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Helden werden gemacht

Mythos. Eine Spurensuche zum Thema Mythos haben Florian Grünmandl und Siegfried Steinlechner unternommen und dafür Persönlichkeiten befragt. Es geht in „Eine Mythosreportage" natürlich um Andreas Hofer und 1809 - aber es geht auch um mehr.

Der eine fährt zum Reden mit dem Lift nach oben, der andere nimmt im Keller Platz. Der eine klemmt sich auf einen Barhocker ohne Lehne und stützt seine Arme auf einen runden Tisch mit weißer Decke. Bequem sieht das nicht aus. Im Hintergrund die massive Nordkette und das Panorama von Innsbruck. Der andere sitzt auf einem futuristisch anmutenden Stuhl mit Metallrahmen, hoher Lehne und Lederbezug an einer U-förmigen Tafel, vor sich ein Glas Wein und im Hintergrund grober Fels. Südtirols Landeshauptmann Luis Durnwalder wählte als Schauplatz für die Film-Aufzeichnungen den „Felsenkeller" des landeseigenen Weinguts Laimburg, eine Art moderner Rittersaal, und zeigt: Hier wird geklotzt und nicht gekleckert. Tirols Landeshauptmann Günther Platter begab sich in das Restaurant auf der Schanze am Bergisel. Das neue Wahrzeichen Innsbrucks klebt an traditionsgeschwängertem Boden.
Platter und Durnwalder sind nur zwei Persönlichkeiten, die im Film „Eine Mythosreportage" Rede und Antwort stehen. Insgesamt fast 40 Personen aus Tirol und Südtirol haben die beiden Filmemacher Florian Grünmandl und Siegfried Steinlechner vor die Kamera gebeten - vom ehemaligen EU-Kommissar Franz Fischler bis zum Theologen Roman Siebenrock, von der Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg, Esther Fritsch, bis zur Ritualforscherin Johanna Neussl. Den Ort durften die Interviewpartner selber wählen, der Fragenkatalog war - bis auf einige Details - vorgegeben. Es ging darum, zu erfahren, was ein Mythos ist, wie er entsteht, und was ihn ausmacht.
Natürlich ging es dabei viel um Andreas Hofer und 1809 und darum, was das Tirolertum eigentlich ist. Doch es ging auch um die Rolle der Frauen in der Geschichte, um mythische Berge und (religiöse) Riten, um das Judentum in Tirol und um Ausgrenzung.
Aus dem umfangreichen Interview-Material (viele Gespräche dauerten mehr als eine Stunde) haben Steinlechner und Grünmandl einen 75-minütigen Film montiert, in dem sie thematisch gebündelt die Gesprächspartner im O-Ton zu Wort kommen lassen. Er heißt „Eine Mythosreportage" und zeigt, wie weit auseinander Zugänge zu Mythen und Weltanschauungen liegen können. Er zeigt, dass es nicht DIE Antwort, DAS Tirolertum, DEN Andreas Hofer gibt - auch wenn einige immer noch ganz selbstverständlich von „Leitkultur" (Andreas Khol, ÖVP) und „Scholle" (Otto Sarnthein, Landeskommandant der Tiroler Schützenkompanien) sprechen.
Leidkultur. „Jeder Mensch braucht Geschichten und Mythen, um sich zu verorten, zu beheimaten, und jeder saugt sie schon mit der Muttermilch ein", so Steinlechner. Schon allein die Frage, was ein Mythos eigentlich ist, brachte Antworten, die so unterschiedlich sind wie die Bergkuppen in Tirol. „Ein Mythos ist die Erklärung der Welt über das Wissenschaftliche und das Rationale hinaus. Es ist das, was man nicht erklären kann, das macht die Faszination Mythos aus", sagt Brigitte Fassbaender, Intendantin des Tiroler Landestheaters, vor verschwommenem Hintergrund. „Sehr viele Mythen haben eines gemeinsam, die Niederlage", sagt Anton Pelinka, lange Jahre Professor am Institut für Politikwissenschaft an der Uni Innsbruck. Er sitzt in einem braunen Fauteuil und verströmt altväterlichen Charme, doch die Analysen des 68-Jährigen sind geschliffen wie eh und je. Als Beispiele nennt er unter anderem die „Schlacht am Amselfeld" 1389, die für die Serben zum schicksalhaften Ort ihrer Geschichte wurde, und die „Schlacht am Weißen Berg" 1620, bei der sich das böhmische Heer dem habsburgischen geschlagen geben musste. Und er nennt 1809. „Das Jahr 1809 ist eine kleinere Variante einer Lust an der Niederlage. Diese Mythen haben gemeinsam, dass sie einen Schmerz verewigen und immer wieder in Erinnerung rufen wollen."
Das Tiroler Heldendenkmal, der Tiroler Gedächtnisort ist die Hofkirche in Innsbruck. Dort stehen nicht nur die sogenannten „Schwarzen Mander", unter denen bezeichnenderweise auch Frauen sind, dort steht auch das Andreas-Hofer-Grabmal. Dort liegt der „Tiroler Nationalheld" begraben, der 1810 in Mantua erschossen wurde und dessen sterbliche Überreste 1823 in einer Nacht- und Nebelaktion nach Innsbruck geschafft wurden. Das Denkmal erhebt sich abseits der überlebensgroßen Bronzefiguren, ist aus weißem Marmor und steht damit in starkem Kontrast zu den anderen. Bei der Kranzniederlegung am 20. Februar 2009 machten Durnwalder und Platter hier ernste Gesichter, während rundherum Kameras aufblitzten. Danach gab es ein Schnäpschen.
Derartige Einblendungen strukturieren die „Mythosreportage" nicht nur inhaltlich, sie sind auch wortlose Kommentare zur Verbindung von Mythos und Macht und politischer Instrumentalisierung. Dabei entfalten solche Filmsequenzen eine ganz besondere Kraft, machen nachdenklich. Etwa wenn blutjunge Schützen mit unbeweglichen Gesichtern im strömenden Regen stehen, ihnen Tropfen über die Wangen und von der Nase perlen, während die Politiker geschützt unter schwarzen Regenschirmen Einvernehmen und gute Laune signalisieren. Zuweilen sind die Bilder erschreckend martialisch und entlarvend komisch zugleich. Wenn zackige Schützen Schulter an Schulter und mit kühler Entschlossenheit im Blick auf Kommando ihre Gewehre hochreißen, in die Luft ballern und der Kommandant dann ein markiges „Kompanie ruht!" nachwirft, dann kann einem schon der kalte Schauer über den Rücken laufen. Wenn derselbe Kommandant in den Nachhall hinein freudig „Schnaps!" schreit und die Marketenderinnen eilig die Gläser füllen, dann beginnt beim Zuschauer unweigerlich das Zwerchfell zu beben. Doch zum Lachen ist das eigentlich nicht.
Das sind keine gestellten Szenen, es sind Rituale, die von den Ausführenden in ihrer Aussage nicht hinterfragt werden, weil es Tradition ist, so und nicht anders. Die Kamera ist sozusagen einfach „draufgeblieben", manchmal hat dabei auch der Zufall Regie geführt. Die Schnitte im Film „Eine Mythosreportage" fallen allerdings nie zufällig - und hie und da sind sie von köstlicher Frische.

Unsexy. Paul Bacher, Landeskommandant des Südtiroler Schützenbundes (SSB), steht im Büro des SSB in Bozen, er trägt eine graue Strickjacke und eine altmodische Brille. Links von ihm ein Kopierer, hinter ihm hängt ein Bild von Andreas Hofer mit Fahne. Bacher spricht von der Hoffnung, die man nicht aufgeben darf und der Vision eines vereinten Tirol. „Des is alles Schnee von gestern. Heute sind wir in einem vereinten Europa, da brauchen wir über Staatsgrenzen nicht mehr zu reden", winkt Andreas Khol in der nächsten Filmsequenz ab, und das wirkt, als würde er direkt auf Bachers Worte reagieren. Was natürlich nicht so ist. Dabei hat der ehemalige Nationalratspräsident im pastellweichen Pulli beinharte Vorstellungen, wie „DER Tiroler" ist und zu sein hat, nämlich „bodenständig, heimatverbunden, gläubig, verantwortungsbereit". Und so sagt der Koordinator des heurigen Landesfestumzugs: „Es hat ja einen Grund, warum die jungen Leut, Mädln und Burschn, bei den Schützen sind, dass sie bei der Musig sind, dass sie bei den Trachtlern sind, das ist ja das halbe Land Tirol. Das zeigt ja, dass die Haltlosen, die Suchenden, die Gescheiterten eine verschwindende Minderheit sind."
Zu dieser anderen Hälfte der verschwindenden Minderheit gehört da wohl auch die Ritualforscherin Johanna Neussl. „Ich durfte nicht ministrieren und ich durfte - zu meiner Zeit - nicht zur Blasmusik, obwohl ich ein Instrument gespielt habe. Das heißt, ich war von dem, was die Identität, also was das Tirolerische eigentlich ausmacht, ausgeschlossen. Ich habe als Frau da nicht dazugehört", sagt sie. Frauen spiel(t)en nicht nur in der Tiroler Geschichtsschreibung, in der Erinnerung an 1809 keine Rolle, auch in der Geschichte des Alpinismus wurden die Pioniertaten von Bergsteigerinnen lange einfach tot geschwiegen. „Die ganze alpine Sprache ist durchzogen von militärischen Vokabeln: Man erobert einen Berg. Man nimmt ihn in Besitz. Man wählt die Waffen, um ihn zu besiegen", sagt Michael Larcher, Ausbildungsleiter des Österreichischen Alpenvereins. Schon allein deshalb rückten die Leistungen, die weibliche Alpinistinnen vollbracht haben, in den Hintergrund. Der Berg ist männlich besetzt und damit der Mythos von Freiheit.
Der alpine Raum als letzter Ort, wo der Mensch seinen Freiheitsdrang ausleben kann, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung aber ebenso als Mythos wie der von den heldenhaften allein für eine gute, für eine gerechte Sache kämpfenden Tiroler 1809. „Die Juden haben eher darunter gelitten. Man hat ihnen vorgeworfen, dass sie mit den Franzosen kollaborieren", sagt Esther Fritsch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg. Für sie brachte Napoleon die Aufklärung, stand für Liberté, Egalité und Fraternité. „Das war natürlich für die Juden, die nicht gleichberechtigt waren, die immer unterdrückt waren, Ideen, die ihnen gefallen haben", sagt sie. Auch sie hat den Ort für die Aufzeichnungen des Gesprächs selbst gewählt. Esther Fritsch sitzt in der Synagoge in der Innsbrucker Sillgasse, hinter ihr das erhöhte Pult und der Thoraschrein, links der silberne Chanukkaleuchter. Erst 1993 wurde das Bethaus eingerichtet und kehrte damit an jenen Platz zurück, wo es 1910 errichtet worden war.
Auch das ist Tirol und noch vieles mehr. Der Film „Eine Mythosreportage" liefert viele Anregungen, sich damit zu beschäftigen.Susanne Gurschler

Montag, den 11. Mai 2009 um 14:09 Uhr

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