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Ausgebrannt

Burnout. Kaum eine Krankheit wird zur Zeit so kontroversiell diskutiert wie das ­Burnout-Syndrom. Für die einen ist Burnout nicht viel mehr als eine vorübergehende­ Modeerscheinung, die anderen machen den Turbokapitalismus und die immer ­schwächer werdenden sozialen Beziehungen für den dramatischen Anstieg der Zahl der Burnout-Patienten verantwortlich.

Heribert Schatz ist Versicherungsvertreter und zwar einer der alten Schule. Wahnsinnig engagiert im Beruf, immer für seine Kunden da, egal ob am Wochenende oder am Abend, Heribert ist immer erreichbar. Er wisse gar nicht, ob sein Handy überhaupt einen Ausschaltknopf hat, scherzt Schatz manchmal – und seine Kunden lachen mit. Was Schatz aber übersieht – sein Körper hat auch keinen Aus- bzw. Abschaltknopf, um Erholung muss sich jeder selbst kümmern.

Doch Erholung kostet Zeit, Zeit ist aber Geld, also werden die ersten Warnsignale des Körpers übersehen, ignoriert, umgedeutet. Für gesellschaftliche Entspannung am Abend fehlt die Zeit, warum sollte man mit alten Freunden stundenlang plaudern, wenn man statt dessen noch einen Kunden besuchen könnte, der seinerseits untertags keine Zeit hat. Man hat schließlich nichts zu verschenken und um soziale Kontakte kann man sich schließlich auch im Urlaub kümmern, die Freunde laufen einem schon nicht weg. Der Weg in die Burnout-Falle ist für Menschen wie Heribert Schatz vorgezeichnet, wahrhaben wird er dies aber nur mit Hilfe eines Therapeuten können.

Was ist Burnout? Der Begriff „Burnout" tauchte erstmals in den 1970er Jahren in den USA auf. Geprägt hat ihn der deutsch-amerikanische Psychiater Herbert Freudenberger, der selbst an Burnout erkrankt ist und bereits im Jahr 1976 als erster die Symptome beschrieben hat. Zahlreiche Erfahrungsberichte von Beschäftigten im Gesundheitswesen zeigten auf, dass vor allem jene Berufsgruppen besonders gefährdet sind, an Burnout zu erkranken, die mit Menschen (Klienten) zu tun haben und die sich in emotional belasteten Situationen befinden.

Bedeutend weitergebracht wurde die Burnout-Forschung dann durch die kalifornische Sozialpsychologin Christina Masslach, die nicht nur die Arbeit von Freudenberger fortgesetzt hat, sondern auch die ersten diagnostischen Manuals entwickelte. Masslach beschrieb in ihren ersten grundlegenden Arbeiten zum Thema Burnout die Krankheit so: „Syndrom als Reaktion auf chronische Stressoren im Beruf". Für Christina Masslach hat das Burnout-Syndrom drei Dimensionen. Es beginnt mit überwältigender Erschöpfung durch fehlende emotionale und psychische Ressourcen, setzt sich fort mit zunehmender Distanzierung von der eigenen Tätigkeit bis hin zur zynischen Beurteilung der beruflichen Aufgabe und endet in der dritten Dimension mit verminderter Leistungsfähigkeit und dem Gefühl. ohnehin nichts erreichen zu können. Parallel dazu fällt die Selbstbeurteilung der eigenen Leistung zunehmend negativ aus und das Selbstbild erfährt teils schwere Beschädigungen.

Schon Freudenberger hat zu Beginn seiner Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet zwei Phasen genannt: Phase 1 bezeichnete er als das „Empfindende Stadium", welches geprägt ist von chronischer Müdigkeit, Erschöpfung, Zynismus, Kompensationsversuche und Gleichgültigkeit. Dagegen stehen in der Phase 2, „Emfindungsloses Stadium" genannt, ungeduldiges Verhalten, erhöhte Reizbarkeit, psychosomatische Beschwerden und Depressionen im Vordergrund. Später hat Herbert Freudenberger gemeinsam mit seinem Psychiater-Kollegen Gail North insgesamt zwölf Phasen des Burnout-Syndroms identifiziert und diese Einteilung in zwölf Entwicklungsstufen ist heute noch weitgehend gültig, auch wenn sich die Krankheit nicht immer an die Reihenfolge hält.

Gerade weil sich das Burnout-Syndrom in so vielen Symptomen darstellt, ist die Krankheit über Jahre und Jahrzehnte hinweg sehr oft schlichtweg falsch interpretiert worden. Besonders häufig als sogenannte Erschöpfungsdepression, resultierend aus chronischer Überarbeitung. Allerdings – und das war den Forschern schon sehr bald bewusst – kann man Burnout nicht allein auf die Arbeitssituation reduzieren. Denn eines der wichtigsten Kriterien einer Burnout-Diagnose ist die Tatsache, dass die Patienten ihre verminderte Leistungsfähigkeit und ihre ständige Erschöpfung in allen Lebensbereichen spüren und eben nicht nur beruflich.

Sonnenpark. Dr. Harald Meller ist Psychiater und Psychotherapeut und gleichzeitig ärztlicher Leiter der ersten Burnout-Klinik Tirols (siehe Interview Seite 38). Anfang Juni hat der „Sonnenpark" in Lans seinen Betrieb aufgenommen und schnell die Maximalbelegung von 100 Patientinnen und Patienten erreicht. Der Bedarf an Betreuungsplätzen ist enorm, etwa 350 Tiroler sind derzeit für einen Platz in der Burnout-Klinik gemeldet, es müssen Wartezeiten von mehreren Monaten einkalkuliert werden. Es ist also offenbar höchste Zeit geworden, dass auch hierzulande eine Einrichtung speziell für Burnout-Patienten seine Pforten öffnet.

Auch die Statistik zeigt deutlich, dass die Krankenstandstage, die allein in Tirol auf das Burnout-Syndrom zurückzuführen sind, regelrecht explodieren. So sind für das Jahr 2008 gerade einmal 1600 Krankenstandstage vermerkt, im Vorjahr hingegen steigerte sich diese Zahl auf 20.000. Die Gründe dafür sind für Harald Meller vielfältig: „Zum einen wird die Diagnose Burnout heute sicherlich öfter gestellt als früher. Das liegt daran, dass es sich bei der relativ jungen Krankheit Burnout um eine Vielzahl von Krankheitsbildern handelt, allen voran die Erschöpfungsdepression." Den Hauptgrund für die rasante Zunahme an Burnout-Patienten sieht Meller aber im gesellschaftlichen Wandel der vergangenen Jahre: „Der Turbo-Kapitalismus, die Auswüchse der Konsumgesellschaft, aber auch die immer schwächer werdenden sozialen Bindungen – all das begünstigt das Burnout-Syndrom." Und Meller räumt mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf: „Burnout ist keine Manager-Krankheit. Das geht durch alle Berufsgruppen."

Der gebürtige Tiroler Meller hat zuerst in Innsbruck Medizin studiert und sich später zum Psychiater und Psychotherapeuten ausbilden lassen. In weiterer Folge hat er den Tiroler Landesverband für Psychotherapie mitbegründet und die Gesellschaft für psychotherapeutische Versorgung Tirols (GPVT) aus der Taufe gehoben. Die GPVT ist im übrigen jene Körperschaft, die unter der Federführung Mellers einen Kassenvertrag ausverhandelt hat. Sein diesbezügliches Engagement bezeichnet Meller als „Berufspolitik- und Psychotherapie-Verwirklichungslinie, die sich bis heute durchzieht". Daneben gab und gibt es für Meller aber auch, wie er es nennt, eine „hauptberufliche Linie": „Nach meiner Facharztausbildung bin ich in die Gesellschaft für psychische Gesundheit (GPG) eingetreten. Später wurde aus der GPG die Pro Mente Tirol." Und so schließt sich dann auch irgendwie der Kreis und die zahlreichen verschlungenen Pfade, die Meller in den letzten Jahren beruflich gegangen ist, werden rückblickend zum Weg: denn Pro Mente ist jene Organisation, die den „Sonnenpark" in Lans betreibt.

Wer bezahlt? Die Behandlung in der Burnout-Klinik in Lans ist umfangreich, insgesamt sechs Wochen lang werden die Patienten gut 25 Stunden pro Woche therapiert, die Kosten dafür übernehmen bis auf einen kleinen Selbstbehalt die Krankenkassen.

Erschüttert zeigt sich Harald Meller von der Tatsache, dass bei vielen seiner Patienten schwere Traumata in der Kindheit eine der Grundlagen für einen späteren Burnout sind. „Besonders häufig stellen wir sexuellen Missbrauch und schwere körperliche Misshandlungen fest, vielen unserer Patienten wird erst in den Therapiesitzungen klar, was sie als Kinder erleiden mussten. Diese Erkenntnis ist relativ neu und die Fallzahlen sind mehr als nur signifikant." Harald Meller vergleicht ein schweres Trauma mit einem Granatsplitter: „In den Sitzungen versuchen wir, diesen Granatsplitter zu greifen und aus dem Patienten herauszuziehen." Laut Statistik aus den Vorläuferprojekten haben Patienten, die erfolgreich eine Brunout-Behandlung absolviert haben, deutlich höhere Chancen, danach ihren Arbeitsplatz zu behalten. Wenngleich sie den Fuß dann schon ein wenig vom Gas nehmen, man will ja nicht unbedingt zum Stammgast werden in der Burnout-Klinik „Sonnenpark" in Lans. <<

Gernot Zimmermann


„Es kann jeden treffen"

Interview. Dir. Prim. Dr. Harald Meller, ärztlicher Leiter der neu eröffneten Burnout-Klinik „Sonnenpark" in Lans, über Ursachen, Folgen und Behandlungsmöglichkeiten des Burnout-Syndroms.

ECHO: Herr Dr. Meller, wie würden Sie als Experte die Krankheit Burnout definieren. Ist Burnout überhaupt eine Krankheit?

harald Meller: Rein formal gesehen ist Burnout eine wissenschaftlich anerkannte Erkrankung, nach ICD-10 klassifiziert unter dem Code Z 73.0 als Erschöpfungs-Syndrom bzw. Burnout-Syndrom. Allerdings wird Burnout von vielen Fachleuten immer noch nicht als eigenständiges Krankheitsbild angesehen, sondern eher als Zusammenfassung von Zuständen, die es auch früher schon gegeben hat. Man verwendet lieber diagnostische Begriffe wie Erschöpfungsdepression oder narzisstische Depression etc. Wir hingegen mögen die Bezeichnung Burnout eigentlich ganz gern.

ECHO: Weil die Übersetzung des Begriffs schon viel über die Ursache der Erkrankung aussagt?

meller: Auch. Aber Burnout ist die einzige psychische Erkrankung, welche die Betroffenen nicht schon von vornherein stigmatisiert. Und im übrigen ist Burnout die einzige psychische Erkrankung, die von Männern akzeptiert wird.

ECHO: Sie sehen Burnout also als psychische Krankheit?

meller: Ich würde sagen, Burnout ist ein gemeinsames Zustandsbild verschiedener Störungsformen, das weit über eine normale Erschöpfungsdepression hinausgeht. Der Begriff Burnout wurde zuerst im Zusammenhang mit der Betreuung von behandlungsbedürftigten Beschäftigten im Pflege- bzw. Sozialbereich verwendet. Es ist nämlich aufgefallen, dass sich Burnout bei bestimmten Persönlichkeitsstrukturen in einer typischen Reihenfolge entwickelt. Es beginnt üblicherweise mit Überengagement und freiwilliger Mehrleistung, in einer zweiten Phase verschwindet diese Anfangseuphorie dann allmählich. Dann kommt die dritte Phase, die Arbeitsleistung sinkt spürbar und die Symptome wie Schlaflosigkeit, Ängste und Depressionen, Schmerzen oder ein geschwächtes Immunsystem nehmen zu. In der vierten Phase schließlich bringen die Betroffenen kaum mehr etwas weiter, werden zynisch und verrichten ihre Tätigkeit missmutig und ineffizient. Es droht die totale Arbeitsunfähigkeit.

ECHO: Kann Burnout eigentlich jeden Arbeitnehmer treffen?

Meller: Prinzipiell ja. Aber wie der Begriff Burnout allein schon aussagt, muss schon einmal etwas gebrannt haben, damit es ausbrennen kann. Das bedeutet, es trifft in erster Linie Menschen, die mit einem Überengagement im Berufsleben agieren und irgendwann einmal merken, dass sie irgendwie nicht das zurückbekommen, was sie selbst in ihre Arbeit investiert haben.

ECHO: Wird der typische Workaholic also zwangsläufig zum Burnout-Patienten?

meller: Es muss die entsprechende Persönlichkeitsstruktur vorhanden sein. Aber wer im Workaholic-Modus unterwegs ist, der weist bereits diese Konfiguration auf und ein Burnout ist dann oft nur mehr eine Frage der Zeit. Aber vergessen wir nicht: Unternehmer lieben Work­aholics und daran wird sich nicht so schnell etwas ändern.

ECHO: Ist Burnout aufgrund seiner vielfältigen Symptome schwer zu diagnostizieren?

Meller: Eigentlich nicht. Das Problem ist, dass die Betroffenen nichts von dieser Krankheit wissen wollen. Obwohl praktisch allen Erkrankten bereits seit Jahren klar ist, dass ihr Lebensstil auf Dauer nicht gut gehen kann.

ECHO: Wie werden die Burnout-Patienten im „Sonnenpark" behandelt?

meller: Als Erstes bieten wir den menschlichen Raum an, in dem es Platz für die eigene Person gibt. Wir verabreichen unseren Patienten also eine massive Dosis an Begegnungsraum. Damit sich unsere Patienten in diesen ungewohnt gewordenen Räumen auch bewegen können, lassen wir sie das in gruppentherapeutischen Sitzungen wieder erlernen. Insgesamt werden pro Woche 25 Stunden therapeutisches Geschehen durchgeführt. Das ist wie eine Arbeit, da geht es ums Miteinander-Reden und ums Füreinander-Aufmerksam-Sein. Und wir geben jedem Patienten ausreichend Gelegenheit, in sich selbst hineinzuschauen und hineinzuhorchen. Der Aufenthalt bei uns dauert sechs Wochen, die Kosten dafür werden, bis auf einen geringen Selbstbehalt, von den Krankenkassen übernommen.

ECHO: Welche Maßnahmen trifft eigentlich ein überaus engagierter und gleichzeitig schwer beschäftigter Arzt wie Sie, damit er nicht bald sein eigener Patient wird?

meller: Ich schau mir im Fernsehen möglichst wenig Mist an, ich rede jeden Tag zumindest zwei, drei Stunden lang mit meiner Frau, meinen beiden Töchtern oder mit Freunden, und außerdem übe ich zur Zeit regelmäßig mit der orientalischen Nei-Flöte.

Samstag, den 03. September 2011 um 11:06 Uhr

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