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IfM 0110
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Revisionsbedürftig

Ronald Weinberger, ehemaliger Astronomieprofessor an der Uni Innsbruck, will unsere Zeitrechnung von der Geburt „eines vorderasiatischen Wanderpredigers“ entkoppeln.

ECHO: Herr Weinberger, welches Datum haben wir heute?
Ronald Weinberger: Diese Frage überrascht mich jetzt etwas, ich habe sie nicht erwartet. Natürlich weiß ich das Datum. Aber nach welchem Kalender denn?
ECHO: Diese Gegenfrage habe ich erwartet.
Weinberger: Also, nach dem gängigen, global gültigen Kalender den 20. September 2012.
ECHO: Bevor wir noch auf Ihren kalendarischen Vorschlag eingehen – was ist eigentlich ein Jahr?
Weinberger: Das Jahr, wenn man es einigermaßen korrekt ausdrücken möchte, ist die Zeit, welche die Erde für einen Umlauf um die Sonne benötigt. Aber, und jetzt wird es kompliziert, wenn man sich das genauer anschaut, merkt man, dass das astronomische Jahr sich nicht identisch von Jahr zu Jahr wiederholt, sondern eine verwickelte, verwackelte Angelegenheit ist.
ECHO: Sie bezeichnen den Gregorianischen Kalender mit seiner Schaltregel mehrmals in Ihrem Buch als großen Wurf.
Weinberger: Für das Jahr 1582 mit den damaligen Mitteln etwas zu berechnen, das einige Tausend Jahre lang bis auf einen Tag Gültigkeit hat, ist rückblickend eine großartige Leistung. Und sie ist praktikabel. Die Menschen wollen ja kein Jahr, das mit Bruchteilen endet. Die Einführung von Schaltjahren zu den richtigen Zeitpunkten war die Lösung. Was übrigens viele Menschen nicht wissen: Ausgangspunkt der Kalenderreform war der Wunsch, das Osterfest einigermaßen zu fixieren. Das heißt, es musste auch der Lauf des Mondes berücksichtigt und somit zwei Grundlagen erarbeitet und praktikabel gemacht werden. Kurz: Zwei Fliegen wurden mit einer kalendarischen Klappe geschlagen.
ECHO: Wo setzt Ihre Kritik an?
Weinberger: Mir geht es um die Jahreszählung, nicht um die Infragestellung der Zeitrechnung als solche und der gregorianischen Schaltregeln. Wir sind derart in unserer Zeitrechnung­ – dem sogenannten christlichen Kalender, dem westlichen oder, um es noch neutraler auszudrücken, dem Gregorianischen­ – „drin“, dass sich fast niemand die Überlegung antut, warum das so ist und ob man es vielleicht ändern soll. Daher will ich interessierte Menschen auf eine Angelegenheit hinweisen, über die man nicht nachdenkt, die meiner Meinung nach aber im Grunde revisionsbedürftig ist. Unsere Idee, Jesus Christus, Gott usw. stößt z.B. in China auf ein inneres Kopfschütteln. Warum sollen große Teile der Welt, die keine­ Bedeutung in Jesus Christus sehen, diesen Kalender anwenden müssen?
ECHO: Sie schlagen einen Homo-Kosmischen Kalender vor. Ist es Ihnen dabei todernst?
Weinberger: Todernst nicht, ich meine es aber schon seriös. Gleichzeitig weiß ich, dass die Chance auf eine Umsetzung meiner Idee nicht weit von null entfernt ist, sie ist aber nicht gleich null. Denn eine Idee aufzubringen und zur Diskussion anzuregen, hat noch selten geschadet. Die Tatsache, dass Sie mich interviewen, zeigt, dass es nicht auf gänzlich unfruchtbaren Boden fällt. Todernst wäre also der falsche Ausdruck, ich habe mir sehr wohl etwas dabei gedacht.
ECHO: Ihr Kalender bezieht sich auf das Auftreten des Homo Sapiens – ein zeitlich vager Start, etwa vor 200.000 Jahren.
Weinberger: Aber ein naturgemäß vager Beginn, es geht gar nicht anders. Wenn im Laufe der Evolution eine neue Art auftritt, ist das ein länger dauernder Prozess. Das eigentlich Innovative bei meiner Idee ist aber, dass ich die Zeitrechnung auf zwei Pfeiler stütze. Ein vager Beginn, der aber den Vorteil hat, frei von jeglicher Politik, Ideologie und Kultur zu sein, und ein zweiter konkreter Beginn mit dem Jahr 1969 und der Tatsache, dass der auf diesem Planeten entstandene Homo Sapiens das erste Mal seinen Fuß auf einen anderen Himmelskörper gesetzt hat.
ECHO: Ihre Jahreszählung hat also mit der Geburt von Jesus nichts mehr zu tun.
Weinberger: Ja, wobei alles im Endeffekt auf einen genauen Bezugspunkt für die Jahreszählung hinausläuft, nämlich auf das Jahr 200.001, das Jahr der Mondlandung – aus Gründen der Schreibbarkeit 2'001. Nach dieser Jahreszählung hätten wir also heute den 20. September 2'044, der Zweite Weltkrieg etwa wäre im Jahr 199.977 zu Ende gewesen.

BUCHTIPP

Ronald Weinberger: Ist unsere Zeitrechnung noch zeitgemäß? Die westliche Jahreszählung ist anachronistisch und verdient(e) eine Neudefinition.
Weinberger umrahmt seinen vorgeschlagenen „Homo–Kosmischen Kalender“ mit allerlei Wissens- und Bedenkenswertem.
Studia Universitätsverlag, 90 Seiten; € 13,–

Freitag, den 05. Oktober 2012 um 10:15 Uhr

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