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Stiller Held im weißen Schweigen

Bergsteigerlegenden. Die Geschichte des Norman G. Dyhrenfurth liest sich wie ein Epos über drei Generationen. Der heute 90-Jährige blickt auf enthaltsame Kriegsjahre, schicksalhafte Begegnungen mit den größten Film- und Politgestalten der Welt und nicht zuletzt auf seine wegweisenden Himalaya-Expeditionen zurück.

Die Frage stellt sich unweigerlich: Lässt sich ein Beinahe-Jahrhundertleben auf wenige Seiten zusammenfassen? Mag sein, wenn man sich darauf beschränkt, die Heldentaten der Person hervorzustreichen und den Rest nur am Rande streift. Im Falle von Norman G. Dyhrenfurth ist dies eine Gratwanderung, weil seine Himalaya-Expeditionen in eine Zeit fielen, in der der Nationalsozialismus die Welt darnieder legte, der Held sich über Kontinente bewegte und weil Norman Dyhrenfurth auch ein Stück Filmgeschichte mitgeschrieben hat. Wo also beginnen? Am besten im Jahre 1918, als Norman G. Dyhrenfurth in Breslau, dem damaligen Schlesien, auf Schloss Carlowitz geboren wurde. Als ältester Sohn des Geologen, Paläentologen und Bergforschers Günter Oskar Dyhrenfurth und seiner Gattin Hettie, eine faszinierende Frau aus wohlhabendem Haus, die bereits mit 14 Jahren die schlesische Meisterschaft als Tennisspielerin gewann. Später dann sollten Deflation, Weltwirtschaftskrise und der Börsencrash von 1929 das Vermögen der Dyhrenfurths fast zur Gänze vernichten und die Familie auswandern lassen, zuerst nach Salzburg, dann in die Schweiz. Ihre  Expeditionsträume und den Wettstreit um die höchsten 8000er im Himalaya-Gebirge – damals war Extrembergsteigen ja von großer nationaler Bedeutung – gab das ungewöhnliche Paar aber nie auf: So entstanden mehrere Filme und Bücher, mit denen Hettie nach Amerika zu Vortragsreisen aufbrach: „Meine Mutter hielt den Weltrekord als ‚höchste Frau‘, in den USA wurde sie dafür sogar von Präsident Roosevelt geehrt“, erzählt Norman Dyhrenfurth. In der Schweiz war sie hingegen nur die Frau des Professors. Wohl deshalb, aber auch, weil Hettie den Zweiten Weltkrieg herannahen sah, kehrte sie nie wieder zurück. Mithilfe von Norman G. Dyhrenfurth entstand im Jahre 2007 die mehrfach ausgezeichnete Dokumentation „Zum Dritten Pol“ – eine Familiensaga à la Forsythe über die Expeditionen und Filme der Dyhrenfurths des vergangenen Jahrhunderts, teilweise begleitet und gefilmt von Norman Dyhrenfurth. Denn, so wie die Eltern erfasste auch den Sohn schon bald die Leidenschaft für die höchsten Gipfel der Erde.

Zum Thron der Götter. Mit 19 folgt Norman – der sich sein erstes Geld als Kameraassistent unter der umstrittenen Regisseurin und Schauspielerin Leni Riefenstahl bei der Vorolympiade in Garmisch Partenkirchen verdient – der Mutter in die Staaten und arbeitet kurzfristig bei einer Börsenfirma: „Wilde Nazis waren das“, erinnert sich der Vielgereiste. Doch ihn – Dyhrenfurth – hätten sie genommen, „weil ich kein Jude war“. Die vererbte Zielstrebigkeit hiefte den schweiz-amerikanischen Doppelstaatsbürger innerhalb kürzester Zeit in die unterschiedlichsten leitenden Funktionen: Vom Bergführer wird Dyhrenfurth Offizier in der Armee während der Kriegsjahre, später dann zum Chef der Filmabteilung einer New Yorker Filmgesellschaft sowie zum Leiter der Abteilung Kinematographie an der Universität Kalifornien ernannt. Dort lässt er sich einen Schnurrbart wachsen. „Weil ich teilweise jünger als die Studenten war.“ Die Anerkennung hatte er dennoch sicher, weil der Mann aus fernen Landen ein Fachmann auf seinem Gebiet war. 1952  erhält Dyhrenfurth die Einladung, als Kameramann und Fotograf an einer Schweizer Mount-Everest-Expedition teilzunehmen. Der Gipfel wurde zwar nicht erreicht, doch die Sehnsucht nach den 8000ern lässt den passionierten Bergsteiger nie mehr los. Zurück im grauen Alltag am Schreibtisch des Departments für Theaterwissenschaften erscheinen sie ihm unentwegt, die Bilder aus dem Himalayagebiet: die wettergegerbten fröhlichen Gesichter der Sherpas, die sturmgepeitschten Berggestalten irgendwo im Nirgendwo zwischen mächtigen Felsen und undurchsichtigem Schneegestöber, und doch immer den Gipfel im Auge: „Der Everest hat mein Denken umgestellt, irgendetwas ist da oben mit mir passiert“, schrieb Dyhrenfurth in seinen Memoiren. So brauchte es nur den Sekunden-Bruchteil einer Überlegung, um seine leitende Funktion fristlos zu kündigen und sich drei Jahre lang auf die große Internationale Himalaya-Erstbesteigung zum Lhotse vorzubereiten, als Leiter der Expedition und wie so oft unter der schweren Last seiner Filmkamera. Die Mission misslang zwar, doch sie ebnete in Folge den Weg für weitere Expeditionsrekorde. Den Höhepunkt in Norman Dyhrenfurths Leben stellt jedoch zweifellos das Jahr 1963 dar – jenes Jahr, in dem US-Präsident Kennedy die denkwürdigen Worte „Ich bin ein Berliner“ vor dem Rathaus Schöneberg sprach und wenige Monate später erschossen wurde, das Jahr, in dem das Verbot von Atomwaffentests unterzeichnet und Nelson Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. In diesem Jahr überschreitet die erste amerikanische Expediton unter Dyhrenfurths Leitung einen Achttausender auf einer neuen Route, dabei entstehen die ersten Filmaufnahmen des Mount Everest. Der Tag sollte in die Geschichte eingehen, als die Mannschaft nach ihrer Rückkehr von John F. Kennedy die selten verliehene Hubbard-Medaille entgegennimmt. „Die American Mount Everest Expedition 1963 war seiner Zeit um Jahre voraus“, schrieb der bekannte Bergsteiger Toni Hiebeler. Die Finanzierung sei beinahe so unmöglich gewesen wie eine Karl-Marx Statue vor dem Weißen Haus aufzustellen“, erläutert Dyhrenfurth, eine halbe Million Dollar habe man dafür hinblättern müssen, was damals enorm viel Geld war. Acht Jahre später wiederholte sich die Expedition mit 24 Bergsteigern aus zehn Nationen und wurde von der BBC verfilmt. Doch das Unternehmen geriet zum Desaster, ein Mitglied starb, weitere erkrankten an einem schweren Virus. Das Unternehmen scheiterte laut Dyhrenfurth aber nicht zuletzt an der Eigenmächtigkeit der Beteiligten: „Einige Nationalitäten hatten Werbeverträge abgeschlossen, von denen ich nichts wusste“, erinnert er sich. Mit diesem Egoismus kam Dyhrenfurth nicht zurecht. Der Amerikanische Traum des Norman Dyhrenfurth sollte sich nur bedingt erfüllen.

Frage der Ehre.
Unter Dyhrenfurths Anleitung entstanden in Folge aber zahlreiche Filme mit Hollywoodgrößen wie Clint Eastwood und Sean Connery, so etwa „Die Eiger Sanction“ und „Five Days One Summer“, viele davon wurden bei späteren Bergfilmfestivals ausgezeichnet. Welche Qual aber muss es für Norman Dyh-
renfurth gewesen sein, die anderen auf jenen Gipfeln zu sehen, auf denen er der Wegbereiter war? Und: Muss es dem Herzblut-Alpinisten angesichts der gegenwärtigen Entwicklung hin zum kommerziellen Höhenbergsteigen nicht kalte Schauer über den Rücken jagen? Hier übt sich der Mann in Demut, was sicherlich auch ein Tribut an die Weisheit des Alters ist. „Es ist aber schon verheerend, was passiert. Früher waren wir noch eine Seilschaft, heute sind das zumeist Geschäftsleute, die ohne Rücksicht ihr eigenes Tempo gehen, kein Wunder, dass überall die Toten herumliegen“, lässt er sich dann doch entlocken. „Wir kletterten nicht nur über die Rücken unserer Kameraden, wir standen auf ihnen, um den Gipfel zu erreichen“, liest man dazu in Dyhrenfurths Büchern. Er selbst sei jedesmal völlig pleite von den Expeditionen heimgekehrt. Da hätten auch die zahlreichen Auszeichnungen im Ausland kein Geld, sondern nur Ehre gebracht. Und in Österreich blieb ihm beides überhaupt bis zum heutigen Tag verwehrt. Das hiesige Fernsehen übersah den großen Hünen bis dato geflissentlich, nur ein einziger Film des Mannes, der von Extrembergsteiger Reinhold Messner als Ikone des Höhenbergsteigens bezeichnet wurde, Ehrenmitglied des bedeutenden Explorers Club in New York ist und seit 30 Jahren in Salzburg lebt, wurde bis dato gezeigt. Einzig das Bergfilmfestival im Salzburger Das Kino würdigt seit Jahren die Verdienste des Schweiz-Amerikaners. Dort wird Dyhrenfurth auch im November einen neuen Spielfilm über die Eiger Nordwand besprechen.

Wilde Kerle. Unglaubliche 90 Jahre ist der Mann mit dem markanten Kinn und noch heute sieht er aus wie ein Filmstar, ein alternder freilich. Auch wenn ihm von Zeit zu Zeit die Erinnerungen entgleiten, so wirkt Dyhrenfurth rüstiger als so manch 50-Jähriger. Damit hat er mit Männern wie Luis Trenker und Heinrich Harrer zwei Dinge gemeinsam: Sie alle waren Bergsteigerlegenden und sie alle erreichten ein hohes Alter. Auch von seiner damaligen amerikanischen Bergmannschaft – darunter Ärzte, Psychologen und Wissenschaftler – sind noch einige am Leben. Ob es die Aura der Berge war, die ihn so alt hat werden lassen? Da zuckt er nur mit den Achseln. Tatsache ist aber, dass auch seine Familie sehr alt wurde: Bruder und Schwester starben beide mit 92, der Vater mit 89, die Mutter mit 80, ihre Asche sei über dem Bay von Los Angeles verstreut, sagt Dyhrenfurth. Viel eher ist es da wohl das Verantwortungsgefühl gegenüber dem eigenen Leben und dem der Kameraden gewesen, das die Dyhrenfurths zur rechten Zeit hat umkehren lassen, weil der Preis stets zu hoch schien und der Sauerstoff auszugehen drohte. Der Sport war es aber, der Dyhrenfurth einst das Leben rettete: Gegen Kriegsende stand der Name des jungen Soldaten Dyhrenfurth auf der Liste in der gefährlichen Rundstedt Offensive im Ardennengebiet – der letzte Versuch der Deutschen, das Ruder noch herumzureißen. „Ich wurde aber von meinem Captain nicht hingeschickt, weil ich unsere amerikanische Mannschaft im Tischtennis trainiert habe“, so Dyhrenfurth. Stattdessen schickte man ihn in die Aleuten, wo „ich ein wenig mithalf, die Japaner zu vertreiben“, so die „liebevolle“ Umschreibung des Bergwanderers Dyhrenfurth. Was aber denkt ein Mann, der stets ein Kosmopolit war und Tibet als seine zweite Heimat bezeichnet, über den zunehmenden Rechtsruck in unserem Land? „Das wird doch nur im Ausland übertrieben dargestellt“, entgegnet Dyhrenfurth da. Seit 1970 lebt er mit seiner Lebensgefährtin – der mehrfach ausgezeichneten Skirennläuferin und Golferin Maria Sernetz – in einer Salzburger Stadtwohnung. Heimlich habe er, der nie etwas mit Golf am Hut hatte, in den USA Golfunterricht genommen. Seine erste Frau, mit der er 20 Jahre verheiratet war, lernte er hingegen durch das Filmgeschäft kennen. „Frauen hat es immer wieder gegeben“, schmunzelt er, und zu Leni Riefenstahl fällt ihm noch ihr Spitzname „Die Reichsgletscherspalte“ ein, „weil sie immer andere Burschen hatte“. Er selbst sei aber damals viel zu jung für sie gewesen. Das Reisen ist geblieben, oft ist Dyhrenfurth zu Vorträgen im Ausland geladen. Nur eines hat sich geändert: Seit kurzem verlangt der bescheidene Bergpionier nämlich, dass seine Partnerin ihn begleiten und das Paar erste Klasse fliegen darf. Weil das Knie nicht mehr mitmacht: „Da ist reines Titanium drin“, sagt er und klopt auf sein Bein. Golf ist nun sein Ausgleich geworden, die Berge kann der einstige Gipfelstürmer nur noch „schauen“.

Tibetische Träume. Sämtliche Erinnerungsstücke wie die teure Leica-Ausrüstung und die Bibliothek mit den vielen Büchern hat Norman Dyhrenfurth versteigern lassen, „weil ich das Geld brauchte“. Nur das Cutter-Gerät aus den 70er Jahren steht noch in seinem Arbeitszimmer. Zusammen mit den Publikationen und Fotos von den großen Persönlichkeiten, die Dyhrenfurth kennenlernen durfte: John F. Kennedy, den großen Regisseur Fred Zinnemann, den indischen Prime Minister Neru. Übermächtig prangt das Bild des Dalai Lama von der Wand. Diese Begegnung sei die schönste gewesen. „Stay here, you holiness“, habe er ihn während der Dreharbeiten und unter ungläubigem Staunen der Crew angewiesen, dieser habe daraufhin freundlich den Arm um ihn gelegt. So eine Erinnrung bleibt bis in die Ewigkeit. 100 Jahre möchte Dyhrenfurth nun nicht mehr werden, seine buddhistische Einstellung rückt die Angst vor dem Tod ohnehin in den Hintergrund. Und die Angst um seine Berge? „Der Klimawandel macht mir schon Sorgen, doch das wird mich nicht mehr betreffen“, sagt Dyhrenfurth, dessen unstetes Leben auch keine eigenen Kinder vertrug. Warum sich der Getriebene den Gefahren und Qualen im Himalaya – dem Thron der Götter - aussetzte, diese Frage scheint unnötig. Denn so wie die Sonne, die Liebe und der Tod braucht auch das Bergsteigen keine Rechtfertigung. Oder doch? „Merkwürdig“, sinniert Dyhrenfurth in seinem Buch, „dass die Erfüllung eines Traums höchstens Zweifel hinterlässt“.


Gerti Krawanja

 

EXPEDITIONEN VON NORMAN GÜNTER DYHRENFURTH
1938 – Alaska Expeditionen von National Geographic Society und Harvard University, Erstbesteigung des Mount McBaker
1952 – Schweizerische Mount Everest Expedition (8850 Meter), Kameramann
1955 – Internationale Himalaya Expedition zum Lhotse (8516 Meter), Leiter
1958 – Slick-Johnson Snowman Expedition (Yeti-Suchexpedition), stv. Leiter
1960 – Schweizerische Dhaulagiri Expedition (8167 Meter), Kameramann
1963 – Amerikanische Mount Everest Expedition, Leiter
1971 – Internationale Himalaya Expedition zum Mount Everest, Leiter
1986 – Herrligkofer Karakorum Expedition zum Broad Peak (8047 Meter) und K2 (8611 Meter), Fotograf und Kameramann

WICHTIGSTE FILME:
1936 – Werbefilm für die Olympischen Spiele Garmisch-Partenkirchen
1955 – Expeditionsfilm der Internationalen Himalaya Expedition zum Lhotse
1963 – Expeditionsfilm „Americans on Everest“ (Sprecher: Orson Welles)
1974 – Spielfilm „Eiger Sanction” von/mit Clint Eastwood
1981 – Spielfilm „Five Days One Summer” von Fred Zinnemann, mit Sean Connery (Regie und Kamera Bergszenen)
1981 – Dokumentarfilm „Tibetische Totenfeier“
1992 – Dokumentarfilm „Samsara – Ein Tibetisches Erbe“

EHRUNGEN
Hubbard Medaille, National Geographic Society
Franklin L. Burr Award, National Geographic Society
Tenzing Norgay Award, Explorers Club Citation of Merit
Golden Plate Award, American Acadamy of Achievement
Elisha Kent Kane Medaille, Geographical Society of Philadelphia

Samstag, den 01. November 2008 um 01:00 Uhr

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