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IfM 0110
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Kollateralschaden

Mit ihrem Wahlplakat bei der Innsbrucker Gemeinderatswahl hat die FPÖ nicht nur im Inland für Empörung gesorgt. Marokko hat deswegen eine vielversprechende Friedens- und Bildungsinitiative abgedreht.

Erwin Wimmer ist mehr als nur enttäuscht, er ist empört und zornig: „Die wissen ja wahrscheinlich gar nicht, was sie angerichtet haben. Die haben unser Projekt kaputt gemacht.“ Damit meint Wimmer jene Funktionäre der FPÖ, die er dafür verantwortlich macht, dass im Innsbrucker Gemeinderatswahlkampf ein Plakat mit dem Slogan „Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“ affichiert worden ist. Die Aufregung über diesen „Sager“ war nicht nur in Tirol und Österreich groß, die Schockwellen der Empörung liefen bis nach Marokko. Und zerstörten dort ein vielversprechendes internationales Schüler-Projekt, welches mühsam von Tirol aus initiiert worden ist.
Als Vorstand des Vereins „Initiative Zukunftsenergien“ hat Erwin Wimmer über Monate hinweg am Projekt „Friedens- und Bildungsinitiative Marokko“ gearbeitet. Ziel dieser internationalen Initiative ist der Aufbau einer Datenbank, die Schülerinnen und Schüler aus der Europäischen Union und aus Marokko mittels gemeinsamen Wissens- und Informationsaustauschs zu vernetzen. Dabei soll auch der kulturelle Austausch nicht zu kurz kommen. Darüber hinaus können Fremdsprachenkenntnisse eingesetzt und weiter ausgebaut werden. Das Projekt hat sich mittlerweile längst über die Planungsphase hinausentwickelt, die Datenbank mit ihren vielfältigen Inhalten ist konzeptionell geplant und weitgehend umgesetzt. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern hat Wimmer gut einhundert gebrauchte Computer zusammengesammelt und per Schiffscontainer nach Casablanca geschickt.
Vor Ort stellten sich dann ungeahnte Schwierigkeiten ein, nach dem „Arabischen Frühling“ traut in Marokko offenbar vorsichtshalber niemand mehr irgendwem, vor allem nicht, wenn dieser „Irgendwer“ aus dem Ausland kommt. Es dauerte gut sechs Monate, ehe die Projektleiter dem „Delegator“ in Casablanca klar machen konnten, dass hinter der Initiative weder zionistische Kräfte noch religiöse Fanatiker stecken und man schon gar nicht versuchen wird, mithilfe der Opposition die marokkanische Regierung zu stürzen.
Die monatelangen Verhandlungen in Casa­blanca zehrten jedenfalls schwer am Budget des Vereins, denn es kamen zu den Kosten für die Flüge und den teils wochenlangen Aufenthalten auch noch die teuren Hafengebühren für den Container dazu. Aber das Projekt konnte nun endlich starten. Und dann kam das FPÖ-Plakat. Das offizielle Marokko zeigte sich über den vorurteilsbeladenen und eine ganze Volksgruppe pauschal zu Dieben verurteilenden Text schwer verärgert und zutiefst beleidigt. Ende Mai musste sogar Außenminister Michael Spindelegger den Canossagang nach Marokko antreten, um sich bei seinem Amtskollegen für den FPÖ-Sager zu entschuldigen.
 Für Erwin Wimmer und das Projekt des internationalen Schüleraustausches ist der Zug abgefahren. Wenn auch auf diplomatischer Ebene die Wogen geglättet scheinen, so ist das Vertrauen der marokkanischen Lokalbehörden zu den österreichischen Projektbetreibern nachhaltig zerstört. Die Computer sind mittlerweile an verschiedene Organisationen vor Ort verschenkt worden, die geplante Datenbank wird wohl nie ihren Zweck erfüllen, der Verein Wimmers ist finanziell schwer angeschlagen.
Und die FPÖ? Parteichef Strache beantwortet ein E-Mail von Erwin Wimmer mit schnippischen Kommentaren zur „kriminellen Nordafrikaner-Szene in Innsbruck“ und zum „doch etwas gewagten Projekt“ und schließt sein Schreiben mit: „Ich gehe davon aus, dass das Projekt, wenn es von Anfang an ordentlich durchorganisiert wurde, nach wie vor durchführbar ist.“
Und August Penz? Der Inns­brucker Hotelier hat sein FPÖ-Ticket in den Innsbrucker Gemeinderat nicht angenommen und zieht sich aus der Politik zurück. Hauptgrund dafür dürfte sein, dass seine Hotels seit dem rassistischen Plakat mit massivem Gästeschwund zu kämpfen haben. Der Schaden sei bereits enorm, so Penz.
Für Erwin Wimmer ist das kein Trost. Er muss jetzt die Scherben des Projekts zusammenräumen und den Verein praktisch neu aufstellen. Ein Kollateralschaden mit nachhaltiger Wirkung.

Donnerstag, den 31. Mai 2012 um 12:48 Uhr

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