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Mit hoher Passqualität nach vorn

Fußballexport. Der Mattseer Julian Baumgartlinger (23) kickt seit Juli für den traditionsreichen deutschen Klub FSV Mainz 05. Der deutsche Fußball hat ihn seit seiner Kindheit begleitet.

Zum Fußball kam Julian Baumgartlinger auf relativ unspektakuläre Weise. Anekdoten über den zweijährigen Julian, der wild gaberlnd durch den Garten hüpft, sind nicht überliefert. 1993 beförderte der damals Fünfjährige zum ersten Mal die Kugel über den grünen Rasen, nachdem ihm sein Vater angeboten hatte, einem Training beizuwohnen. Bis zum 13. Lebensjahr spielte Baumgartlinger in seinem Heimatort im USC Mattsee. Dann kam der große Wechsel in die Fußballakademie in München. Beim TSV 1860 München durchlief er routiniert alle Jugendmannschaften und die Amateurmannschaft. Nach dem erfolgreich abgelegten Abitur kickte er zwischen 2007 und 2009 bei den Profis der „Löwen“. 2009 dann der Wechsel nach Wien zur Austria, die ihn im heurigen Frühjahr an den FSV Mainz 05 weiterverkauft hat. Dass er angeblich der erste wirklich gewinnbringende Transfer im Rahmen eines groß angelegten Investoren-Projekts der Wiener Austria sein soll, kann oder will Baumgartlinger nicht bestätigen: „Wir Spieler haben davon auch aus der Presse erfahren.“ Freilich ist es kein gut gehütetes Geheimnis mehr, dass im Rahmen dieses Projekts seit Jahren Gönner immer wieder hohe Geldbeträge bei Spielerverpflichtungen einsetzen, um danach bei einem Weiterverkauf mitzuverdienen. Baumgartlinger kam im Sommer 2009 für kolportierte 350.000 Euro von 1860 München nach Wien – verkauft haben soll ihn der Klub heuer um das Dreifache.

Zwilling. Aufgewachsen ist Baumgartlinger in Mattsee zusammen mit seiner Zwillingsschwester Mira – deren Karriere im Leistungssport von einer schweren Verletzung gestoppt wurde. Nach der Volksschule besuchte er die Unterstufe des SSM in der Akademiestraße. Dann kam schon die Fußballakademie mit Abitur im Jahr 2007. Auch in der Zeit nach 1860 München war für ihn klar, dass er eines Tages wieder nach Deutschland zurückkehren würde, wie er selbst sagt. „Deutschland ist für mich jetzt kein Neuland mehr, ich freue mich, in einem Land, das ich mag und schätze, leben und Fußball spielen zu können.“ Der Vertrag mit dem FSV Mainz 05 ermöglicht ihm das zumindest für vier Jahre.
Im Juni 2009 wurde er kurz nach seinem Wechsel zur Austria zum ersten Mal ins österreichische Nationalteam einberufen und hat seither 14 Länderspiele bestritten. Seiner Stärken ist sich Baumgartlinger genauso bewusst wie der Schwächen. Seine Eigeneinschätzung reicht von „sehr dynamischer und aggressiver defensiver Mittelfeldspieler mit großer physischer Stärke, der das Spiel mit hoher Passqualität nach vorne tragen kann“ bis hin zu Schwächen wie den zu wenigen geschossenen Toren und zu selten zum Abschluss gebrachten Aktionen. Als Vorbild nennt er dann auch Xavi von Barcelona: „Seine strategische Qualität, seine Passsicherheit und die unglaublich hohe Ballkontaktzahl in jedem Spiel sind imponierend“, zeigt sich Baumgartlinger beeindruckt.
Wenig überraschend daher auch sein Tipp für die Europameisterschaft im kommenden Jahr: „Spanien, wer sonst?!“
Im ECHO-Interview spricht Julian Baumgartlinger über seine Zeit bei Austria Wien, die Ehre, im Nationalteam zu spielen, und sein neues Leben in Mainz.
ECHO: Wie gefällt es Ihnen in Mainz? Sind Sie schon „angekommen“?
Julian Baumgartlinger: Mainz ist sehr schön und um einiges übersichtlicher als Wien, was auch sehr angenehm ist. Außer­dem sind die Mainzer sehr umgänglich und unkompliziert, was mir die Eingewöhnung erleichtert hat, und auch innerhalb der Mannschaft war jeder hilfsbereit und offen.
ECHO: Müssen Sie sich viele Ösi-Witze gefallen lassen?
Baumgartlinger: Das hält sich in Grenzen, vielleicht auch, weil in den letzten Jahren mit Andreas Ivanschitz und Christian Fuchs bereits zwei Österreicher im Verein waren und schon alles Pulver verschossen wurde.
ECHO: Muss man sich Sie und Andreas Ivanschitz als „dynamisches Österreicher-Duo“ vorstellen? Wie verstehen Sie sich mit ihm?
Baumgartlinger: Andreas hat mir die Eingewöhnung noch einmal um einiges leichter gemacht. Wir kannten uns vorher nicht persönlich, was aber kein Problem war, da Andi sofort mein erster Ansprechpartner war, egal, welche Fragen ich hatte, und wir uns sehr gut verstehen. Und es verbindet einen doch einiges, wenn man aus demselben Land kommt, Dialekt miteinander sprechen und sich beispielsweise auch über die österreichische Liga oder Spieler unterhalten kann.
ECHO: Wie würden Sie die Unterschiede zwischen dem Fußball, der in Österreich gespielt wird, und jenem in Deutschland beschreiben?
Baumgartlinger: Um einen Vergleich zwischen Österreich und Deutschland zu ziehen, bin ich doch noch nicht lange genug in Mainz, aber alleine die Stadien der deutschen Bundesliga und das Interesse bzw. die Vermarktung der Liga sind schon außergewöhnlich und können in Österreich in dieser Größendimension gar nicht stattfinden. Rein fußballerisch sind einfach ein noch etwas höheres Tempo und ein stärkerer Schwerpunkt auf disziplinierter Mannschaftstaktik über 90 Minuten im Spiel, aber auch im Training, augenscheinlich.
ECHO: Sie sind bereits mit 13 Jahren auf die Münchner Fußballakademie gewechselt. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Baumgartlinger: Wovon ich wahrscheinlich am meisten bis heute profitieren konnte, ist die Eigenverantwortung, die man sich einfach aneignen muss, wenn man so jung aus dem Elternhaus auszieht und sich mehr oder weniger allein, zwar gut betreut durch den Verein, in einer Großstadt wie München zurechtfinden oder eine neue Mentalität, fußballbezogen, kennenlernen muss.
ECHO: Ist es eine Ehre, im österreichischen Nationalteam zu spielen, oder eher eine Bürde?
Baumgartlinger: Ich denke, wenn es eine Bürde wäre, wäre irgendetwas schief gelaufen. Jeder junge Fußballer in Österreich, ob Hobbysportler, ambitionierter Nachwuchsspieler oder einfach nur Fußballfan würde selbst gerne einmal für sein Land auf dem Platz stehen und genauso verhält es sich bei mir. Ich bin jedes Mal stolz, wenn ich die Hymne singen darf.
ECHO: Wie gehen Sie mit Kritik – auch mit Medienkritik nach einem verlorenen Spiel – um?
Baumgartlinger: Natürlich gab, gibt und wird es immer eine gewisse Erwartungshaltung geben, die einen gewissen Druck erzeugt, aber damit lernt man umzugehen. Als Fußballer bin ich nunmal in der privilegierten Situation, mein Hobby meinen Beruf nennen zu können, und da Fußball ein Breitensport ist, bei dem jeder eine Meinung hat, muss man damit rechnen, auch kritisiert zu werden. Solange Kritik sachlich und kompetent geübt wird, ist das normal und auch legitim.
ECHO: In welcher Mannschaft würden Sie gerne einmal spielen?
Baumgartlinger: Wie momentan viele Fußballer auf dieser Welt, denke ich, beim FC Barcelona. Diese Mannschaft verkörpert momentan einfach den modernsten, technisch überragendsten und, was sie noch außergewöhnlicher macht, trotz schönem auch erfolgreichsten Fußball.
ECHO: Red Bull Salzburg reizt Sie als gebürtigen Salzburger nicht?
Baumgartlinger: Natürlich wäre RB Salzburg immer naheliegend gewesen, nur habe ich in den letzen Jahren, wenn es darum ging, einen nächsten Schritt in meiner Karriere zu machen, mich jeweils für einen anderen Weg entschieden. Vielleicht wird es zu einem anderen Zeitpunkt in meiner Karriere irgendwann genau der richtige Schritt sein, nach Salzburg zu gehen, wer weiß …
ECHO: Wie oft sind Sie noch in Ihrer Heimat Salzburg?
Baumgartlinger: Leider viel zu selten, meistens in den Urlaubsphasen, und hin und wieder an freien Wochenenden. Jetzt, da die Entfernung nach Salzburg um einiges weiter geworden ist, wird es nicht leichter, aber ich versuche, jede Gelegenheit zu nutzen.
ECHO: Wird in Österreich genug in den Nachwuchs investiert?
Baumgartlinger: In den letzten Jahren wurde hervorragende Arbeit in den österreichischen Akademien, wie z.B. LAZ, geleistet. Auch die Bundesligavereine setzen immer öfter auf Spieler aus der eigenen Jugend, teils aus der Not geboren, finanziell dazu gezwungen zu sein, teils aus der Überzeugung, jungen Spielern immer früher zu vertrauen, um eine Entwicklung zu ermöglichen.
ECHO: Wie lautet Ihr Resümee zu Ihrer Zeit bei Austria Wien?
Baumgartlinger: Sehr positiv. Die Austria hat mir die Möglichkeit gegeben, nach einem durchwachsenem Jahr in München mich in Ruhe weiterzuentwickeln und durch viele Spiele Erfahrung zu sammeln. Dadurch konnte ich auch regelmäßig in der Nationalmannschaft dabei sein, was auch zur Weiterentwicklung sehr wichtig war. Und die Verantwortlichen haben mir auch jetzt bei den Verhandlungen mit Mainz keine Steine in den Weg gelegt, weswegen ich in Summe der Austria für die letzten zwei Jahre sehr dankbar bin.
ECHO: Wo sieht sich Julian Baumgartlinger in fünf Jahren?
Baumgartlinger: So weit möchte ich nicht in die Zukunft blicken, ich will mich in Mainz gut entwickeln, um dann, so wie bis jetzt immer in meiner Karriere, step by step den nächsten Schritt zu gehen. Wo oder wohin dieser dann passieren wird, lasse ich mir völlig offen. Ein Traum wäre irgendwann einmal England, ob der wahr wird, lasse ich auf mich zukommen.
Interview: Thomas Strübler

Dienstag, den 13. Dezember 2011 um 09:21 Uhr

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