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Eulen-Spiegel

Während das Land und die Tiroler Gebietskrankenkasse über Zuständigkeiten streiten, sorgt ein neuer Vertrag der Kasse mit der Lebenshilfe-Tochter Eule für Unmut in der Therapeutenszene.

Wie viel darf die Gesundheit unserer Kinder kosten? Diese auf den ersten Blick seltsam anmutende Frage ist in Wahrheit der Kern einer heftigen Diskussion zwischen dem Land Tirol, der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) und den therapeutischen Berufsgruppen der Logopäden sowie der Ergo- und Physiotherapeuten. Auslöser für die Auseinandersetzungen ist ein kürzlich abgeschlossener Vertrag der TGKK mit der Lebenshilfe-Tochter Eule gGmbH. Grundlage für diesen Vertrag ist ein neuer, von der TGKK geschaffener Verrechnungsposten für die Behandlung von Kindern, die unter einer „krankheitswertigen“ Entwicklungsstörung leiden. Zwar wird von allen Beteiligten das neue Angebot grundsätzlich als positiv bewertet, doch während die Therapeuten eine prolongierte Bevorzugung der Eule aufzeigen, sind sich das Land Tirol und die TGKK nach wie vor uneinig darüber, wie ein Tiroler Gesamtmodell aussehen könnte. Vorausgegangen waren dem Ganzen die durch den „Lebenshilfeskandal­“ geänderten Bedingungen in der Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe-Tocher Eule gGmbH und dem Land Tirol. Die Tarife der Eule, die vor allem Kinder mit Entwicklungs- und Wahrnehmungsstörungen betreut, wurden auf 55 Euro pro Stunde gesenkt und gleichzeitig wurde festgestellt, dass ein Teil der von der Eule betreuten Kinder nicht in den Bereich der Reha und damit nicht in die Zuständigkeit des Landes falle.
Nachdem die Tarife der niedergelassenen Therapeuten auf 44 Euro pro Stunde angehoben wurden, machte das Land eine weitere Vereinheitlichung von einer nochmaligen Senkung der Tarife der Eule als Bedingung fest. Dies hätte in Wahrheit aber das Aus für die Eule bedeutet, die an sich schon nur deshalb überlebte, weil der Verein Lebenshilfe Gelder zuschoss. Parallel dazu gab es intensive Verhandlungen zwischen dem Land Tirol, der TGKK und den niedergelassenen Therapeuten. Dabei ging es in erster Linie um die Möglichkeiten eines Gesamt-Tiroler Modelles nach dem Vorbild anderer Bundesländer. Auf eine Anfrage an das Amt für Soziales der Tiroler Landesregierung heißt es dazu: „Das Land ist an einer klientenorientierten Lösung interessiert. Eine Anlehnung an bewährte Systeme in anderen Bundesländern wird als sinnvoll erachtet (Kofinanzierungen TGKK – Land), wie beispielsweise­ in Oberöster­reich.“ In der Anfragebeantwortung steht aber nicht, warum eine solche Lösung für Tirol scheiterte. In Oberösterreich­ übernimmt das Land 100 Prozent der Investitionskosten und 50 Prozent der Behandlungskosten, 25 Prozent kommen von der Sozialhilfe und 25 Prozent von der Abteilung Gesundheit des Landes. In Oberösterreich bestanden aber schon stationäre Einrichtungen, in Tirol fehlen sie aber – mit Ausnahme der Eule – komplett. Dazu meint Heinz Hollaus, stellvertretender Direktor der TGKK: „Das Land beharrte auf einer 50/50-Lösung und das geht nach unserer Auffassung rechtlich nicht.“ Den Bedarf beziffert Hollaus mit etwa 2000 Kindern, von denen rund 600 eine krankheitsbedingte Entwicklungs- oder Wahrnehmungsstörung haben.
Der Rest falle unter das Reha-Gesetz­, also die Behindertenhilfe. Da diese Verhandlungen schließlich scheiterten, wurde von der TGKK im Alleingang ein interdisziplinäres, dreistufiges Behandlungsangebot für Kinder mit Entwicklungs- bzw. Wahrnehmungsstörungen geschaffen. Es bietet Kinderärzten die Möglichkeit, betroffene Kinder einem „Kurz-Screening“ zuzuweisen, um den Behandlungsbedarf festzustellen. Auf dieser Basis sind dann drei Behandlungspakete mit Ergo-, und Physiotherapie sowie Logopädie sowie Gruppentherapien möglich. Zusätzlich beinhalten diese Pakete auch eine klinisch-psychologische Behandlung. Nach Auffassung der TGKK erfüllt derzeit nur die Eule (als Ges.m.b.H.) die rechtlichen Rahmenbedingungen, um hier einen Vertrag mit der TGKK für ein vernetztes Behandlungsangebot abzuschließen. Anderer Auffassung sind naturgemäß die Vertreter der niedergelassenen Therapeuten. Intern wird sogar von einer existenziellen Bedrohung gesprochen. Man befürchte, so Vertreter der Branche, dass viele Praxen zusperren müssen. Befürchtungen, die Heinz Hollaus nicht versteht: „Wir haben immer gesagt, schließt euch zusammen, schafft die rechtlichen Voraussetzungen für einen Vertragsabschluss und ihr habt die gleichen Möglichkeiten. Aber das wollen die niedergelassenen Therapeuten anscheinend nicht.“
Doch auch die Existenz der Eule dürfte immer noch nicht gesichert sein. Von den rund 700 Kindern, welche die Eule derzeit betreut, fällt ein großer Teil in die Zuständigkeit der TGKK. Zudem bekommt die Eule von der TGKK in der Mischkalkulation der verschiedenen Behandlungen rund 60 Euro pro Stunde und damit kann sie zumindest kostendeckend arbeiten. Und dieser Sachleistungsvertrag garantiert auch die volle Kostendeckung ohne Selbstbehalte für die Klienten. „Zudem beinhaltet das Angebot auch eine klinisch-psychologische Behandlung. Dabei müssen die Betroffenen nicht monatelang, so wie früher, auf einen Bescheid warten oder die Behandlung vorfinanzieren“, erläutert Hollaus.
Wie viele der von der Eule betreuten Kinder allerdings in die Zuständigkeit der TGKK­ fallen und wie viele in die des Landes, scheint nicht ganz klar zu sein. Zudem hat das Land die Tarife für die Eule auf 44 Euro gesenkt und den Selbstbehalt für die Betroffenen auf bis zu 25 Euro erhöht. Dazu heißt es aus der Abteilung Soziales lapidar: „In Entsprechung der Landesrechnungshofempfehlung, gleiche Leistungen gleich zu entlohnen, werden die Tarife der Eule (Ergotherapie und Logopädie) an das Niveau der freiberuflichen Therapeuten angepasst. Dieser Tarif entspricht jenem, den die TGKK an die Therapeuten zahlt.“ Zur Frage der Überlebensfähigkeit der Eule, deren Aus in Wahrheit eine enorm große Versorgungslücke verursachen würde, heißt es vonseiten des Landes: „Der neuen Geschäftsführerin der Eule wurde seitens der Abteilung Soziales geraten, andere potenzielle Kostenträger zu kontaktieren, da viele Klienten der Eule nicht in die Zuständigkeit der Behindertenhilfe fielen.“
Auch wenn die weitere Entwicklung derzeit absehbar ist, zeigt sich doch, dass die Notwendigkeiten in diesem Bereich noch nicht wirklich klar sind und viele Strukturen erst geschaffen werden müssen. Und damit wird vor allem eine Frage wichtig. Wie viel ist uns die Prävention wert? Denn diese definiert in Wahrheit zukünftige Kosten.

Die wollen ja nicht

Heinz Hollaus, stellvertretender Direktor der Tiroler Gebiets­krankenkasse, wehrt sich gegen Vorwürfe, die Eule würde bevorzugt.

ECHO: Der Vertrag der TGKK mit der Eule hat zu viel Aufregung bei Ergo- und Logotherapeuten geführt und es wird behauptet, dass die Eule schon wieder bevorzugt wird?
Heinz Hollaus: Grundsätzlich ist es so, dass derzeit nur die Eule die notwendigen Strukturen hat, um innerhalb der rechtlichen Rahmenbedingungen das von uns definierte Angebot umsetzen zu können.
ECHO: Niedergelassene Ergo- und Logotherapeuten sagen auch, dass die neue Situation ihre Existenz gefährdet.
Hollaus: Das glaube ich nicht. Schon deshalb, weil auch die Eule, trotz ihrer Größe, den Bedarf nicht stemmen kann. Und alle Niedergelassenen können mit uns einen normalen Kassen-Vertrag abschließen, dann gibt es für die Betroffenen auch keinen Selbstbehalt mehr und die von uns festgelegten Tarife sind dann durchaus reell.
ECHO: Warum war es nicht möglich, Rahmenbedingungen zu schaffen, die für alle Anbieter in diesem Bereich gleich sind?
Hollaus: Das stimmt nicht. Wir haben ein zusätzliches umfassendes interdisziplinäres Leistungsangebot definiert, das für die Betroffenen die bestmögliche Betreuung garantiert. Es geht dabei aber um die Rechtssicherheit. Wir haben den Vertretern der Branche gesagt, schließt euch zusammen. Wenn ihr einen Verein oder eine gGmbH gründet, dann können wir auch mit euch einen solchen Sachleistungsvertrag abschließen. Die wollen das aber nicht. In anderen Bereichen geht das. Man muss sich nur das Beispiel im Bereich der Schlaganfall-Rehabilitation in Landeck ansehen. Das funktioniert wunderbar. Es darf nicht um Eigeninteressen gehen, sondern um das bestmögliche Angebot für diejenigen, die Hilfe brauchen. Und das haben wir unserer Meinung nach mit dem neuen Modell geschaffen.
ECHO: Warum war eine Einigung mit dem Land Tirol nicht möglich?
Hollaus: Wir haben intensiv verhandelt und uns auch genau angesehen, wie dies in anderen Bundesländern gehandhabt wird. Wir wollten in erster Linie eine Anlaufstelle für alle Betroffenen schaffen und eine klar definierte Regelung, wer für was zuständig ist. Das Land beharrte aber auf einer 50/50-Lösung. Und da können wir nicht mit. Der Bedarf liegt in Tirol in etwa bei 2000 Klienten. Davon gehören aber rund 1400 in den Bereich Förderung bzw. Behindertenhilfe und damit in die Zuständigkeit des Landes.



Donnerstag, den 13. Dezember 2012 um 17:19 Uhr

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