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Die 1.800 Meter Wand

klettern.jpgTragödie. Am 22. Juli jährt sich der Todestag Eduard Rainers zum 73. Mal. Der Salzburger war einer von vier jungen Kletterern, die im Juli 1936 die Erstbesteigung der Eiger Nordwand versuchten. Mit fatalen Folgen.

Es schien gut zu gehen. „Wir steigen direkt ab. Alles wohlauf", hatten die Bergsteiger dem Streckenwärter Albert von Almen zugerufen. Dieser trat von der Stollentür wieder in seine Behausung und stellte einen Riesentopf mit Teewasser für die erschöpften jungen Männer auf. Von Almen war Streckenwärter der Jungfraubahn, die sechs Kilometer durch den Eiger fährt, bevor sie zu einem Stollen gelangt, der eine wunderbare Aussicht bietet. Doch dann kam alles anders. Die Tragödie begann.

Kühnheit. 1936 starteten die bayerischen Gebirgsjäger Andreas Hinterstoisser und Toni Kurz, um als erste die berüchtigte Eiger Nordwand zu bezwingen. Während des Aufstiegs schlossen sie gemeinsam mit dem Tiroler Willy Angerer und dem Salzburger Edi Rainer, die sich ebenfalls in der Wand befanden, eine Vierer-Seilschaft. Die beiden Letztgenannten waren Mitglieder der damals in Österreich verbotenen SA. Was sich in den Tagen zwischen dem 18. und dem 22. Juli abspielte, ging später als größtes und furchtbarstes Drama in die Eiger-Nordwand-Geschichte ein. In den 1930er Jahren gab es ein enormes Interesse der Öffentlichkeit an den Versuchen, die Wand erstmals zu bezwingen. Die damalige Berichterstattung der Zwischenkriegszeit baute auf eine „kämpferische Wortwahl": „Die Belagerung im vollen Gange", „Gefechtspause am Eiger", „Der erste Angriff ist abgeschlagen", titelten die Printmedien. Der Volksmund sprach von der „Eiger-Mordwand". Eine Bezeichnung, die leider nicht von ungefähr kam. Die Wand, die das von Norden und Nordwesten heranstürmende Wetter als erste abfängt und festhält, hatte acht Menschen das Leben gekostet, bevor die Erstbesteigung gelang.
Die versierten Bergsteiger Kurz, Hinter­stoisser, Angerer und Rainer begannen flott und begeisterten die zahlreichen Reporter, Touristen und Bergführer, die sich auf den Aussichtsterrassen der Hotels „Bellevue" und „Des Alpes" direkt gegenüber an Fernrohren bedienten. Unter der Passage „Rote Fluh" machte Hinterstoisser einen 40 Meter langen Quergang zum ersten Eisfeld. Nachdem sie diesen passiert hatten, trafen die Bergsteiger eine fatale Entscheidung. Sie zogen das Seil, das ihnen den Rückweg gesichert hätte, wieder ab. Die Wende hin zur Tragödie tritt ein, als der Tiroler Angerer unterhalb des ersten Biwakplatzes von einem Stein am Kopf getroffen wird. Die anderen halfen dem verletzten Österreicher nach oben zur ersten Rast. Die Vier schafften es, fast die Hälfte der Wand an nur einem Tag hinter sich zu bringen. Am nächsten Morgen beeinträchtigten Nebel und schlechtes Wetter die Sicht der Schaulustigen in den gegenüberliegenden Hotels. In der Früh des nächsten Tages, des 20. Juli, folgte für die Beobachter die Ernüchterung. Nur 200 Höhenmeter schien die Seilschaft gewonnen zu haben. Kurz und Hinterstoisser stiegen noch hoch bis zum Todesbiwak, bevor sie wieder umdrehten. Alle vier schienen den Entschluss gefasst zu haben, den verletzten Angerer zurück ins Tal zu bringen.

Kein Zurück. Das Wetter wurde stetig schlechter. Die Zaungäste der versuchten Erstbesteigung sahen Andreas Hinter­stoisser bei seinen verzweifelten Pendelversuchen, den Quergang zurück zu meistern. Er schaffte es nicht, die mittlerweile völlig vereiste Stelle zu passieren. Heinrich Harrer, dem am 24. Juli 1938 zusammen mit Andreas Heckmair, Ludwig Vörg und Fritz Kasparek die Erstbesteigung der Eiger Nordwand gelingen sollte, schreibt in seinem Buch „Die weiße Spinne": „Der Schlüssel ist abgezogen, das Tor zurück zugeschlagen." Die Seilschaft versuchte, um der lebensgefährlichen Falle zu entgehen, sich über unbekannte Abgründe abzuseilen. Nebel, peitschender Sturm und starker Schneefall erschwerten die Situation zusätzlich. Der Streckenwärter Albert von Almen rief von einem Stollenloch der Jungfraubahn aus immer wieder zu den 200 Metern schräg über ihm Hängenden. Die Bergsteiger schienen der Rettung nah zu sein. Von Almen eilte in sein Quartier, um den jungen Männern Tee zu kochen. Zwei Stunden später waren die Alpinisten immer noch nicht aufgetaucht. Der Streckenwärter ging erneut zum Stollenloch. Er hörte gellende Hilferufe. Schweizer Bergführer stiegen vom Stollenloch aus in die Wand ein und wollten einen Rettungsversuch starten. Trotz widrigstem Wetter schafften sie Sicht- und Rufkontakt zu Toni Kurz. Er ist bis dahin der einzige Überlebende der Vierer-Seilschaft. Hinterstoisser scheint abgestürzt zu sein, Angerer wurde beim Sturz vermutlich vom Seil stranguliert. Der Salzburger Eduard Karl Rainer ist erfroren. Toni Kurz konnte weder hinauf noch hinunter, da er nicht genug Seil und keine Haken mehr hatte. Eine Hand war erfroren, da er einen Handschuh verloren hatte. Die Retter konnten aufgrund des schlechten Wetters und der nahenden Dunkelheit momentan nichts für Kurz tun. Sie redeten ihm gut zu, noch eine Nacht im Seil hängend zu überstehen. Eine halbe Stunde lang schrie der Bayer verzweifelt um sein Leben. Schreie, die die Bergführer während ihres Rückzugs zum Stollenloch hörten. Am nächsten Morgen stießen sie wieder zu Kurz. Er lebte noch. Die Schweizer kamen bis auf 40 Meter an ihn heran und sagten Toni Kurz er müsse eine Schnur herunterlassen, damit sie ihm das rettende Seil hinaufgeben könnten. Kurz kletterte darauf zum toten, am Sicherungsseil hängenden Willy Angerer hinunter und schlägt ihn mit dem Pickel vom Seil ab. Danach klettert er hoch zum leblosen Edi Rainer und schlägt von oben das Seil ab. Mit einer Hand und seinen Zähnen drehte er den steif gefrorenen Strick in Einzelstränge auf, um sie danach miteinander zu verknoten. Die Bergführer gaben ihm daran das Seil hoch. Der mühevolle Abseilakt begann. Plötzlich, nur wenige Meter über den Bergführern hängend, hielt Kurz inne. Der Verbindungsknoten der beiden Seile steckte fest. Er passte nicht mehr durch den Karabiner. „Ich kann nicht mehr", sind die letzten Worte des Bergsteigers. Toni Kurz starb am Seil hängend an Erschöpfung.

Noch ein Drama. Drei Tage nach dem Tod der vier jungen Bergsteiger, die alle Anfang bis Mitte Zwanzig waren, erließ die Regierung des Kantons Bern ein Besteigungsverbot der Eiger Nordwand. Dieses war rechtlich nicht haltbar und wurde im November 1936 wieder aufgehoben. Die alpinen Rettungsstationen wurden jedoch von ihrer Pflicht zur Hilfeleistung an der Eiger Nordwand entbunden. Bis heute sind in der Schweizer Wand knapp 60 Menschen gestorben.
Im Jahr 1937 sollte es zu einer weiteren Tragödie auf dem Eiger kommen. Die beiden Salzburger Bergsteiger Franzl Primas und der 19-jährige Bertl Gollackner machten sich auf den Weg. „Und wieder ist die Wand böse", schreibt Heinrich Harrer. Schlechtes Wetter zwingt die Bergsteiger zum Biwakieren. Nach vier Tagen erfriert Bertl Gollackner. Franzl Primas wird mit erfrorenen Füßen geborgen.
Der Grabstein Eduard Rainers befindet sich derzeit in einem Depot der Sektion Salzburg des Österreichischen Alpenvereins. „Wir wurden vor drei Jahren verständigt, dass das Grab aufgelöst wird und da die Sektion draufsteht, ist man auf uns gekommen", erklärt dazu der 1. Vorsitzende der Sektion, Heinz Slupetzky.


Christian Granbacher

Mittwoch, den 01. Juli 2009 um 01:00 Uhr

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