicht.
Der war recht rasant. Wie im schwarzen Bilderbuch. Im Jahr 1992 wurde Köll Landesobmannstellvertreter des AAB Tirol, 1997 Bezirksobmann des AAB Osttriol, 2000 Gemeindeverbandsobmann, 2001 Bezirksparteiobmann, Landtagsabgeordneter sowie Gesundheitssprecher der VP Tirol (2003) und dann – 2009 –, als Nachfolger Günther Platters, Landesobmann des AAB Tirol. Dass Köll nicht als Kämpfer für Arbeitnehmerinteressen in Erscheinung tritt und sich selbst bei der Behandlung derartiger Themen im Landtag eher wortkarg gibt, liegt wahrscheinlich daran, dass der AAB längst zum Sprungbrettbund der Volkspartei degradiert wurde. Für die Vertreter ist er trotzdem toll. Die Funktion des AAB-Obmanns ist Kölls politische Absicherung.
Politische Multifunktionäre wie Köll werfen stets die Frage auf, wie viele Stunden ihre Tage denn so haben. Oder die Frage, was diese Funktionen den überhaupt wert sind, wenn sie nebst allerlei anderen Jobs ausgeführt werden können und großteils lediglich dafür benutzt werden, bei Veranstaltungen fotogen in vorderster Reihe zu stehen, wenn die Musikkapelle anderen den Marsch bläst. Das ist die Wirkung nach außen. Nach innen, in der komplexen Natur einer Parteiorganisation, wirken sie anders. Dort bilden die Funktionen Teile des Netzwerks ihres Trägers. Auf ihnen gründet die politische Macht. Je mehr Funktionen, desto unantastbarer der Träger. Köll kann das. Köll nutzt das. Köll scheint aber auch zu wissen, dass politische Titel allein keine Basis sind für ein Königreich.
Darum ist er auch in der Wirtschaftswelt abgesichert. Mit noch mehr Funktionen. Wie erwähnt, wurde Köll, der aufgrund seiner diesbezüglichen Frühreife längst zu den dienstältesten Bürgermeistern Tirols zählt, 1988 Geschäftsführer der Matreier Goldried Bergbahnen, mit denen die dem Großglockner zugewandten Berge der Gemeinde lifttechnisch erschlossen wurden und werden. „1994 wurden die praktisch konkursreifen Bahnen vom Liftkaiser Schultz übernommen“, erinnert sich Theresia Brugger, die als Matreierin, Touristikerin und langjährige Gemeinderätin den Weg Andreas Kölls intensiv verfolgte bzw. beobachtete. Köll wehrte sich stets gegen den Vorwurf, dass die Bahnen vor dem Ruin standen. Für einen Geschäftsführer ist so etwas immer blöd. Egal, nach wie vor ist er Geschäftsführer der Matreier Goldried Bergbahnen GmbH und damit Angestellter des Tiroler Liftimperators Heinz Schultz, der gemeinsam mit seiner Schwester Martha das riesige Tourismusimperium mit Zillertaler Wurzeln von Vater Heinrich Schultz geerbt hat. Köll hält auch 25 Prozent bei der Matreier Freizeitanlagen GmbH, spielt bei der Felbertauern AG mit, bei der Osttiroler Investment GmbH, mit der Fördergelder nach Osttirol gepumpt werden, er ist Aufsichtsrat-Stellvertreter der in Auflösung begriffenen Osttirol Werbung und er ist 1. Obmannstellvertreter im TVB Osttirol. Vor allem im TVB, aber auch in der Osttirol Invest kann er sich für die Interessen seines Brötchengebers Schultz stark machen. Schultz ist so etwas wie Kölls monetäre Absicherung.
Kölls Königreich scheint perfekt – mit all den Standbeinen, Einflussbereichen und schützenden Händen. Fast könnte er eine Anleitung für regionale Machtpolitiker der ÖVP schreiben. Einen kleinen Macchiavelli für Trachtenträger. Ja, das könnte er – wären da nicht diese unangenehmen Pfeile und bedrohlichen „Hackln“, die seit Kurzem in seine Richtung geschossen und geworfen werden. Wären da nicht diese Vorwürfe und Untergriffe, gegen die er sich wehren muss. Wären da nicht diese Schulden und Verbindlichkeiten sowie die Zweifel daran, dass Köll das Budget seiner Gemeinde im Griff hat. In der Form und Vehemenz sah sich Andreas Köll noch nie derartigen Angriffen ausgesetzt. Es regt sich was in Osttirol. Sein Netzwerk verheddert sich zunehmend. Das bringt König Köll ins Wanken. Und leitet ein unangenehmeres Kapitel für den Machthungrigen ein.

Die Angriffe. Bei der Vollversammlung des TVB Osttirol am 24. März 2011 bekam er die neue Härte vor versammeltem Publikum zu spüren. Der Osttiroler Verband, als dessen Obmannstellvertreter Köll für Infrastruktur, Bergbahnen und Förderungen zuständig ist, steht finanziell extrem schlecht da. „Angesichts des vorgelegten Budgets sei nicht mehr mit einer aufsichtsbehördlichen Genehmigung zu rechnen“, zitierte der Grüne Landtagsabgeordnete Gebi Mair Ende Februar 2011 aus dem vertraulichen Vorstandsprotokoll des Verbandes vom 13. Jänner 2011: „Maßnahmen zur Abwehr der Insolvenz werden vorgeschlagen. Beim Land soll um zusätzliches Geld geschnorrt werden. Und in Teilregionen des Tourismusverbandes, etwa der Region Defereggental, in der der FPÖ-Landtagsabgeordnete, Bürgermeister und Multifunktionär Gerald Hauser tätig ist, ist auch der Umgang mit 150.000 Euro laut Protokoll ungeklärt.“
Mit dem Hinweis auf nicht genehmigbare Darlehensaufnahmen, mit denen die Probleme „bis zum St. Nimmerleinstag“ aufgeschoben werden würden, ließ die Tourismusabteilung des Landes den TVB wissen, dass der TVB mit den 500.000 Euro – als „zusätzlichem Marketingbeitrag“ titulierten – Fördergeldern nicht rechnen dürfe. Knapp vor der Vollversammlung ließ auch noch die Lienzer Wirtschaftskammer aufhorchen, sprach von einem erheblichen Vertrauensverlust und davon, dass im Verband ein „selbstbeschädigender Arbeitsstil“ herrsche. Die Mitarbeiter des TVB ließen den Wunsch nach Gründung eines Betriebsrats vernehmen. Dann kam der 24. März 2011. Und brachte eine herbe Ohrfeige für Köll.
Nachdem die finanzielle Tristesse durchgekaut worden war und des Landes oberster Tourismusbeamter Gerhard Föger – laut einem Bericht auf www.dolomitenstadt.at – darauf aufmerksam machte, dass zwei Millionen Darlehensaufnahme als „Einnahme“ zu verbuchen ihm ebenso komisch vorkomme wie ein „Schutzverein“ zur Auslagerung von Vermögen, meldete sich Theresia Brugger zu Wort. Vor den über 300 Besuchern sagte die im Bezirk sehr geschätzte und als Kämpferin für den Nationalpark berühmt gewordene Matreierin: „Lieber Andreas, ich kenne deine Fähigkeiten sehr genau und ich muss sagen, du hast in den vergangenen 25 Jahren nicht begriffen, was Tourismus bedeutet.“ Und sie forderte ihn zum Rücktritt auf. Eine mutige Frau.
In Bedrängnis brachte Köll aber auch jene 24 Seiten starke Hochglanzbroschüre, die von Theresia Brugger als „Blattle“ bezeichnet und die bei der Sitzung verteilt wurde. Unter dem Titel „Quo vadis Osttirol – Die Zukunft unseres Tourismusverbandes“ hatte der Obmannstellvertreter darin seine Sicht der Dinge dargelegt. In weiten Teilen ist die Broschüre eine Hommage an sich selbst, an Investoren wie die Schultz-Gruppe oder ihm nahe stehende Unternehmer. „Als seit fast 25 Jahren hauptberuflich tätiger (und auf Basis einer ‚heimischen‘ Beteiligung in der Matreier Goldried Bergbahnen GmbH & Co KG Vertretener) Geschäftsführer, der in dieser Zeit auch ununterbrochen in den Vorstand des jeweiligen Tourismusverbandes gewählt worden ist, aber auch als Bürgermeister der zwischenzeitlich nächtigungsstärksten Gemeinde Osttirols“, beginnt Köll die Ausführungen, „darf ich im Namen des Planungsverbandes 34, der mich einstimmig dazu ermächtigt hat, vorliegende Informationen an die rund 4000 Mitglieder des TVB Osttirol abgeben.“ Auffallend an der Broschüre ist, dass die positiven Seiten des Osttiroler Tourismus stets unter Kölls Mitarbeit bzw. Beteiligung passierten. Bei den negativen Seiten war er nicht dabei. Richtig peinlich wurde es aber, als der Bürgermeister der Gemeinde Virgen, Dietmar Ruggenthaler, aufstand und darauf hinwies, dass der Planungsverband, dem auch er angehöre, Köll nie mit der Erstellung dieser Broschüre beauftragt habe. Nein, dieser Donnerstag im März scheint nicht wirklich Kölls touristischer Traumtag gewesen zu sein. In der Zwischenzeit gibt es sogar Gerüchte über eine Unterschriftenaktion, mit der versucht werden soll, ihn aus dem TVB zu kicken. Das wäre ein einschneidender Rückschlag, würde damit doch sein Einfluss massiv gestutzt, und er könnte sich dann auch nicht mehr für jene einsetzen, die derzeit so tragende Stützen seines Machtgefüges darstellen.
Die Tücken dieser Macht bringen es mit sich, dass beispielsweise ein Heinz Schultz viel wichtiger ist für Köll als ein Andreas Köll für Schultz. Eine Episode der Beziehung zwischen dem Lift-Kaiser und dem derzeit strauchelnden Osttirol-König ist in Erinnerung geblieben. Einmal hatte Köll versucht, seine Denkfreiheit zu bekunden, indem er sich in seiner damaligen Funktion als ÖVP-Bezirksobmann für die Umfahrung Sillian aussprach, die Schultz in der geplanten Form massiv gegen den Strich ging. Dabei hatte Köll betont, er sei gegenüber Schultz nicht weisungsgebunden und stehe nicht auf dessen Gehaltsliste. Cool stellte daraufhin Heinz Schultz öffentlich im Juni 2009 fest, Andreas Köll stünde sehr wohl auf seiner Gehaltsliste: „Er ist in ungekündigter Stellung bei mir beschäftigt.“ Köll werde nach Kollektivvertrag entlohnt und er habe einen Abfertigungsanspruch, fügte Schultz noch hinzu.
Dieser schmerzhaften Klarstellung durch den über Jahre gefeierten, zwischenzeitlich jedoch immer mehr kritisierten Unternehmer aus dem Zillertal folgte keine öffentlich wahrnehmbare Auseinandersetzung mehr. Die Fronten sind geklärt und die Wege des Politikers kreuzen sich wieder ausnahmslos harmonisch mit jenen des Unternehmers. Das Loblied, das Köll in seiner Broschüre über Schultz singt, spricht Bände. Als exemplarisch für „unverzichtbare Infrastruktur – und Beherbergungsinvestitionen“ nennt Köll die zwischenzeitlich auf 125 Millionen Euro gestiegene Investitionssumme der Schultz-Projekte in der Tourismusregion Kals-Matrei. Auch betont er stolz, dass er es war, der die Schultz-Gruppe nach Matrei gebracht habe. Auf negative Auswirkungen der Quasi-Monopolstellung der Gruppe, auf das befürchtete touristische Preisdiktat oder auf die Ängste, die sich längst breit machten, geht Köll nicht ein. Kein Wort etwa darüber, dass vielen der knapp 1300 Bewohnern von Kals längst angst und bange ist angesichts des 650 Betten umfassenden Feriendorfs, welches seit Spätherbst gebaut wird und die gesellschaftspolitische Struktur der Glockner-Gemeinde auf den Kopf zu stellen droht.

Die Partei. Derartige Soft Facts sind offensichtlich nicht Kölls Themen. Er hat aber auch – aus machtpolitischer Sicht – echt andere. Viel persönlichere. Knapp einen Monat nach der Ohrfeige im Tourismusverband bekam er die nächste. Aus Sicht der ÖVP Tirol war der Verlust des Lienzer Bürgermeistersessels ein herber Schlag gewesen. Anfang Februar 2011 war Johannes Hibler der SPÖ-Kandidatin Elisabeth Blanik unterlegen. Zur neuerlichen Stichwahl war es gekommen, weil der Verfassungsgerichtshof die Wahl vom März 2010 aufgehoben hatte. Zu dreist hatte Hiblers VP-Truppe im Vorfeld mit Wahlkarten hantiert, dadurch seine Wiederwahl als Lienzer Bürgermeister unrechtmäßig beeinflusst und im Februar bekam er dafür die Rechnung präsentiert. Bitter für ihn wie seine Partei, der damit nach Kufstein noch ein Bezirkshauptort „abhanden“ kam. Mit all den bösen Folgen fürs System, das allein dadurch schwer getroffen wird, wenn jemand VP-Fremder hinter die Kulissen blicken darf. Das heikle Geflecht aus Seilschaften, Gefolgschaften, Vernetzungen und Abhängigkeiten verträgt kein Licht.
Osttirol-Kenner meinen, wenn sich Hibler in seiner Funktion als Obmann der VP Osttirol auch nur einmal getraut hätte, gegen Andreas Köll aufzustehen und diesen in die Schranken zu weisen, wäre die Bürgermeisterwahl anders ausgegangen. Kaffeesudleserei ist das, doch weist sie darauf hin, dass die Sympathie und Unterstützung für Köll offenbar schon längere Zeit bröckelt. Köll hatte seine Funktion als Bezirksparteiobmann abgeben müssen, nachdem er AAB-Tirol-Obmann geworden war. Beide Funktionen innezuhaben, ist nicht erlaubt. Der AAB-Obmann ist ranghöher, wenn auch bezirksferner. So war Hibler, Rechtsanwalt und Erbe der ehemaligen VP-Osttirol-Frontfrau Helga Machne, zum Zug gekommen. Nachdem er seiner SPÖ-Herausforderin Blanik unterlag und sich aus der Politik zurückzog, wurden einige Posten frei. Und das Gerangel ging los.
In Krisenzeiten zeigt sich, wie gut eine Beziehung ist. In Krisenzeiten zeigt sich auch, wie gut eine Partei aufgestellt ist. Doch vielleicht ist das zu weit gegriffen, denn keine Partei scheint so krisensicher zu sein, dass eitel Wonne herrscht, wenn sich Personalfragen stellen. Wenn‘s um Posten geht und Macht, können sich Parteien in einen Dschungel verwandeln. Und wenn der König der Löwen umstritten ist, fließt meist Blut. Der Komplex der Osttiroler zeigt sich darin, dass sie – wie angesprochen – gern eine starke Persönlichkeit als Vertreter und Dolmetscher des Bezirks in Nordtirol sitzen haben. Wer das gut macht, wie weiland Fridolin Zanon beispielsweise oder Leo Gomig, wird geliebt, hofiert und unterstützt im Bezirk selbst wie auch in der Bezirkspartei. Wer das schafft und den Bezirk in Innsbruck gewichtig vertritt, dem wird jedes Machtspielchen rasch verziehen, dem wird nicht widersprochen. Andreas Köll war nie ein derart charismatischer und unumstrittener Osttirol-Botschafter. Stets waren andere ein wenig netter, jovialer und wichtiger. Helmut Krieghofer (ORF, ÖVP, Uniqa) war schon wer, dann war Elisabeth Zanon so eine Figur und selbst Johannes Hibler konnte die Osttiroler Seele offenbar besser treffen. Oder zumindest ein Gegengewicht zu Köll schaffen. Die Spannungen zwischen Lienz und Matrei sollen in den Monaten vor Hiblers Abwahl schon Funken geschlagen haben.
Köll jedenfalls scheint zu verstrickt, scheint zu viele vor den Kopf gestoßen zu haben und zu wenig einigende Kraft zu besitzen. Er repräsentiert nicht per se Osttirol oder die Osttirol-VP, sondern in erster Linie sich selbst. Als Marke funktioniert er nicht und selbst wenn sie ihn nach wie vor fürchten, weil sie um seinen Einfluss wissen, probten seine VP-Bürgermeisterkollegen Ende April 2011 den Aufstand. Durch Hiblers Totalrückzug aus der Politik musste neben anderen auch der Obmannstellvertreter-Posten im Gemeindeverband BKH Lienz nachbesetzt werden. Es war kein Geheimnis, dass King Köll dafür den ­Lienzer Vizebürgermeister Meinhard Pargger forcierte. Im Vorfeld wurde ganze Arbeit in diese Richtung geleistet. Doch es kam ganz anders und überraschend köll-feindlich. Neben Pargger war da plötzlich auch die Lienzer Neo-Bürgermeisterin Elisabeth Blanik zur Wahl vorgeschlagen worden. Eine SPÖ-Frau. Bürgermeister Josef Mair aus Dölsach (ÖVP), der auch Obmann des Planungsverbandes Lienzer Talboden ist, hatte den Wahlvorschlag für Blanik eingebracht. Ein Affront gegen Köll. Wieder eine Ohrfeige. Das Wahl­ergebnis machte daraus dann einen satten K.o.-Schlag. 18 Bürgermeister – weit mehr also als die des Lienzer Talbodens, denen ein kleines schlechtes Gewissen gegenüber Blanik für deren Ausbremsen im Planungsverband nachgesagt wurde – versagten Pargger die Stimme. 18 von in dem Fall 32 wahlberechtigten Osttiroler Dorfchefs stimmten für Blanik. In der Kleinen Zeitung wurde Kölls Reaktion folgendermaßen zitiert: „Für die ÖVP schaut es nicht gut aus, wenn ein ÖVP-Bürgermeister einen schriftlichen Wahlvorschlag für SPÖ-Bürgermeisterin Blanik einbringt.“
Für die ÖVP sieht es nicht gut aus. Das stimmt. Köll hat die ÖVP nicht im Griff. Darauf weist auch der offene Brief des Bürgermeisters der Gemeinde Untertilliach, Robert Mössler (VP), hin. Der hatte am 30. April 2011 die Amtshandlungen der Agrarbehörde im Zusammenhang mit Entscheidungen in einer Agrargemeinschaftscausa scharf kritisiert und gemeint: „Ich schäme mich auch, derzeit einer Partei anzugehören, welche solche Zustände im Land toleriert.“ Mag diese Aussage auch vor einem anderen Hintergrund passiert sein, vor ein paar Jahren noch wäre Derartiges undenkbar gewesen. Der größte nach außen gut sichtbare Bruch passierte noch vor diesem Brief und kurz nach Kölls Niederlage im Krankenhausverband.
Am Karfreitag, der heuer auf den 22. April 2011 fiel, fand in der VP-Zentrale in Osttirol ein Krisengipfel statt. Die Krise der Osttiroler VP war offensichtlich so groß geworden, dass dieser Gipfel von Politberater Rainer Nick moderiert werden musste. Nick berät üblicherweise weit größere Polit-Kaliber und seine Anwesenheit deutet auch darauf hin, dass die Landespartei die Zustände in Osttirol mit Argwohn bis Angst beobachtet. Und dass ausgerechnet Köll nicht dabei war, spricht Bände. Sein Einfluss hatte auch bei der Nachbesetzung des Bezirksparteiobmanns versagt. Auch hier hätte er gern „seinen Mann“, den Lienzer Vize Meinhard Pargger, installiert. Doch der wurde nicht nur offen abgelehnt, über den wurde auch eine böse Geschichte ausgegraben. Eine in der Parteiwelt tödliche Geschichte. 2004 hatte Pargger nämlich die ÖVP geklagt und das kommt gar nicht gut. Wegen seiner Abfertigung für die Funktion als Bezirksgeschäftsführer hatte er die Partei vor Gericht gebracht. Damals war sogar daran gedacht worden, Pargger aus der Partei auszuschließen. Für den Posten als Bezirksparteiobmann hatte er sich dadurch jedenfalls selbst disqualifiziert. Nachdem sich zudem der Osttiroler Wirtschaftsbund unter Christian Zanon klar gegen Pargger stellte und den Bauernbundkandidaten Martin Mayerl favorisierte, war „die Kacke am Dampfen“, wie man so schön sagt. Am Ende wurde mit Erwin Schiffmann, dem Bürgermeister der Gemeinde Sillian, ein Kompromisskandidat für Hiblers Nachfolge gefunden und nach dem Krisengipfel präsentiert. Schiffmann wird als recht berechenbar beschrieben, sein Verhältnis zu Andreas Köll sei weit weniger friktionsbeladen als das anderer VP-Kollegen und auch Schiffmann kommt aus einer Gemeinde, in der Heinz Schultz durch seine Investitionen massiven Einfluss ausübt. Eine klare Ansage für neue VP-Wege im Bezirk scheint Schiffmann nicht zu sein. Und für Andreas Köll muss Schiffmann geradezu die bittere Niederlage personifizieren.

Die Gemeinde. Eine solche personifiziert – ebenso unfreiwillig – die neue Bezirkshauptfrau in Lienz, Olga Reisner. Sie folgte im Juni 2010 dem als blinden Köll-Getreuen bezeichneten BH Paul Wöll nach. Wöll war einer der Wichtigsten in Kölls Netzwerk und die als streng, klar und aus politstrategischer Sicht unberechenbar geltende Olga Reisner war nicht Kölls Wunschkandidatin. Er hatte anderes im Sinn, der Bauernbund auch und darum gerieten sich offenbar Bauernbund-Obmann Anton Steixner und AAB-Obmann Andreas Köll in die Haare. Beide haben verloren, Reisner kam.
Nunmehr ist es die ehemalige Mitarbeiterin der Umweltabteilung, die sich auch mit der Gemeinde Matrei auseinandersetzen muss. Und mit Köll, dessen fantasievolle Haushaltsführung ein Reizthema für die Gemeindeaufsichtsbehörden darstellen muss. Im Frühjahr widmete die Tiroler Tageszeitung dem Budget der Gemeinde Matrei einen Beitrag, in dem darauf hingewiesen wurde, dass – wie eingangs erwähnt – der Schuldenstand der Gemeinde in Wahrheit 38 Millionen Euro beträgt. Regelmäßig waren Verbindlichkeiten der Gemeinde an den Abwasserverband ausgelagert worden. Ein Trick, der den Schulden zwar einen anderen Namen gibt, die Gemeinde aber nicht aus der Verantwortung entlässt, selbige zu begleichen. „Gläubiger der Gemeinde warten monatelang aufs Geld. Es ist keins da“, weiß Sepp Brugger, Matreier Bürger und Sprecher der Osttiroler Grünen. „Das Schlimme ist, dass das eine Gemeinde nie mehr selber zurückzahlen kann. Das geht nicht.“ Der Zustand des Matreier Haushalts ist auch den Aufsichtsbehörden in Bezirk und Land nicht neu. Brugger hat in zig Aufsichtsbeschwerden die Situation beschrieben und ein Einschreiten der Behörden gefordert. Im Februar 2009 hatte er etwa darauf hingewiesen, dass der Verschuldungsgrad der Gemeinde – wird das 38-Millionen-Minus dem Steueraufkommen in Höhe von knapp fünf Millionen Euro gegenübergestellt – bei „sagenhaften 760 Prozent“ liegt. Er hat Budgetmanipulationen aufgezeigt und den Teufelskreis, in dem sich die Gemeinde befindet. Ohne Erfolg. Köll und der Matreier Gemeinderat, in dem die ÖVP eine Mehrheit hat, die immer tut, was der Bürgermeister will, wurden nie eingebremst. Das Haushaltsgebaren wurde damit stets offiziell abgesegnet. „Köll muss Darlehen aufnehmen, damit es überhaupt irgendwie geht. Heuer will er 2,7 Millionen Euro. Und er muss die Konten mittels Kontokorrentdarlehen überziehen“, so Brugger. „Letztens hatte die Gemeinde meines Wissens rund 2,6 Millionen Euro Kontokorrent. Laut Tiroler Gemeindeordnung ist in Matrei aber nur ein Betrag von 500.000 Euro zulässig.“ Darlehen wie Kontokorrent­überziehungen wie auch die Auslagerung der Verbindlichkeiten an den Abwasserverband benötigen die Zustimmung der Aufsichtsbehörden. „Meiner Meinung nach dürfen die Darlehen nicht genehmigt werden, weil dadurch die finanzielle Situation noch verschärft wird“, ist Brugger überzeugt.
Von ECHO danach gefragt, ob sie die Darlehen für 2011 schon genehmigt habe, stellte Olga Reisner am 14. Mai 2011 fest: „Nein.“ Deutet Köll seine Signale aus Land und BH richtig, wurde daraus in der Zwischenzeit ein „Ja“. Und damit ist alles in Ordnung? Laut Kölls Rechnung ist alles sowieso nicht so schlimm. Laut Kölls Rechnung beträgt der Gesamtschuldenstand der Gemeinde Matrei nur rund 14,9 Millionen Euro. „Zum Thema Haftungen gegenüber dem Abwasserverband muss festgestellt werden, dass es sich dabei ausdrücklich nicht um Gemeindeschulden handelt“, sagt er auch und weist darauf hin, dass alles vom Gemeinderat beschlossen wie auch von den Aufsichtsbehörden genehmigt worden sei.
Dass Köll nichts ohne oder gegen einen Beschluss des Gemeinderats macht, bezweifelt niemand. Auch eine der eigentümlichsten Konstruktionen in der Gemeinde Matrei, die Matreier Freizeitanlagen GmbH (MFA), wurde mit allen erdenklichen gemeinderätlichen Segen gegründet und ausgestattet. Diese Gesellschaft betreibt das Gemeindeschwimmbad und wurde mit der Übernahme der Matreier Lifte durch Heinrich Schultz Gesellschafterin der Goldried Bergbahnen. Alles betont uneigennützig. Andreas Köll hält persönlich 25 Prozent dieses mit der Gemeinde vielfach verquickten Unternehmens und darum sieht er sich immer wieder Angriffen ausgesetzt. Beispielsweise im Zusammenhang mit einem Grundstückskauf der MFA, den die Gemeinde großzügig unterstützte, indem sie einen Zuschuss gewährte, der exakt der Kaufsumme entsprach. Diese MFA, ihre Gesellschafter und ihr Geschäftsgebaren sind eine eigene, eigenartige Geschichte. In dem Zusammenhang sagt Sepp Brugger: „Nach der Definition von Transparency International ist Korruption der Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil.“
Macht auch zum privaten Nutzen oder Vorteil zu gebrauchen, könnte durchaus als inoffizielle, dunkle Definition von Politik verwendet werden. Mit Sachpolitik scheint das, was derzeit in Osttirol passiert, jedenfalls wenig zu tun zu haben. Darum ist dieser Bezirk so spannend und darum eignet er sich herrlich, um das Leben der ÖVP zu studieren. Und den Stress, in den ein schwarzer Alpha-Kater geraten kann. Für Andreas Köll wird es eng. Alexandra Keller

Freitag, den 03. Juni 2011 um 13:18 Uhr

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