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IfM 0110
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Mobilität der Zukunft

Verkehrssysteme. Der Thalgauer Bürgermeister Martin Greisberger und visionäre Begleiter arbeiten am Mobilitätskonzept ERB, der Bahn, die den Kunden dort abholt, wo er wohnt.

In Zukunft wird man den Stellenwert einer Gesellschaft nicht an ihren Limousinen, sondern an den öffentlichen Verkehrssystemen messen. Die Entwicklung einer Gesellschaft und deren Regionen wird sich an der Qualität der öffentlichen Verkehrssysteme orientieren.“ Mit diesen Worten leitet Martin Greisberger gern seine Diskussionen ein. Und davon muss der Bürgermeister von Thalgau viele führen. Vor allem seit er Obmann des Vereins ERB ist. ERB steht für EuRegioBahnen Salzburg – Bayern – Oberösterreich. Ein sehr beherztes Projekt mit einem Konzept, welches das Land bereits auf 50 Zentimeter genau durchmessen hat.
„Wer eine Vision hat, braucht einen Arzt“, sagen jene, die Angst vor Veränderungen haben. „Wer keine Vision hat, arbeitet nicht an der Zukunft“, meint der Bürgermeister. Als er im Jahr 2004 zum Gemeindechef von Thalgau gewählt wurde, erbte er auch eine Aufgabe, die für ihn völlig neu war. Er wurde verantwortich für den Flachgautakt 1 des Salzburger Verkehrsverbunds. Damals ahnte er noch nicht, wie viel Staub er noch aufrühren würde. Wie viele Stunden und Tage seines Lebens er sich mit der Mobilität der Zukunft befassen würde. „Eines ist für mich immer schon festgestanden: Auch eine Gemeinde wie Thalgau, wo das Verkehrsproblem noch nicht vordergründig ist, muss sich mit dem Thema ‚Alternativen‘ befassen. Worüber wir nachdenken, ist keine Lösung, die wir schon jetzt unbedingt brauchen, die aber sicher wie das Amen im Gebet von uns in zehn, 15 oder spätestens 20 Jahren dringend gefordert wird.“ Und dann, so der Bürgermeister, dürfte man nicht wieder so unvorbereitet sein wie in der Frage der Stromautobahn.
„Es ist erst einmal in jedem Fall eine wichtige Aufgabe der Raumordnung, Korridore zu schaffen, die in späteren Jahren anfallende Infrastruktureinrichtungen überhaupt ermöglichen. Egal, wofür diese Korridore einmal gebraucht werden, ob für Straße, Bahn, Strom, dieser Platz ist für die Entwicklung und Versorgung enorm wichtig. Nicht allein für die Gemeinden. Für das ganze Land. Konkret aber wäre nicht einmal so viel Raum nötig. Vielmehr mangelt es noch in vielen Gemeinden am politischen Willen. Andererseits: Die Idee greift um sich, immer mehr Ortschefs und Fachleute interessieren sich für das Projekt, das sich aus der Leidenschaft für die Ischlerbahn eines einzelnen Menschen entwickelt hat.“
Eine Idee wächst zur Vision. „Gottfried Mayer ist ein Mann, der sich schon seit Jahrzehnten mit der Ischlerbahn beschäftigt. Er rief vor etwa vier Jahren bei mir an und fragte, ob er in meiner Gemeinde einen Vortrag über seine Vorstellungen halten könnte“, erzählt Bürgermeister Greisberger, der nach kurzer Nachdenkpause zusagte. Der Zuspruch war enorm. Mehr als 100 Interessierte erschienen und der Funke der Begeisterung sprang über. Sehr bald aber wuchs aus dem Pflänzchen ein Geflecht von Gedanken und Visionen. „Es war mir schnell klar, dass die Ischlerbahn in ihrer Urform nicht mehr zeitgerecht ist. Aber es ließ mir keine Ruhe, denn ich erkannte in der Idee einer Regionalbahn das große Potenzial“, so der Bürgermeister. Seine Recherche begann und die Gruppe jener, die dieser Idee viel abgewinnen konnten, wuchs rasch. Das Projekt befasste sich schon sehr bald mit allen Möglichkeiten in einem Umkreis von 50 Kilometern um die Stadt Salzburg. „Und damit waren wir auch gleich in Bayern und Oberösterreich. Gerade in Bayern sind wir sehr schnell auf offene Ohren gestoßen. Wir konnten ja auch schon mit klaren Zahlen, Daten und Fakten argumentieren.“
Einen sehr wichtigen Mitstreiter fanden Bürgermeister Greisberger und Gottfried Mayer in Professor Dieter Ludwig, dem deutschen Ingenieur, der „im Zug vor dem Einfahrtssignal von Dortmund“ zur Welt kam und viele Jahre später Chef des Karlsruher Verkehrsverbunds wurde. Karlsruhe hat das im großen Stil, was sich Martin Greisberger und seine Mitkämpfer für Salzburg wünschen. Das Karlsruher Modell, auf dem Zwei-System-Stadtbahnwagen sowohl auf Stadtbahn- als auch auf Eisenbahnschienen fahren können. 18 Millionen Menschen nutzen dieses nachhaltige, kosten- und nervensparende Angebot. 95 Prozent der Karlsruher besitzen eine Jahreskarte für diese Mobi-
lität. 350 Kilometer an Gleisen der Deutschen Bundesbahn sind in diesem System integriert, weitere 350 Kilometer wurden in den vergangenen 15 Jahren errichtet. Dieter Ludwig ist seit vier Jahren auch in Heidelberg mit einer ähnlichen Lösung beschäftig. Jetzt werden die ersten Bahnen gebaut. „Das zeigt, dass es möglich ist“, sagt Martin Greisberger. „Dass es angenommen wird. Aber man muss direkt zum Kunden fahren. Nicht wie bei der Eisenbahn, die immer irgendwo außen am Ort vorbeifährt. Die Bahn muss ins Zentrum. Die modernen Wagen sind leise. In Karlsruhe haben die Menschen direkt an die Bahn gebaut, weil es ihnen lieber ist, alle zehn Minuten eine fast lautlose Stadtbahn zu haben, als in der gleichen Zeit 300 hupende, stauende Autos“, so der Verfechter der ERB. Und noch eines ist ihm sehr wichtig: „Eine Bahn dieser Art kann nur erfolgreich sein, wenn sie einen sehr guten Takt fährt: 18 Stunden pro Tag alle 20 Minuten. Und am Wochenende für die jungen Menschen. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass die jungen Menschen der Zukunft auf Mobilität verzichten wollen.“

zum Mitmachen aufgerufen. 2010 gründeten die Kämpfer für die EuRegioBahn den Verein RSB. „Das war die kostengünstigste Möglichkeit, sich zusammenzutun“, so Martin Greisberger. Irgendwann soll daraus auch eine Gesellschaft werden. Aber zuerst wird gearbeitet. Mittlerweile sind bereits 20 von den 74 betroffenen Gemeinden dem Verein beigetreten. Und einen weiteren wichtigen Schritt hat man nun gesetzt: Mit Förderungen aus Bayern und von der Salzburger Landesregierung wagt man sich an die Finanzierung einer Studie. Einer ganz besonderen Studie. Nicht allein die Machbarkeit ist wichtig, vor allem auch die Wirkungsanalyse.  950.000 Euro hat man aus Förderungen aufgetrieben. Fehlen noch 180.000. Die sollen von den Gemeinden kommen. Damit aber mit der Studie begonnen werden kann, wird der Verein vorerst einmal für die Gemeinden dafür gutstehen. 2014 soll die Studie fertig sein.
Übrigens hat der Thalgauer Bürgermeister errechnet: Die 74 betroffenen Gemeinden kostet die Beteiligung an dieser Studie genau drei Jahre lang pro Einwohner 37 Cent. Das sind im Schnitt jährlich 600 Euro. Wenn alle mitmachen. An einem Projekt, das nicht nur die Bewohner betrifft. Auch touristisch käme diese Bahn zu tragen, verbindet sie doch das Berchtesgadener Land, das Seengebiet, das Salzkammergut und das Gasteinertal auf kürzestem Weg miteinander.
Da ist allerdings noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Vor allem in der Stadt Salzburg und bei ihren Verantwortlichen. Denn dort, wo alles zusammenläuft und der neuralgische Punkt ist, dort hält man es derzeit noch etwas mit den drei berühmten Affen. Die mit den Händen vor den Augen, den Ohren und dem Mund.
         Andrea Hinterseer

Montag, den 10. September 2012 um 15:35 Uhr

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