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Kampf dem Querschnitt

Querschnittslähmung. Mehr als 2,7 Millionen Menschen sind derzeit nach einer Verletzung des Rückenmarks auf den Rollstuhl angewiesen. „Wings for Life“ will Heilung ermöglichen.

Querschnittslähmung wird eines Tages heilbar sein. Damit aus dieser Vision Wirklichkeit werden kann, fördert die gemeinnützige Stiftung „Wings for Life“ weltweit Forschungsprojekte zur Heilung des verletzten Rückenmarks, lautet der Anspruch der Stiftung zur Heilung von Querschnittslähmung. Insgesamt unterstützte „Wings for Life“ bisher 55 Projekte, davon 21 im letzten Jahr. „Für dieses Jahr sind wir noch in der Evaluierungsphase“, sagt Pressesprecher Marco Gröbner. Mit welcher Summe die einzelnen Projekte unterstützt werden, könne man nicht sagen, da diese sehr unterschiedlich seien, heißt es. Die Förderungen würden etwa bei 70.000 Euro pro Projekt anfangen, so Gröbner. Danach werden Projekte im Bereich der Rückenmarkforschung oft jahrelang unterstützt. Wenn erfolgreiche Projekte oder Grundlagen in der Forschung absolviert sind, muss der nächste Schritt getan werden. Es folgt möglicherweise der Schritt in eine klinische Studie. „Dann kostet ein Projekt zig Millionen. Wir bekommen pro Jahr zwischen 50 und 70 Anträge aus der ganzen Welt. Davon suchen wir jene aus, die wir als am vielversprechendsten ansehen, danach richtet sich dann die Spendensumme“, erklärt Gröbner die Vorgehensweise bei der Vergabe von Forschungsmitteln.
Um eine repräsentative Entscheidung zu treffen, ob ein Forschungsprojekt auch allen spitzenwissenschaftlichen internationalen Kriterien genügt, zieht Wings for Life ein wissenschaftliches Beratergremium zu Rate.

Forschungszentrum Salzburg. Mit der 70-Millionen-Euro-Spende von Stiftungsmitbegründer Dietrich Mateschitz an die PMU (Paracelsus Medizinische Privatuniversität) Salzburg will man nun die Expertisen im Bereich Rückenmarkforschung gesammelt nach Salzburg bekommen, um ein umfangreiches Zentrum für Geweberegeneration und Querschnitt zu eröffnen. Damit soll ein großer Schritt zum Forschungsziel einer erfolgreichen Therapie für Querschnittsgelähmte gelingen.
„Wings for Life“ fungiert dabei als Ansprechpartner für die PMU, der dem Querschnittszentrum einerseits mit der Expertise einer internationalen Forschungsstiftung sowie einem großen Netzwerk zur Verfügung steht.
Die treibenden Kräfte hinter „Wings for Life“ sind der zweifache MotocrossWeltmeister Heinz Kinigadner und Red Bull-Gründer Dietrich Mateschitz. Ein tragischer Unfall von Kinigadners Sohn Hannes, der eine hohe Querschnittslähmung zur Folge hatte, war der entscheidende Anstoß, „Wings for Life“ ins Leben zu rufen.
„Wings for Life“ setzt sich für Forschungsprojekte ein. Für Betroffene von Querschnittslähmung vermittelt man auf Anfrage gerne Kontakte und Ansprechpartner für weitere Behandlungsschritte.

„Wir stehen ein Stück nach der Mitte“

Forschung. Professor Ludwig Aigner vom Institut für Molekulare Regenerative Medizin der PMU Salzburg spricht im ECHO-Interview über den Forschungsstand in der Querschnitttherapie und die Bedeutung der 70-Millionen-Euro-Spende von Dietrich Mateschitz.

Echo: 70 Millionen Euro ist ein gewaltiger Spendenbetrag. Damit werden viele Hoffnungen bei Querschnittsgelähmten auf Heilung geweckt. Wie gehen Sie mit diesen Erwartungen um, was sagen Sie den Betroffenen?
Ludwig Aigner: Ein Betrag von 70 Millionen ist genial für uns und entscheidend für die nächsten Jahre. Die Spende ist als längerfristiges Investment zu verstehen, mit dem die Forschung am Standort Salzburg entwickelt werden soll. Gleichzeitig wird versucht, die derzeitige Behandlung der Querschnittspatienten wirklich auf ein Top-Niveau zu bringen.
Wir haben es in Österreich generell mit der Problematik zu tun, dass Querschnitts­patienten typischerweise nach einem Unfall akut versorgt werden. Nach der Primärversorgung entsteht eigentlich ein gewisses zeitliches Loch, weil die meisten Patienten in der Regel ein paar Wochen warten müssen, um in den entsprechenden AUVA-Kliniken oder Rehakliniken einen Therapieplatz zu bekommen. Diese Lücke wollen wir schließen, um einen nicht unterbrochenen Behandlungszyklus zu gewährleisten. Nicht im Sinne von Heilung, sondern im Sinne von Versorgung. Gleichzeitig wollen wir bei diesem Punkt nicht stehenbleiben und sowohl die klinische Forschung zu diesem Thema in Salzburg aufbauen und auch die experimentelle, sprich präklinische Grundlagenforschung dazu entwickeln. Der Patient wird, abgesehen von der verbesserten Versorgung, in den nächsten zwei bis drei Jahren, noch nicht allzu viel spüren, das muss man ganz klar sagen.
Echo: Wie sieht Ihr Forschungskonzept aus?
Aigner: Wir haben unser Konzept so aufgestellt, dass wir das Geld nicht auf eine Karte setzen, sondern versuchen, verschiedenste Forschungsbereiche parallel aufzubauen und zu entwickeln. Auch aufgrund der Tatsache, dass der Querschnitt an sich aus einer komplexen Pathologie besteht, sind natürlich auch die Therapieansätze relativ unterschiedlich und komplex. Man geht derzeit davon aus, dass es wahrscheinlich nicht eine einzige Therapie sein wird oder ein einziges Medikament, dass den Durchbruch bringen wird, sondern wahrscheinlich wird es eine Kombination sein.
Echo: Mit dem Geld sollen die besten Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Salzburg geholt werden, um hier ein Mittel gegen die Querschnittslähmung zu finden. Gibt es schon konkrete Namen dazu?
Aigner: Nein, die gibt es noch nicht. Wir fangen in Salzburg aber nicht ganz bei Null an in Sachen Querschnitt. Ich etwa bin Neurowissenschaftler, ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Nervensystem und Nervenregeneration. Unser Schwerpunkt war in den letzen zwölf Jahren die Stammzellenforschung im Gehirn und Rückenmark und inwieweit diese Zellen zur Regeneration bei Multiple Sklerose, Demenz, Schlaganfall, Alzheimer usw. beitragen können. Jetzt machen wir einen Schwenk und fokussieren uns mehr auf den Querschnitt.
Die Neurologie etwa wird einen sehr starken Forschungsschwerpunkt auf die neuronale Plastizität legen. Neuroplastizität heißt praktisch Umbauvorgänge im Gehirn und auch im Rückenmark nach Schädigung. Man weiß, dass solche Umbauvorgänge stattfinden. Das sind funktionelle wie auch strukturelle Vorgänge. Sprich, wenn bei einem Schlaganfall das betroffene Areal unwiderruflich abstirbt, aber benachbarte Gehirnareale zum Teil die ausgefallenen Funktionen übernehmen können. So ähnlich stellt man sich das auch beim Querschnitt vor. Wenn zum Beispiel kein kompletter Querschnitt vorliegt, sondern nur ein Teil der Bahnen durchtrennt ist, sollen die noch bestehenden Bahnen Funktionen von defekten durchtrennten Bahnen übernehmen können. Das ist natürlich ein interessanter Aspekt, weil hier ein riesiges Potenzial schlummert. Wenn man das gezielt fördern kann, dass diese intakten Bahnen vielleicht noch mehr von den Defiziten übernehmen können, dann hat man hier reelle Chancen, relativ bald klinisch eingreifen zu können und tätig zu werden.
Echo: Wird Salzburg damit zum weltweiten Forschungszentrum im Bereich Querschnittslähmung?
Aigner: Meiner Meinung nach wird Salzburg in Zukunft sicher eine wichtige Stellung einnehmen. In Salzburg wird die Forschung in Verbindung mit dem Patienten im Vordergrund stehen. Das ist sicher einzigartig. Gerade im Zusammenhang mit dem Geweberegenerationszentrum.
Echo: Kann man einen ungefähren zeitlichen Horizont ziehen, wann eine erfolgreiche Heilung möglich sein könnte, bzw. sagen wie weit man davon noch entfernt ist?
Aigner: Über erfolgreiche Heilung kann man nicht sprechen. Weltweit gibt es große Querschnittszentren und riesige Initiativen, die sich dieses Themas annehmen. Der letztendliche Durchbruch ist noch nicht gekommen.
Echo: Wo steht man derzeit in der Forschung – am Anfang, in der Mitte, im letzten Viertel?
Aigner: Ich würde sagen schon ein Stück nach der Mitte. Erst in den letzten zehn bis 15 Jahren hat man richtig verstanden, was beim Querschnitt tatsächlich kaputt ist.
Man kann sich das vorstellen wie bei einem Kabelstrang im Auto. Der Kabelbaum ist komplett oder teilweise durchtrennt und zwar unwiderruflich. Die Kabel (Anm. Nervenstränge) können auch nicht mehr verbunden werden, wie von einem Elektriker. Die hinteren Teile der sogenannten Kabelstränge sterben unwiederbringlich ab. Derzeit wird versucht, das fehlende Kabel praktisch neu wachsen zu lassen. Dazu gibt es schon interessante, molekulare Ansätze. Man kennt jetzt schon die ersten wichtigen Schalter, die weiter oben im Gehirn, wo die zellulären Zentren sitzen. Hier hat man quasi die Hauptschalter identifiziert, damit man weiß, wo man ein- und ausschalten muss, damit die Kabel wieder wachsen.
Echo: Dieses Andocken und das Zusammenwachsen ist also die Hauptproblematik?
Aigner: Genau. Das ist die Ursache, dass die Schalter im Gehirn, von denen ich vorher gesprochen habe, im Zentralnervensystem Gehirn und Rückenmark nicht richtig aktiviert sind. Im ZNS, Gehirn und Rückenmark funktioniert das unter anderem auch deswegen nicht, weil es hier molekulare Bestandteile im Rückenmark gibt, die das Ganze verhindern. Unser Gehirn und Rückenmark ist gar nicht dazu ausgelegt, sich zu regenerieren. Im Gegenteil, es versucht die Regeneration sogar aktiv zu verhindern. Und das ist eine massive Problematik. Es gibt aber schon unterschiedliche Ansätze, um diese Wachstumsbremsen oder Hemmstoffe praktisch zu inhibieren (unterbinden), das heißt, ich versuche die Bremse zu blockieren.
Echo: Im Internet liest man von allen möglichen Heilungschancen und Therapieansätzen. Werden hier zu viele falsche Hoffnungen geweckt?
Aigner: Ja, ganz klar. Ich stelle Ihnen das am Beispiel der Zelltherapie dar. Zelltherapie ist derzeit in aller Munde. Stammzellen sind ein Thema, über das man auch häufig in der Presse liest, sprich die Bevölkerung kann etwas damit anfangen. Jetzt gab es in der Vergangenheit Kliniken und Firmen die sich auf Zelltherapien spezialisiert haben, ohne dass diese Zelltherapien klinisch-wissenschaftlich fundiert waren. Zelltherapien wurden bei allen möglichen neurologischen Erkrankungen, unter anderem auch beim Querschnitt angeboten. Sie brauchen heute nur nach Asien fahren, da bekommen Sie eine Stammzellentherapie für 20.000 Euro. Ob der Patient irgendwie davon profitiert, ist völlig fragwürdig. Das beste Beispiel war eine Klinik im Kölner, Düsseldorfer Raum. Die hatten Zelltherapien mit Bindegewebsstammzellen angeboten, unter anderem beim Querschnitt oder MS, das war extrem fragwürdig. Erst als Patienten verstorben sind, hat man diese Klinik schließen können – Gott sei Dank. Man hat hier irrsinnig viel Geschäft gemacht und Schindluder getrieben, mit der Not der Patienten. Auch wir werden ja jetzt schon mit der Frage konfrontiert, warum wir das nicht anbieten. Aber da muss man einfach verantwortungsbewusst  genug sein und sagen, das können wir derzeit nicht anbieten, weil wir noch gar nicht wissen, was wir dabei machen.
Echo: Haben Sie mit dem Start des Projektes auch Pharmaunternehmen ins Boot holen können?
Aigner: Leider nicht. Das hat den Grund, so tragisch das klingen mag, dass der Querschnitt als solcher für die Pharmaindustrie nicht allzu interessant ist, weil es, relativ gesehen, wenig Betroffene gibt. Da ist der Markt in den Bereichen Alzheimer oder Schlaganfall einfach ein ganz anderer. Genau aus diesem Grund sind Stiftungen wie „Wings for Life“ extrem wichtig.
Echo: Wie wird ab 2013 die Praxis in der PMU dann ablaufen?
Aigner: Los gehen tut es eigentlich jetzt schon. 2013/2014 ist dann eigentlich das Datum für den Umzug in das Gebäude der PMU. Dort wird ein Teil der Forschung, des Querschnitts- und Geweberegenerationszentrums untergebracht. Die klinischen Fächer wie die Neurologie, die Unfallchirurgie, die Urologie und die Transfusionsmedizin werden an ihrem bisherigen Standorten bleiben. Im neuen PMU-Gebäude wird nur ein Teil des neuen Querschnitts- und Geweberegenerationszentrums lokalisiert sein.
Echo: Auf wie viele Jahre ist der Forschungsbetrieb mit dieser Spende gesichert?
Aigner: Bis 2023.

Dienstag, den 03. April 2012 um 09:59 Uhr

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