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Medikamente sind keine Konsumgüter

Gefährlicher Online-Handel. Im Internet floriert der Handel mit gefälschten und illegalen Medikamenten. Der Kampf gegen diese Form der Kriminalität wird schon seit Jahren betrieben. Arzneimittel gehören in die Apotheken.

Online-Shopping wird immer beliebter. Heute findet man im Netz alles – von Büchern über Kleidung bis hin zu Elektrogeräten und Möbeln. Vor allem auch der Reisetourismus im Netz floriert. Das rege Interesse am Online-Handel spricht dafür, dass er offensichtlich einige Vorteile gegenüber dem konventionellen Handel aufweist. Und dennoch gibt es jede Menge Risiken und Nachteile, die keinesfalls außer Acht gelassen werden sollten.


VORTEILE ONLINE-HANDEL.
Zu den Vorteilen der Online-Shops zählt, dass sie rund um die Uhr geöffnet haben. Ebenso gibt es im Online-Handel keine Wartezeiten. Lange Schlangen vor Umkleidekabinen oder Kassen können ausgeschlossen werden. In Sachen Preisvergleiche stellt das Online-Shoppen eine attraktive Möglichkeit dar. Ein Vergleich in den Geschäften vor Ort gestaltet sich meist schwierig. Online jedoch gelingt es rasch, einen günstigeren Preis zu entdecken. Mode vom Laufsteg aus New York, Mailand oder Paris. Im Internet-Handel wird dies schnell zur Realität. Die Einkäufer sind nicht auf den österreichischen Markt beschränkt, sondern

können Produkte aus der ganzen Welt bestellen.


RISIKEN UND NACHTEILE.
Der Online-Handel birgt für den Kunden ebenso eine Reihe von Nachteilen. Der fehlende physische Kontakt mit den Produkten kann durch kein auch noch so gutes Foto ausgeglichen werden. Vor allem, wenn es darum geht, Produkte aus dem Hochsegment zu erwerben, möchte man zumindest vorher erspüren können, ob der Artikel auch hält, was er verspricht. Und bei den Online-Shops fehlt der direkte und persönliche Kontakt zu qualifiziertem Verkaufspersonal. Ein wichtiger sozialer Aspekt, auf den man verzichten muss. Nicht immer gegeben ist auch die Sicherheit bei der Zahlungsabwicklung und Reklamationen können sich schwieriger gestalten als in einem Geschäft direkt vor Ort.
Im Internet findet man zahlreiche Online-Shops, die vermeintliche Markenprodukte und Designer-Kleidung zu sehr günstigen Preisen anbieten. Obwohl die Websites oft über eine Internetadresse mit .at- oder .de-Endung verfügen und in Deutsch verfasst sind, wird die Ware etwa aus Asien verschickt und stellt sich als gefälscht heraus. Wollte man eine Markentasche oder einen Markenpullover erwerben und erhält stattdessen gefälschte Ware, ist das zwar sehr ärgerlich, gefährlich aber wird die ganze Sache, wenn man beispielsweise gefälschte Medikamente erwirbt.


ORGANISIERTE KRIMINALITÄT.
Arzneimittel zu fälschen und über das Internet anzubieten, hat sich zu einem sehr lukrativen Geschäft entwickelt, das fest in der Hand der organisierten Kriminalität ist. International bekannt ist dieses Phänomen unter dem Begriff „Pharmaceutical Crime“. Von der Anonymität geschützt, verwenden skrupellose Fälscherbanden das Internet als Umschlagplatz für gefälschte Waren. Sie stellen ein großes Problem für die Gesundheit der Österreicherinnen und Österreicher dar. „95 Prozent der von den österreichischen Behörden aufgegriffenen Medikamente, die im Internet bestellt und per Post zugesandt werden, sind Fälschungen oder Substandard“, erklärt Wolfgang Lanner, der Landesgruppen-Obmann des Österreichischen Apothekerverbandes in Salzburg, im Interview mit ECHO. Konsumenten können die Gefahren, die von diesen Arzneimitteln ausgehen, jedoch kaum abschätzen. Das Potenzmittel Viagra beispielsweise ist nicht ganz ungefährlich. Vor allem die im Internet verkauften Pillen bergen Risiken, da sie häufig einen falschen Wirkstoff enthalten oder falsch dosiert sind. „Der Wirkstoff von Viagra beeinflusst den Blutfluss und damit das Herz-Kreislaufsystem. Für Männer mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist das Medikament daher nicht geeignet und kann fatale Folgen entwickeln“, sagt Wolfgang Lanner. Er hält fest, in Österreich sei es illegal, rezeptpflichtige Arzneimittel online zu verkaufen. Allerdings wisse rund die Hälfte der Österreicher nicht, dass der Verkauf von rezeptpflichtigen Medikamenten im Internet verboten ist.


KAMPF GEGEN FÄLSCHUNGEN.
Im Internet floriert der Handel mit gefälschten Medikamenten. Regelmäßige länder- und kontinentübergreifende Überwachungsaktionen sollen daher im Kampf gegen diese Form der Kriminalität helfen und zum Schutz der öffentlichen Gesundheit beitragen. Die internationale Kriminalpolizeiorganisation Interpol forciert daher den globalen Kampf gegen Medikamentenfälschungen. In deren Rahmen ist die Schaffung eines Interpol „Pharmaceutical Crime Programme“ vorgesehen, das sich auf die Prävention von Arzneimittelkriminalität sowie die Bekämpfung des organisierten Verbrechens fokussiert. Interpol ist aber auch schon seit längerem im Kampf gegen Medikamentenfälschungen aktiv und führt beispielsweise seit mehreren Jahren die „Operation Pangea“ durch. In Österreich beteiligten sich daran das Bundeskriminalamt, die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) und der österreichische Zoll. Die Operation Pangea IX aus dem Sommer 2016 untermauerte die hervorragende Zusammenarbeit zwischen nationalen und internationalen Behörden sowie Agenturen.


SUBSTANZEN SICHERGESTELLT.
Die Operationen haben neben der Sicherstellung von gefälschten Präparaten vor allem die Ausforschung von Herstellern und Händlern sowie die Schließung von kriminellen Anbieter-Websites zum Ziel. Darüber hinaus soll die Öffentlichkeit durch das Projekt auf Risiken beim Arzneimittelkauf im Internet aufmerksam gemacht werden. Die polizeilichen Ermittlungen wurden in der Zentralstelle für Doping-, Arzneimittelkriminalität und Wettbetrug im Bundeskriminalamt koordiniert. „Diese eigens installierte Stelle ist die österreichische Drehscheibe zur Bekämpfung der Arzneimittelkriminalität“, so Innenminister Wolfgang Sobotka. „Denn gerade im Bereich des Internets braucht es einen engen sowohl nationalen als auch grenzüberschreitenden Behördenaustausch und derartige erfolgreiche internationale Operationen wie Pangea.“
Im Zuge dieser Aktion konnte die Polizei im Vorjahr Querverbindungen zu bereits in ganz Europa anhängigen Verfahren gegen organisierte kriminelle Verbindungen herstellen. Bei den Recherchen wurden 19 verdächtige Internetanbieter ausgeforscht und die Schließung der Seiten über Interpol initiiert. In Kärnten konnte ein sogenanntes Untergrundla-bor zur Herstellung von Wachstumshormonen und Stereoiden ausgeforscht werden. Bei mehreren Hausdurchsuchungen wurden große Mengen an sowohl fertigen Dopingpräparaten und Arzneimittelwirkstoffen als auch entsprechende Gerätschaften zur Herstellung dieser verbotenen Substanzen sichergestellt.


UNSERIÖSE ANBIETER.
Unseriöse Anbieter nutzen das Internet für kriminelle Machenschaften und bieten über gefakte Apotheken-Websites und aggressive Werbeangebote per Mail rezeptpflichtige Medikamente an. Vor allem Potenzmittel, Schlankheitsprodukte oder Muskelaufbaupräparate. Dabei werden größtenteils nicht zugelassene, aus dem Verkehr gezogene oder sogar gefälschte Arzneimittel verschickt.
Die Produkte werden von der Fälscher-Mafia oft unter schlimmsten hygienischen Bedingungen hergestellt. Sie sind mit Staub, Straßenfarbe, Giften und Abfall verunreinigt und werden über illegale Websites als vermeintliche sichere Arzneimittel in die ganze Welt verkauft. „Eine Fälschung ist für die Kunden allerdings mit freiem Auge oft nicht vom Original zu unterscheiden. Im besten Fall ist sie für den Betroffenen wirkungslos, im schlimmsten Fall gesundheitsschädigend oder sogar tödlich“, sagt Wolfgang Lanner.


MEDIKAMENTE GEHÖREN IN APOTHEKEN.
„Vielen Internetanbietern geht es bei Medikamenten nur darum, die Bestseller und dabei möglichst viel zu verkaufen. Wir Apotheker haben ein ganz anderes Motto beim Medikamentenverkauf: So viel wie unbedingt nötig und so wenig wie möglich. Das sind wir unserem Expertenstatus schuldig. Internet-
shops orientieren sich an ganz anderen Wertschöpfungskriterien“, sagt Lanner. Er vertritt die Meinung, Arzneimittel seien Waren besonderer Art und keine Konsumgüter. Medikamente gehören in die Apotheken, weil der verantwortungsvolle und kritische Umgang mit Medikamenten für die Gesundheit der Patienten äußerst wichtig ist.

Christian Granbacher

Mittwoch, den 14. Juni 2017 um 09:40 Uhr

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