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Ötzis letzte Geheimnisse

Wissenschaft. Am 19. September 1991 wurde am Tisenjoch eine ausgeaperte Gletscherleiche entdeckt. Bald stellte sich heraus: Der Mann lebte vor mehr als 5000 Jahren. Heute ist der Sensationsfund wahrscheinlich der bestuntersuchte Tote der Weltgeschichte: Forscher aus der ganzen Welt und aus vielen Fachrichtungen haben Ötzi unter die Lupe genommen, entdeckten dabei viel Neues und mussten bislang Angenommes neu überdenken.

Der Frühling 1991 war ein ungewöhnlicher. Aus dem Süden war feinster ockerfarbener Staub aus der Sahara in die Alpen geweht worden und hatte sich auf den Schneefeldern der Tiroler Gletscher abgelagert. Im darauffolgenden Sommer wirkte der Staub quasi wie ein Enteiser – das Sonnenlicht wurde nicht von einer weißen Fläche reflektiert sondern absorbiert. Das Eis der Gletscher schmolz, schneller und intensiver als in den Jahren, Jahrzehnte und auch Jahrhunderten davor. Das ewige Eis gab seine Geheimnisse preis, darunter auch Tote, rund ein halbes Dutzend. Was auch erklärt, warum die Medien im September 1991 sehr unaufgeregt reagierten. „Beim Abstieg von der Finailspitze entdeckten Touristen am Donnerstag unterhalb des Hauslabjochs eine halb ausgeaperte Leiche, von der nur der Kopf und die Schultern aus dem Eis herausragten. Der Hüttenwirt erstattete beim Posten in Sölden Anzeige. Der Ausrüstung nach zu schließen, handelt es sich bei dem Toten um einen Alpinisten: Der Unfall dürfte schon Jahrzehnte zurückliegen. Der Tote ist noch nicht identifiziert worden“, berichtete die Tiroler Tageszeitung am Samstag, dem 21. September, wahrscheinlich die Meldung der Tiroler Sicherheitsdirektion zitierend. Nichts besonders für einen Tiroler Sommer, die zufällig gefundene Leiche eines Bergsteigers halt. Und der Zufall spielte wirklich eine Rolle, zwei Tage vorher auf über 3000 Meter Höhe.
So ist es ein Zufall, dass sich das ­deutsche Ehepaar Erika und Helmut ­Simon am 18. September 1991, nach der Besteigung des Similauns, zu einer ungeplanten Übernachtung auf der Similaunhütte entschließt. Es ist ein Zufall, dass sie am nächsten Tag nach dem Abstieg von der Finailspitze am Tisenjoch gerade die Abkürzung über dieses Schneefeld zur Similaunhütte wählen, einen kleinen Schmelzwassersee zufällig auf der linken Seite umrunden. Und plötzlich stehen sie vor einer halb ausgeaperten Gletscherleiche – am 19.9. 1991, ein Zahlenpalyndrom, eine seltene Aneinanderreihung von Zahlen, von vorne und von hinten gleich zu lesen. Für Zahlenmystiker ein besonderes Datum, in diesem Fall auch eines für die Geschichtswissenschaft. Helmut Simon fotografiert seinen Fund, nicht ohne von seiner Frau gerügt zu werden: „Du kannst doch keinen Toten fotografieren.“ Es ist das letzte Foto auf seiner Filmrolle, das einzige, das die Leiche in seinem „ursprünglichen“ Auffindungszustand dokumentiert.

Bergungsprobleme. Die Bergung des Toten – es dreht sich ja nur um einen weiteren vor Jahrzehnten verunglückten Bergsteiger – verzögert sich aufgrund des Wetters. Am 20. September steigt ein erster Bergungstrupp zur Leiche hoch, mit einem pressluftbetriebenen Schrämhammer versucht er zu bergen, was Eis und Frost noch nicht freigeben wollen. Dabei werden die linke Hüfte und der Oberschenkel beschädigt, ein Gendarm entdeckt auf einem Felssims ein Beil und liefert es auf seinem Posten in Sölden ab. Am 21. versucht der Vater des Hüttenwirts die Leiche freizulegen, auch Reinhold Messner, der zufällig auf der Similaunhütte übernachtet, kann an diesem Tag den Fund betrachten. Wahrscheinlich 500 Jahre alt sei der Tote, berichtet er der Südtiroler Tageszeitung Alto Adige. Messners Wort zählt, es kommt sozusagen Bewegung in die ­Sache. Am 22. September, einem Sonntag, ist der Tote transportbereit, über Nacht friert er allerdings wieder ein. Montags landen Gerichtsmediziner, begleitet von einem ORF-Team, am Gletscher. Es sind keine schönen Bilder, welche die Kameras aufzeichnen. Werkzeug klirrt, man findet Ausrüstungsgegenstände, mit einem Pickel wird am Arm der Leiche gezogen, man hilft mit einem Skistock nach, man zieht an den Füßen, der Tote wird aus dem Eis gedreht, in einen Leichensack gepackt, mit dem Hubschrauber ins Tal geflogen, von Vent aus mit dem Auto nach Innsbruck überführt. Kurz hält man in Sölden, um das Beil mitzunehmen. Die Bergung wird im Fernsehen gezeigt, der Fund wird zum Medienereignis.
„Noch immer rätselhaft sind Alter und Identität der wahrscheinlich historischen Gletscherleiche, die unterhalb des Hauslabjochs nahe der Finailspitze im hinteren Ötztal geborgen wurde. (…) Gestern wurden die Überreste der Innsbrucker Gerichtsmedizin überstellt. Zum ersten Eindruck der Leiche meinte Institutsvorstand Prof. Rainer Henn: ‚Eher alt als jung!‘ Wie der an der Bergung beteiligte Wirt der Similaunhütte, Markus Pirpamer, mitteilte, tauchten gestern auch weitere Hinweise auf, die auf ein hohes Alter des Fundes hindeuten“, heißt es in der Tiroler Tageszeitung vom 24. September. Vielleicht sind es diese Begleitumstände der „atypischen Gletscherleiche“, die Henn dazu veranlassen, das Vorlesungsverzeichnis der Universität Innsbruck in die Hand zu nehmen und einen Experten zu suchen. Er findet den Archäologen Konrad Spindler, Vorstand des Instituts für Ur- und Frühgeschichte. Am Dienstag, dem 24. September, betritt Spindler gegen acht Uhr den Seziersaal der Gerichtsmedizin. Ein kurzer Blick auf den Toten und die mitgelieferten Fundstücke reicht ihm – er schätzt die Gletscherleiche auf „mindestens 4000 Jahre oder älter“. Um den Zustand des Toten zu erhalten, wird er in die Kühlräume der Anatomie gebracht. In der Folge wird der Fundort archäologisch untersucht, Ötzi – wie er in der Zwischenzeit liebevoll genannt wird – im wahrsten Sinne durchleuchtet. Längst ist der Fund ein überregionales Ereignis, weltweit ­berichten Medien über Ötzi. Noch zehn Jahre später wundert sich Konrad Spindler im Jahr 2001 über den Medienrummel: „Die Archäologie wird meist als Schatzsuche gesehen. Doch beim Ötzi gab es kein Gold, kein Silber, keine Edelsteine, sondern nur ein armseliges Menschenbündel.“ Am 25. Jänner 1992 schließlich wird bei einer Pressekonferenz sein wahres Alter bekannt gegeben – nach der Radiokohlenstoffdatierung starb Ötzi zwischen den Jahren 3359 und 3105 vor Christus, er lebte also im Neolithikum, der Jungsteinzeit. Die mediale, aber auch ­wissenschaftliche Sensation ist perfekt.
„Nicht nur der Auffindungsort ist ­spektakulär, sondern auch der Erhaltungszustand. Unmittelbar nach dem Tod lag der Eismann im Bereich der Gleichgewichts­linie der Gletscher, also temperaturmäßig bei null Grad. Danach wurde er sehr bald im Eis eingebettet. Es kommt dadurch zu geringster Bakterienaktivität und damit zu einem geringen Zerfallsprozess. Als Folge erhält sich eine Unmenge von Material“, sagt Klaus Oeggl, Professor für Palynologie und Archäo­botanik am Institut für Botanik der Universität Innsbruck. ­Oeggl ist seit Beginn in die Forschungsarbeit rund um Ötzi eingebunden, eine Arbeit, die sich durch einen breiten wissenschaftlichen Ansatz auszeichnet. Schon 1992 wurde in Innsbruck das „Forschungsinstitut für Alpine Vorzeit“ gegründet. ­Länder- und fächerübergreifend arbeiteten an die 60 Teams mit rund 150 Forschern an dem Sensationsfund. Paläontologen, Anthropologen, Archäologen, Mineralogen, Mediziner, Klimatologen, Biologen etc., selbst Landvermesser und Juristen mussten herangezogen werden, um exakt zu klären, wo Ötzi gefunden wurde, wem er gehörte und ob den Simons ein Finderlohn zustand. Sogar die Staatsanwaltschaft ermittelte kurzzeitig, aber nur, bis sich herausstellte, dass ein eventuelles Verbrechen schon längst verjährt war. Entscheidender waren für die Forscher aber die Fragen, wer Ötzi war, woher er kam, wie und wo er lebte, wie er starb. Fragen, auf die in den ­letzten Jahren zahlreiche Antworten gefunden werden konnten. Zuvor musste allerdings die Frage geklärt werden, wie man Ötzi der Nachwelt erhalten kann.

Fort Knox. Sechs Jahre lang wurde Ötzi am Anatomischen Institut in Innsbruck feucht und kühl gelagert – umhüllt von sterilem Operationstuch, Crash-Eis, Plastikplane, Eispackung und Plastikfolie. Am 16. Jänner 1998 wird die Gletscherleiche samt Fundgegenständen nach Bozen ins neu errichtete Südtiroler Archäologie­museum überführt – ein Transport wie ein Staatsbesuch, 100 Medienvertreter, große Sicherheitsvorkehrungen. Im Museum wird der Präsentation des Fundkomplexes der gesamte erste Stock vorbehalten, für Ötzi wurde eine eigene Kühlzelle entworfen: Minus sechs Grad Temperatur, eine Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent, Stickstoff anstatt Sauerstoff. Durch ein kleines Fenster aus Panzerglas kann die auf einer ­Präzisionswaage – sie registriert jeden ­Flüssigkeitsverlust durch Erwärmung sofort – liegende Gletschermumie (Ötzi wiegt bei einer Körpergröße von 1,54 Meter rund 13 Kilogramm) betrachtet werden. Um ein langsames Austrocknen der Mumie zu verhindern, sind an den ­Zellenwänden Fliesen aus Eis verlegt. Zudem wird Ötzi in regelmäßigen Abständen mit sterilem Wasser besprüht, wodurch sich eine feine schützende Eisschicht bildet. Gesichert ist er wie der Goldschatz der Vereinigten Staaten, Überwachungskameras und ­-sen­soren, eine direkt mit der Polizei verbundene Alarmanlage, Ersatzkühlzellen im Museum und im Krankenhaus. Auch für wissenschaftliche Untersuchungen verlässt er die Sicherheitszone nicht, in den Untersuchungsraum gelangen Forscher nur durch eine Schleuse. Untersuchungen, die in den letzten Jahren erstaunliches über ­Ötzis ­Leben ans Tageslicht gebracht ­haben. Untersuchungen, die die Teams von CSI ­Miami sowie New York alt aussehen lassen und Ötzi zur best untersuchten Leiche, wenn nicht sogar zum best untersuchten Menschen der Welt gemacht ­haben.

CSI Iceman. Von den körperlichen ­Maßen her war der Mann aus dem Eis 1,58 Meter groß und 61 Kilogramm schwer – für die damalige Zeit ein stämmiger Bursche.
Auch das Lebensalter, das Ötzi erreicht hat, konnte eruiert werden: Seine 46 ­Lenze machten ihn in der späten Jungsteinzeit zu einem sehr alten Knaben. Sein Körper spürte das damals auch schon: zerschlissene Gelenke, verkalkte Blutgefäße, ­abgeschliffene – aber auch kariesfreie – Zähne, er litt an Zahnfleischschwund etc. Gesund war er auch nicht, zumindest ­weisen seine ­Fingernägel auf eine noch nicht ­bestimmte, chronische Krankheit hin. Ötzi litt unter ­Peitschenwürmern – Botaniker ­konnten Eier dieses Parasiten im Darminhalt ­finden.
Ötzi hatte kein verletzungsfreies Leben hinter sich. Auf der linken Seite des Brustkorbs findet sich ein gut verheilter Serienrippenbruch, auch die Nase hat er sich irgendwann einmal gebrochen. Die kleine Zehe des linken Fußes weist eine zystenartige Veränderung auf – eventuell eine frühere Erfrierung.
Ötzi hat mehrere Dutzend Tätowierungen, die an Körperstellen liegen, die in seinen 46 Lebensjahren starken Be­anspruchungen ausgesetzt waren – durch Abnutzungserscheinungen dürfte er an diesen Stellen Schmerzen gehabt haben. Die Tätowierungen, die Strichbündel und Kreuze darstellen, dürften also weniger religiöse (oder modische) als therapeutische Gründe gehabt haben. Anders als bei ­modernen Tätowierungstechniken wurden die Zeichen nicht mit Nadeln, sondern durch feine Schnitte angebracht, in die anschließend Holzkohle gerieben wurde.
In den letzten Wochen seines Lebens war Ötzi starkem Stress ausgesetzt – drei sogenannte Beau-Reil-Querfurchen zeigen Stresssituationen an, denen das Immunsystem ungefähr 8, 13 und 16 Wochen vor seinem Tod ausgesetzt war; die jüngste war auch die heftigste.
Britische und italienische Forscher entschlüsselten im Jahr 2008 die mitochondriale DNA, womit die älteste derartige Genom-Sequenz vorlag. Ihr zufolge gehörte der Eismann einer „K“ genannten genetischen Linie an, zu der heute noch auch rund acht Prozent aller Europäer gehören. Ötzi fällt in die Subgruppe „K1“, die sich wiederum in drei Teilgruppen aufspaltet – sein Erbgut passt jedoch in keine dieser drei Teilgruppen.
In der Zwischenzeit hat ein Forscherteam der Europäischen Akademie Bozen (EURAC), der Universität Tübingen und des Heidelberger Biotechnologie-Unternehmens „febit“ das gesamte Erbgut der Gletschermumie entschlüsselt. Keine leichte Aufgabe: „Wir haben es mit alter DNA zu tun, die obendrein noch stark fragmentiert ist. Nur aufgrund dieser modernsten Technologie mit ihrer geringen Fehlerrate ist es uns Wissenschaftlern gelungen, das komplette Genom von Ötzi in diesem kurzen Zeitraum zu entschlüsseln“, unterstreicht Albert Zink, Leiter des EURAC-Instituts für Mumien. Die Ergebnisse werden im September anlässlich der 20. Wiederkehr des Sensationsfunds präsentiert. Eines ist schon durchgesickert: Ötzi hatte braune und nicht blaue Augen.
Auch wie Ötzi zu Lebzeiten ausgeschaut hat, ist heute viel klarer als vor 20 Jahren. Auf Basis von 3D-Aufnahmen des Schädels sowie von Röntgen- und CT-Bildern haben die niederländischen Künstler Adrie und Alfons Kennis den 5300 Jahre alten Mann aus dem Eis neu erschaffen. Mittels Stereolithografie, ein präzises Verfahren bei der Fertigung von Prototypen, wurden dem Similaunmann ein Körper und ein Gesicht gegeben, zu sehen seit heuer im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. Erstmals wurde diese Technologie 1992 im medizinischen Bereich am Mann aus dem Eis erprobt und ist heute bei der Vorbereitung komplizierter Eingriffe nicht mehr wegzudenken.
Gelebt hat Ötzi etwa 60 Kilometer südlich seines Auffindungsorts, das ergaben Analysen von chemischen Elementen im Zahnschmelz und in den Knochen. Auch der Sauerstoffanteil in seinem Eckzahn wurde ausgewertet, zeigt er doch die Zusammensetzung des Wassers, das Ötzi als Kleinkind getrunken hat.
Sein Werkzeug legte weite Wege zurück. Der bei Ötzi gefundene Feuerstein stammt aus der Gardasee-Gegend, die Beil-Form entspricht jener der Remedello-Kultur, die in der Po-Ebene beheimatet war.
Ob das Werkzeug zu Ötzi kam oder er zu seinem Werkzeug ist nicht geklärt, ­sicher ist aber, dass die Gletscherleiche zu Lebzeiten ein sehr mobiler Mensch war. Seine Schienbeinknochen wurden von einem Wissenschaftlerteam aus den USA, Österreich und Tschechien mit jenen aus über 100 prähistorischen Funden verglichen – durch ihre stärkere Ausprägung deuten sie auf lange Märsche hin.

Darmwege. Doch wie und wann kam Ötzi aufs Tisenjoch? Ursprünglich war aufgrund von Pollenfunden in Eisproben an der Fundstelle angenommen worden, dass Ötzi im Herbst gestorben war. Eine These, die Klaus Oeggl mit seinem Team widerlegen konnte – aufgrund des Darminhalts. „Unser Interesse galt der Ernährungsweise. Die Funde, die man bei Ötzi in diesem Zusammenhang gemacht hat, waren relativ gering – ein paar Einkorn- und Gerstenkörner sowie Schlehenfrüchte. Wir haben dann die Gelegenheit bekommen, eine Darmprobe genauer zu untersuchen“, erinnert sich Oeggl. Gefunden haben die Forscher einen verdauten mehlartigen Brei aus Einkorn, Fleisch sowie Pollen von mehreren Pflanzen. Pollen, deren Inhalt noch intakt war, was bedeutet, dass sie während der Blütezeit über die Nahrung in den Darm gelangt sein müssen. Da die gefundenen Pollen zu Pflanzen gehörten, die im Frühjahr blühen, war klar: Ötzi starb im Frühjahr. Doch die Pollen klärten noch eine Frage. Oeggl fand Pollen der Hopfenbuche, die nördlich des Alpenhauptkamms nicht vorkommt. Ötzi musste also von Süden auf das Tisenjoch gestiegen sein. „Das waren spektakuläre Erkenntnisse, aufgrund derer wir uns eine weitere Darmprobe erhofft haben. Bekommen haben wir eine gesamte Darmsequenz“, erzählt Oeggl. Die Analyse ergab drei Mahlzeiten: „Eine im Dünndarm bzw. Beginn des Dickdarms, die in der Zusammensetzung ähnlich war wie jene am Ende des Dickdarms. Dazwischen war eine vollkommen andere.“ Eine DNA-Analyse der Fleischreste in der ersten und dritten Mahlzeit durch Franco Rollo von der Universität Camerino zeigte zudem, dass es sich um unterschiedliches Fleisch handelte. „Ich habe mich dann in Literatur eingelesen und mit Kollegen gesprochen, wie lange eine ‚Darmpassage‘ dauert“, berichtet Oeggl. Und er fand die für Ötzi, einen 46-jährigen Mann mit gemischter Ernährung, zutreffenden Zahlen. „Die Verdauung im Darm dauert zwischen 14 und 45 Stunden, im Schnitt 33,5“, so Oeggl. Anhand dieser zeitlichen Abfolge, der im Darm gefundenen Pollen und Vergleichen mit Aufzeichnungen von Bergführern aus dem 19. Jahrhundert gelang es ihm, den Weg des Eismanns zu rekons­truieren: von Hochlagen im Bereich der Waldgrenze hinunter ins Schnalstal und dann wieder hinauf zum Tisenjoch.
Ein Weg, der unter anderem die Desaster-Theorie von Konrad Spindler untermauert, wenn auch unter anderen Voraussetzungen. Der 2005 verstorbene Forscher hatte schon 1994 die These aufgestellt, dass Ötzi im Herbst von den Hochweiden herabstieg, in seinem Heimatdorf Streit mit seinen Verwandten hatte und wieder auf die Berge flüchten musste, wo er an Erschöpfung starb bzw. erfror. Auch wenn die Wissenschaft in der Zwischenzeit einige Ausgangspunkte dieser Theorie widerlegt hat (Todeszeitpunkt; die Pfeilspitze in Ötzis Schulterbereich wurde erst 2001 von Eduard Egarter-Vigl und Paul Gostner am Südtiroler Archäologiemuseum entdeckt, das Schädel-Hirn-Trauma dann im Jahr 2007), zeigt sich viel detektivisches Gespür in der Annahme von Konrad Spindler, dessen Buch „Der Mann im Eis“ aus dem Jahr 1993 in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurde. Es zeigt aber auch den medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritt seit dem Auffinden der Gletschermumie.
1991 steckte z. B. das Humangenomprojekt noch in den Kinderschuhen, die Gesamtheit des menschlichen Erbguts wurde schließlich 2001 entschlüsselt. Mit der Entzifferung von Ötzis Genom ergeben sich zahlreiche Fragen: Gibt es heute noch lebende Nachfahren von Ötzi und wo leben sie? Welche genetischen Mutationen kann man zwischen früheren und heutigen Populationen festmachen? Welche Rückschlüsse kann man aus der Untersuchung von Ötzis Genmaterial und seinen Krankheitsveranlagungen auf heutige Erbkrankheiten oder andere heutige Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs ziehen? Wie wirken sich diese Erkenntnisse auf die heutige Forschung in der genetischen Medizin aus? Auch Klaus Oeggl beschäftigt sich derzeit mit einer Frage, die erst 2007 aufgeworfen wurde: „Ursprünglich wurde angenommen, dass Ötzi mit leerem Magen starb. Dem war aber nicht so.“ Auch diese Ergebnisse über den Mageninhalt und somit die ultimativ letzte Mahlzeit von Ötzi werden demnächst der Öffentlichkeit präsentiert, bekannt geworden ist aber schon, dass er 30 Minuten bis längstens zwei Stunden vor seinem Tod noch Fleisch von einem Steinbock zu sich genommen hat.
Magen-und Darminhalt, Fingernägel, DNA – in den letzten 20 Jahren wurde ­Ötzi massivst unter die Lupe genommen. Es wurden neue wissenschaftliche Methoden, Untersuchungstechniken und -werkzeuge entwickelt, die in der Zwischenzeit in der Medizin zum Einsatz kommen, es mussten historische Theorien neu überdacht werden, wir wissen mehr über unsere Vergangenheit und profitieren auch in der Gegenwart (Ötzi-Museum, Ötzi-Dorf…) von Ötzi. Doch eines werden wir wahrscheinlich nie wissen: Wer ist Ötzis Mörder? Das unterscheidet CSI Iceman von seinen telegenen Kollegen-Teams. Andreas Hauser


Infos
Bis 15. Jänner 2012 widmet sich in Bozen das Südtiroler Archäologiemuseum mit der sehenswerten Sonderausstellung Ötzi20 ganz dem Mann aus dem Eis. Auf 1200 m2 wird den neuesten Ergebnissen der Genforschung ebenso Platz geboten wie absurden Medienberichten, lustigen Vermarktungsideen und anderen Aspekten des „Ötzi-Kosmos“. (Dienstag – Sonntag: 10.00 – 18.00 Uhr). Der lesenswerte Begleitband zur Ausstellung „Ötzi 2.0 – Eine Mumie zwischen Wissenschaft, Kult und Mythos“, herausgegeben von Angelika Fleckinger, ist im Theiss Verlag (€ 25,70) erhältlich.


Der Fundort
„Nicht nur der Auffindungsort ist spektakulär, sondern auch der Erhaltungszustand. Unmittelbar nach dem Tod lag der Eismann im Bereich der Gleichgewichtslinie der Gletscher, also temperaturmäßig bei null Grad. Danach wurde er sehr bald im Eis eingebettet. Es kommt dadurch zu geringster Bakterienaktivität und damit zu einem geringen Zerfallsprozess. Als Folge erhält sich eine Unmenge von Material“, sagt Klaus Oeggl, Professor für Palynologie und Archäo­botanik am Institut für Botanik der Universität Innsbruck. Auch lag die Gletscherleiche ideal in der 2,5 bis 3 Meter tiefen Felsmulde, die Scherkräfte des Gletschers konnten auf diese nicht einwirken.


Die Todesursache
Bei Untersuchungen mit Computertomografen und Röntgenapparat entdeckten im Jahr 2001 Eduard Egarter-Vigl und Paul Gostner am Südtiroler Archäologiemuseum im linken Schulterbereich eine Pfeilspitze (linkes Bild). Bei weiteren Untersuchungen wurde eine kleine Hautwunde am Rücken, von der ein Stichkanal in das Innere des Körpers führt, entdeckt. Zudem zeugen eine tiefe Verletzung an der Hand (rechtes Bild) und zahlreiche Abschürfungen und Prellungen von einem Nahkampf, der dem Tod unmittelbar vorausgegangen sein muss. Frakturen an der Seiten- und Hinterwand der rechten Augenhöhle deuten noch dazu auf einen heftigen Sturz hin. Forscher der Universität Zürich wiesen Anfang Juni 2007 mit Hilfe eines Computertomografen nach, dass „Ötzi“ durch die Pfeilspitze an der Unterschlüsselbeinarterie verletzt wurde. Somit ist sicher, dass Ötzi von hinten erschossen wurde.

Spuren im Darm
Bei Ötzi wurden Ährchen von Einkorn gefunden, die an seiner Kleidung anhafteten. Bei Einkorn handelt es sich um eine ursprüngliche Weizenart, die zur Zeit des Eismanns angebaut wurde. In Ötzis Darminhalt konnten Klaus Oeggl (Professor für Palynologie und Archäo­botanik am Institut für Botanik der Uni Innsbruck) und sein Team drei unterschiedliche Mahlzeiten aus Einkorn, Hirsch- und Steinbockfleisch feststellen (das Bild zeigt eine Mikroskopaufnahme der Fruchtwand des Einkorns im Darminhalt), außerdem Blütenpollen, mit denen Ötzis Tod auf das Frühjahr datiert werden konnte. Zudem zeigen sie, dass Ötzi von Süden aus auf das Tisenjoch aufgestiegen ist.

Der Fluch des Ötzis
Ähnlich wie beim Fluch des Pharao (einige Mitglieder des Grabungsteams von Howard Carter starben innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Hebung des Sarkophags) soll es auch einen Fluch des Ötzi geben. Der Gerichtsmedizner Günter Henn starb bei einem Autounfall, ein bei der Bergung beteiligter Bergführer stürzte in eine Gletscherspalte, Kameramann Rainer Hölzl erlag einem Tumor, Finder Helmut Simon starb bei einer Bergtour und der Archäologe Konrad Spindler (im Bild) an einer seltenen Krankheit. Doch wie heißt es dazu zum Thema moderne Sagen auf www.sagen.at: Der „Fluch des Ötzi“ sei mit dem „Fluch Napoleons“ zu vergleichen – „Ausnahmslos jeder, der Napoleon je die Hand gereicht hat, ist tot.“

Kleidung, Waffen und Werkzeug
Der rechteckige, längliche Kücher (1. Bild von oben) besteht aus Gämsenfell. Er wird an der Längs- und an der unteren Schmalseite von einer Naht zusammengehalten. Neben zwölf Rohschäften (84 bis 87 Zentimeter lang) enthielt der Köcher zwei schussbereite Pfeile. Beim 1,82 Meter langen, aus einem Eibenstamm gearbeiteten Bogenstab fehlt die Bogensehne. Der herausragendste Ausrüstungsgegenstand des Mannes aus dem Eis ist das Beil (2. Bild von oben). Die sorgfältig geglättete Knieholmschäftung ist rund 60 cm lang und besteht aus Eibenholz. Die trapezförmige Klinge besteht aus fast reinem Kupfer. In Mitteleuropa gehörte ein Kupferbeil in der Zeit um 3000 v. Chr. zur Ausstattung eines Mannes der oberen Gesellschaftsschicht. Ötzis Schuhe (3. Bild von oben) gehören zu den ältesten ihrer Art weltweit. Der Innenschuh – ein Netz aus Grasschnüren – fixiert das hineingestopfte Heu, welches als Wärmeisolierung dient. Der Außenschuh ist aus Hirschleder gearbeitet. Beide Teile – Grasnetz und Oberleder – sind mit Lederriemen an den Rändern der ovalen Sohle aus Bärenleder befestigt. Die zwei getrennten Beinröhren (4. Bild von oben) bestehen aus zahlreichen Fellstücken der Hausziege und bedeckten lediglich Ober- und Unterschenkel.

Technik & Forschung
Um den Mann aus dem Eis zu konservieren, müssen die Bedingungen, die im Gletschereis herrschten, simuliert werden: eine Temperatur von minus sechs Grad Celsius und eine relative Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent. Dafür wurde ein ausgeklügeltes, automatisiertes Kühlsystem entwickelt, bei dem unzählige Sonden verschiedene Messwerte wie Luftdruck, Temperatur, relative Luftfeuchtigkeit, Luftzusammensetzung, Körpergewicht und die Daten zur Funktionstüchtigkeit des Kühlsystems übermitteln.
Probenentnahmen an der Gletschermumie werden in allen Details genau geplant und von zuständiger, offizieller Seite genehmigt. Die Proben wurden aus dem Inneren der Mumie entnommen, wobei als Zugänge schon vorhandene Hautschnitte gewählt wurden, die von früheren Probenentnahmen stammten.
Auf Basis von 3D-Aufnahmen des Schädels sowie von Röntgen- und CT-Bildern haben die niederländischen Künstler Adrie und Alfons Kennis den 5300 Jahre alten Mann aus dem Eis neu erschaffen.


Sonntag, den 04. September 2011 um 12:14 Uhr

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